Christina Gscheidl, 37, arbeitet seit 16 Jahren als Sportlehrerin, wobei die Tätigkeit inzwischen mehr eine Art Hobby ist: Im Hauptberuf ist Gscheidl die Leiterin des Sportzentrums an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, bildet also selbst künftige Lehrkräfte aus. Zudem sitzt sie im bayerischen Vorstand des Deutschen Sportlehrerverbandes (DSLV). Doch zumindest einmal in der Woche unterrichtet Gscheidl auch noch selbst. Jeden Freitag in der letzten Doppelstunde vor dem Wochenende.Gut 20 Minuten, nachdem der Sportunterricht nach Stundenplan hätte beginnen sollen, sind endlich alle Schülerinnen umgezogen und startbereit. Doch während Eva schon Überschläge übt, bevor es richtig losgeht, betrachtet ihre Klassenkameradin die aufgebaute Airtrack-Matte noch mit wenig Begeisterung. „Wir machen etwas für jede“, versichert Gscheidl, schwarze Leggins, schwarzes T-Shirt, als sie vor der Gruppe steht.Protokolle zum Schulsport in Bayern:„Für mich war Sport immer damit verbunden, etwas falsch zu machen“Für viele Kinder und Jugendliche ist der Sportunterricht mehr Pflicht als Vergnügen. Eine Schülerin und ein Schüler erzählen aus ihrer Schulzeit – und geben Anregungen, was man besser machen könnte.Tatsächlich jedoch ist man in diesem Moment bereits bei einer zentralen Herausforderung eines guten Sportunterrichts angelangt: An wem orientieren sich Gscheidl und ihre Kollegen? An ihr, die schon als Vierjährige im Verein geturnt hat – oder an ihr, die ihre Freizeit primär vor der Spielekonsole verbringt?Gscheidl erklärt jetzt erstmal, worauf es beim Sport auf einer Airtrack-Matte ankommt, etwa dass man nicht am Rand, sondern stets in der Mitte turnen sollte. Dann laufen die Schülerinnen, Frau Gscheidl vorneweg, über die Matte, klatschen dabei in die Hände und auf die eigenen Oberschenkel. Eine Schülerin darf die Abfolge vorgeben: „Schnips, Schnips, Klatsch, Oberschenkel“.Im Schulalltag nimmt der Sportunterricht eine besondere Rolle ein. Nur hier geht es weder darum, still zu sitzen, noch werden schriftliche Leistungen bewertet. Beim Sport muss niemand mathematische Formeln oder Vokabeln auswendig lernen. Stattdessen, so schreibt das Bayerische Kultusministerium, soll der Sportunterricht zu „lebenslangem sinnvollem Sporttreiben“ motivieren. Wie gut ihm das gelingt, ist jedoch fraglich. Laut einer Untersuchung der Deutschen Krankenversicherung (DKV) mit der Sporthochschule Köln aus diesem Jahr bewegen sich 41 Prozent der Erwachsenen in Bayern zu wenig. Im Bundesvergleich liegt der Freistaat damit auf dem letzten Platz.Schülersprecherin Magdalena Diankov: „Es ist absolut kontraproduktiv, Schülerinnen und Schüler, die sich verbessern wollen, mit schlechten Noten zu entmutigen.“ David Kirchner/ohUnd beim sogenannten Bewegungs-Zeugnis, einer Untersuchung zum Bewegungs- und Sitzverhalten von Kindern und Jugendlichen, bekam Deutschland vor drei Jahren in der Kategorie „Körperliche Aktivität“ die Schulnote 4-. Kaum besser die Bewertung im Bereich „Körperliche Fitness“: Hier kamen die Wissenschaftler der Technischen Universität München zu einer 4+. Nur jedes dritte Kind in Deutschland bewegt sich demnach ausreichend häufig. Und Experten gehen nicht davon aus, dass die Bewegungsfreude von Kindern seit dem Ende der Pandemie größer geworden ist.Für die Legitimation von Sportunterricht ist das ein Problem: In der Schule kommen viele Kinder erstmals mit (angeleitetem) Sporttreiben in Kontakt. Doch Begeisterung für Sport scheint das bei vielen eher nicht auszulösen. Bei einer Umfrage von infratest dimap aus dem Jahr 2017 gaben mehr als ein Viertel aller befragten Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 18 Jahren an, dass ihnen der Sportunterricht an ihrer Schule nicht gefällt. Bei den Mädchen waren es sogar 35 Prozent, mehr als jede Dritte also. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage des Online-Mediums Krautreporter zu den Gründen berichteten Betroffene zahlreich über fehlende Sensibilität der Lehrkräfte.Magdalena Diankov, 17, ist Landesschülersprecherin für Gymnasien in Bayern. Sie sagt im Gespräch: „Sportlehrkräfte werden oft nicht gezielt darauf vorbereitet, im Unterricht auch auf zwischenmenschliche Dynamiken und individuelle Herausforderungen der Schülerinnen und Schüler einzugehen.“ Eine fatale Beobachtung, sind doch gerade Scham und Angst häufig Schuld daran, dass Kinder im Sportunterricht keinen Spaß haben. Viele schämen sich dafür, etwas nicht zu können, oder haben Angst davor, beim Völker- oder Fußball das schwächste Teammitglied zu sein, auf dem die anderen rumhacken. Gerade in der Pubertät kommt zudem das oftmals komplizierte Verhältnis mit dem eigenen, sich verändernden Körper hinzu.Landesschülersprecherin Diankov fände eine Berücksichtigung der Teamfähigkeit bei der Benotung gutDass sich Schülerinnen und Schüler schwertun, mit solchen Gefühlen zur Lehrkraft zu gehen, hat für Diankov auch mit der „Machtposition“ zu tun, die Lehrkräfte im System Schule einnehmen. Sie fordert daher mehr Sozialpädagoginnen und Psychologen: „Da gibt es immer noch einen riesigen Mangel an allen Schulen.“In Eichstätt nimmt die Schwierigkeit der Übungen im Laufe des Unterrichts zu. Es wird viel gelacht, aber, soweit man das beurteilen kann, nicht über-, sondern miteinander. Zeit für Feedback, eine individuelle Betreuung gar, hat Christina Gscheidl indes kaum. „Übung macht den Meister“, ruft sie ihrer Klasse einmal zu.Später sitzt die Lehrerin in der Sonne, auf einer Mauer vor dem Schulgebäude, und erklärt, worauf es ihr ankommt, wenn sie Sportunterricht gestaltet: „Mir ist wichtig, dass ich die Schülerinnen zum und durch den Sport erziehe. Dabei soll auch die Freude an der Bewegung im Vordergrund stehen.“ Entsprechend ausgewogen müsse die Doppelstunde sein: „Heute zum Beispiel habe ich versucht, darauf zu achten, dass die Sprünge sauber ausgeführt werden. Da stand der Leistungsaspekt im Vordergrund. Ich wollte die Mädchen aber auch ermutigen, selbst zu gestalten. Deshalb durften sie sich ihre Rhythmen selber ausdenken.“ Ganz wichtig, betont Gscheidl, sei es, dabei die verschiedenen Perspektiven des Sporttreibens in den Unterricht mit aufzunehmen.Einer Schülerin etwa gelingen bei einer Übung auf der Matte innerhalb einer Minute 370 Trippelschritte. Dafür bekommt sie Applaus vom Rest der Klasse und der Lehrerin. Andere Mädchen kriegen am Ende der Stunde, mit etwas Hilfestellung von Frau Gscheidl, sogar einen Flickflack hin. „Es ist toll“, erklärt die Lehrerin, „wenn die Schülerinnen stolz nach Hause kommen und erzählen, dass sie heute einen Flickflack geschafft haben.“Und was ist mit denjenigen, die weder 370 Trippelschritte noch einen Flickflack schaffen?„Es ist schwierig, auf jede einzelne einzugehen“, gibt Gscheidl zu. „Da bleibt natürlich etwas auf der Strecke.“ Selbst wenn man, wie sie in diesem Schuljahr, bloß zwanzig und nicht neunundzwanzig Schülerinnen unterrichtet. Zumindest an diesem Tag jedoch „glaube ich sagen zu können, dass alle Schülerinnen mit Freude aus dem Unterricht gegangen sind, weil jede ihren Fertigkeiten entsprechend etwas Neues lernen konnte.“ Guter Sportunterricht kann, so sieht das Christina Gscheidl, also auch bedeuten, das bestehende Leistungsgefälle einfach hinzunehmen und die Bewegung aller – innerhalb ihrer individuellen Möglichkeiten – zu fördern.Es wird viel darüber diskutiert, ob man Teams noch wählen lassen darfUnd wie geht man bei der Benotung mit diesem Leistungsgefälle um? Laut Christina Gscheidl jedenfalls nicht, indem man einfach gar keine Noten mehr im Sportunterricht verteilt: „Das Leben besteht ja auch aus Situationen, in denen man scheitert und mit Niederlagen umgehen muss.“ Außerdem verlöre der Sportunterricht durch die Abschaffung von Noten seine Wertigkeit. Gleichzeitig, sagt Gscheidl, sei es ihr wichtig, dass sich die Bewertung nicht rein auf die sportlichen Fähigkeiten beschränkt. So könnten sich die Schülerinnen bei ihr etwa gute Noten durch Beteiligung am Auf- und Abbau sowie durch Pünktlichkeit verdienen. Zudem achte sie auch darauf, inwieweit sich die Mädchen untereinander helfen. „Wenn jemand, rein sportlich gesehen, keine Einserschülerin ist, sich aber trotzdem immer engagiert präsentiert, kann sie trotzdem eine gute Note erreichen.“Gespräch über Schulsport:„Guter Sportunterricht ist, wenn Schüler wissen, was sie tun und warum sie es tun“Ralf Sygusch ist Professor für Sportpädagogik und -didaktik. Im Interview erklärt der Sportpädagoge, wie guter Sportunterricht funktioniert – und warum Noten auf keinen Fall abgeschafft werden sollten.Landesschülersprecherin Magdalena Diankov sagt, sie und ihre Kolleginnen und Kollegen im Landesschülerrat fänden nicht bloß eine Berücksichtigung der Teamfähigkeit gut. Sondern sie setzten sich zudem für eine „individualisierte, prozessorientierte Benotung im Sportunterricht ein“. Denn sich in einer Disziplin zu verbessern, sei genau das: ein Prozess. „Wer nur die Tagesleistung bewertet und nicht den gesamten Lernprozess, verfehlt den eigentlichen Sinn des Sportunterrichts. Es ist absolut kontraproduktiv, Schülerinnen und Schüler, die sich verbessern wollen, mit schlechten Noten zu entmutigen.“Bayrische Sportlehrkräfte sind grundsätzlich sehr frei darin, wie sie ihre Schülerinnen und Schüler benoten. Lehrerin Christina Gscheidl findet das richtig. Es bedeutet aber auch: Letztlich kommt es, wie so oft in der Schule, stark darauf an, wie viel Mühe und Gedanken sich die Lehrkraft macht. Denn es ist auch nicht verboten, strikt nach Tabellen zu benoten. Dabei spielen dann weder die unterschiedlichen Voraussetzungen noch das Bemühen eine echte Rolle. Sondern bloß die Leistung am Tag der Benotung: Wer als Mädchen in der sechsten Klasse die 50 Meter in acht Sekunden läuft, bekommt eine Eins – und wer erst nach zehn Sekunden im Ziel ist, kriegt gerade so noch eine Vier. Eine Zahl, eine Note. Da ist Frustration vorprogrammiert.Zumindest Christina Gscheidl aber sagt, sie mache als Dozentin an der Universität die Erfahrung, dass werdende Sportlehrerinnen und Sportlehrer viel Motivation aufbringen, einen guten Sportunterricht umzusetzen. Es werde, so Gscheidl, zum Beispiel viel darüber diskutiert, ob man Teams noch wählen lassen darf und inwieweit es Gewinner und Verlierer bei Spielen geben sollte. Eindeutige Antworten gibt es für Gscheidl zu all dem nicht. Sie sagt: „Grundsätzlich sollte man schon auch auf die Wünsche der Schülerinnen eingehen.“ Wenn sie einmal selbst die Gruppen bilden wollten, sei das okay, „allerdings würde ich dies dann nicht unbedingt mit Wählen machen, sondern ihnen im Sinne des sozialen Lernens den Auftrag geben, gleichstarke Teams innerhalb von zwei Minuten zu bilden“.In ihrem eigenen Unterricht gibt es an diesem Freitagvormittag weder Teams noch Noten. Stattdessen dürfen sich die Schülerinnen am Ende der Doppelstunde noch ein wenig frei bewegen. Sie achte sehr stark darauf, sagt Gscheidl, dass die Mädchen möglichst wenig stehen. Und so wirken zumindest die meisten von ihnen doch recht ausgepowert, als der Sportunterricht nach gerade einmal 45 Minuten Bewegung schon wieder vorbei ist.
Schwerpunkt zum Schulsport in Bayern: 370 Trippelschritte in einer Minute
Viele Kinder und Erwachsene bewegen sich zu wenig, gerade in Bayern. Welche Rolle spielt dabei der Sportunterricht? Besuch bei einer fünften Klasse und ihrer Sportlehrerin in Eichstätt.







