PfadnavigationHomeICONISTTrendsArtikeltyp:MeinungNotizen aus der ProvinzKein Mensch ist MüllVeröffentlicht am 18.09.2025Lesedauer: 3 MinutenEin Haufen Gelber Säcke in Erlangen, Mittelfranken, der Heimat des KolumnistenQuelle: picture alliance/imageBROKER/Helmut Meyer zur CapellenUnser Autor kommt vom Einkaufen und sieht einen Mann, der aus seiner Mülltonne isst. Mitten in einer kleinen, wohlhabenden Stadt in Deutschland. Versuch, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden.Ich war 16, als ich aus meinem beschaulichen fränkischen Dorf Pretzfeld mit meiner Mutter nach New York reiste. Ich erinnere mich noch genau an den Landeanflug, an das orangefarbene Licht im September, an den Trump Tower, das Dakota Building, an den Central Park.Aber eine der prägendsten Erinnerungen für mich als Dorfkind war dieser Mann. Es war ein Afroamerikaner, der vor mir stand und mich nach Geld fragte. Seine Kleidung war ein schwarzer Müllsack. Den hatte er sich über den Kopf gezogen, für Arme und den Kopf Löcher hineingemacht.Natürlich hatte ich zuvor schon mal Bettler gesehen. In Bonn, in Nürnberg. In Erlangen, wo ich heute wieder lebe, gab es einen Mann, der immer den gleichen Wollpullover trug und tourettehaft wüste Beschimpfungen von sich gab. Es hieß, er sei Mathematikprofessor gewesen. Aber dieser Mann mit der Mülltüte in New York war so eindrücklich, dass ich ihn bis heute nicht vergessen kann. Ein Mann, ohne Schuhe, ohne Hose, mit nichts als einer Mülltüte. Er war das Sinnbild für die Weltsicht von einem wie Patrick Bateman aus dem Roman „American Psycho“. Für einen wie Patrick Bateman war dieser Mann Müll – die Mülltüte, in der er steckt, war der Beweis.Lesen Sie auchHeute komme ich vom Einkaufen. Ich lebe, wie gesagt, in Erlangen, einer kleinen Stadt in Mittelfranken. Das Durchschnittsgehalt in Erlangen ist das höchste in bayerischen Städten, noch vor München, es gehört zu den höchsten in Deutschland. Als ich die Einkäufe ins Haus trage, sehe ich einen Mann davor sitzen. Der Mann sitzt da auf einem dieser kniehohen Zäune um den Grünstreifen. Seine Haut ist braun gebrannt vom Sommer, er hat einen zerzausten Bart und Sommersprossen. Er hat einen Rucksack, eine Isomatte und drei überquellende Tüten dabei. Um ihn herum liegen leere Verpackungen aus unserer Mülltonne. Die Packung mit der verschimmelten Gelbwurst, die ich vor dem Urlaub im Kühlschrank vergessen hatte, die Reste eines Krautsalats, der vor über einem Monat abgelaufen ist und wie Essigkonzentrat gerochen hat.Die Reste meines Mülls sind sein Abendessen. Und ich weiß nicht, was ich dazu sagen, denken oder schreiben soll, was irgendwie klug, menschlich oder besonders ist. In diesem Moment weiß ich aber auch nicht, was ich tun soll. Soll ich ihn ansprechen? Aber wäre das nicht auch übergriffig? Würde ich damit nicht sein letztes Stück Selbstbestimmung nehmen? Soll ich ihm einfach was aus meinen Tüten geben?In Berlin hat mich mal ein Mann am Hauptbahnhof nach Bargeld gefragt. Ich hatte keins. Aber ein noch verpacktes Sandwich, eine Cola und Zigaretten, die ich mit Karte bezahlt hatte. Als ich sie ihm anbot, hat mich der Mann angeschrien, was das denn soll, dass ich ihm mein „Scheiß-Brot und die Cola“ gebe. Auch deswegen tue ich heute nichts. Manchmal gibt es kein falsch oder richtig, denke ich. Und so kann ich hier nur schreiben, dass er mir unendlich leidtut. Kein Mensch ist Müll. Und keiner sollte so leben müssen.
Notizen aus der Provinz: Kein Mensch sollte wie Müll behandelt werden - WELT
Unser Autor kommt vom Einkaufen und sieht einen Mann, der aus seiner Mülltonne isst. Mitten in einer kleinen, wohlhabenden Stadt in Deutschland. Versuch, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden.








