PfadnavigationHomeICONISTTrendsMystery-Pack-AutomatenGezahlt wird weniger für die Ware als für den KickVon Frank LorentzVeröffentlicht am 02.10.2025Lesedauer: 5 MinutenWas wohl darin steckt? Ein Paket im Mystery-Pack-Automaten in Frankfurt am MainQuelle: Frank Rumpenhorst/dpa/picture allianceVielleicht steckt ein Smartphone im Päckchen? Eine Rolex? Möglicherweise auch nur ein paar Socken: An Mystery-Pack-Automaten werden deutschlandweit originalverpackte Post-Retouren für wenig Geld verkauft. Gezahlt wird weniger für die Ware als für den Kick.Fernsehen lohnt sich. Manchmal bringt es einen auf Ideen für ein Business. Diese Erfahrung machte Sascha Theis, der im Frühjahr vergangenen Jahres zusammen mit seiner Frau Alina einen Bericht über die Familie Keuters aus Niederrieden im Allgäu schaute. Die Keuters hatten vor einem Schuppen einen ungewöhnlichen Automaten aufgestellt, der als deutschlandweit erster seiner Art gilt: Er war bestückt mit Post-Retouren, originalverpackt. Für ein paar Euro konnte man sich die kleinen Pakete wie einen Schokoriegel oder eine Tüte Chips ziehen. Als Name für die Überraschungspakete bürgerte sich schnell „Mystery Packs“ ein, wahlweise „Secret Packs“. Ein Glücksspiel: Vielleicht zieht man ja für zehn oder 20 Euro ein iPhone. Vielleicht aber auch nur Micky-Maus-Socken in Größe 52. Lesen Sie auch„Das machen wir auch!“, beschlossen vor dem Fernseher die Eheleute Theis, die im rheinland-pfälzischen 500-Einwohner-Nest Bergen eine Spedition betreiben und passenderweise schon im Besitz von Automaten waren. Sie kauften bei einem „Fulfillment-Dienstleister“ – so heißen die Firmen, die sich im Auftrag von Onlinehändlern um die Abwicklung eines Kaufs kümmern, vom Versand bis zur Reklamation – eine Palette mit Retouren, platzierten einen Automaten vor ihrer Lagerhalle und teilten über soziale Medien mit: Heute ab 18 Uhr ist unser Mystery-Pack-Automat betriebsbereit. „Um 17 Uhr standen die Leute Schlange“, erinnert sich Sascha Theis. „Sie rissen uns die Pakete förmlich aus den Händen. Wir kamen gar nicht dazu, den Automaten zu füllen.“ Mittlerweile betreibt das Paar im Umkreis von 100 Kilometern 23 solcher Verkaufsapparate und zählt damit zu den größten Mystery-Pack-Automatenbetreibern im Land. „Ein schönes, ehrliches Geschäft“, sagt Theis. Eine App informiert, wann und wo nachgefüllt werden muss. Anfangs habe er befürchtet, einem Hype auf den Leim gegangen zu sein. Doch das Gegenteil trat ein – die Umsätze erweisen sich als stabil. Wie er sich den Erfolg erklärt? „Die Menschen lieben Überraschungen.“ Tatsächlich hat sich das Geschäft in Windeseile flächendeckend etabliert. Mystery-Pack-Automaten finden sich heute landauf, landab. An Tankstellen, vor Imbissbuden, in Shoppingcentern. Ob in Borken, in Düsseldorf oder in Trier. Die Pakete kosten zehn, 20 oder auch 40 Euro. Den Adrenalineinschuss beim Aufreißen gibt es gratis on top. In mehr als 50 Prozent der Päckchen steckt KleidungEin Geschäftsmodell mit Zukunft, denn dass es an Retouren jemals mangelt, ist so unwahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Nach Angaben der „Forschungsgruppe Retourenmanagement“ der Universität Bamberg hat Deutschland europaweit eine der höchsten Retourenquoten. Der Gruppe zufolge liegt die Quote für Kleidung im Schnitt bei 56 Prozent, für Elektroartikel bei 19 Prozent und für Bücher und Medien bei 12 Prozent.Vier von fünf Deutschen shoppen im Internet. Mal stimmt die Größe der bestellten Ware nicht. Mal missfällt sie aus anderem Grund. Folge: Jährlich gehen Millionen von Paketen retour. Hinzu kommen jene, die vom Lieferdienst – warum auch immer – nicht zugestellt werden konnten. Wohin mit dieser gewaltigen Menge? Für die Anbieter lohnt es zumeist nicht, die Artikel wieder in den Konsumkreislauf einzuspeisen: Transport, Entgegennahme, Verwaltung – zu aufwendig, zu teuer. Darum verkaufen sie sie üblicherweise an ihre Fullfillment-Dienstleister, die sie ihrerseits weiterverhökern, zu Kilo- oder Palettenpreisen. Sascha Theis zum Beispiel bestellt für seine 23 Automaten monatlich „eineinhalb bis zwei Lkw-Ladungen“. Wobei Vorsicht angezeigt ist: „Man muss aufpassen, wo man einkauft. Bei manchen Dienstleistern bekommt man nur Billigschrott aus China.“ Der führt dann bei der Automatenkundschaft zu geschäftsschädigendem Frust.Lesen Sie auchZahllose Videos in den sozialen Medien zeigen, wie Menschen vor einem Mystery-Automaten den magischen Moment des „Unboxings“ feiern – und dann mit großen Augen beispielsweise Sexspielzeug in der Hand halten. Oder Schwimmflügel. Teelichter. Eine Handyhülle. Funktionshandtücher. Ein USB-Ladekabel. Mini-Wasserpistolen aus Plastik. Eine Tüte voller Möbelgriffe. Eine Tunika in XXL. Ein faltbares Fußbad. Gezahlt wird weniger für die Ware als für den Kick: Es könnte ja in dem Paket etwas Kostbares sein. Eine Rolex. Ein Goldbarren! Anders als beim Lottospielen braucht man beim Mystery-Pack-Shopping nicht lange zu warten, bis klar ist, ob sich die Investition rentiert hat. Zwischen Spannung und Enttäuschung – oder Freude – liegen schließlich nur Sekunden. Das macht Mystery-Pack-Shopping zum Glücksspiel der Wahl für Schnäppchenjäger mit gering ausgeprägter Impulskontrolle, angesiedelt auf einer ähnlichen Stufe wie im Casino der einarmige Bandit. Nur dass es im Casino nicht dieses verheißungsvoll knisternde, weihnachtlich anmutende Auspacken gibt.Der Inhalt der Überraschungspakete? Eher minderwertigLängst bekommt man die Überraschungspäckchen auch in Geschäften, beispielsweise beim Elektronikhändler Saturn. Beim französischen Unternehmen „King Colis“ gibt es für 89,90 Euro fünf Kilo „verloren gegangene E-Commerce-Pakete“. Zehn Kilo für 169,90. Die „Premium-Pakete“ sind noch etwas teurer. Auf der Firmenwebsite heißt es: „Bereit für die Schatzsuche?“ Der Überraschungseffekt ist garantiert. Wobei das Wort Schatz übertriebene Erwartungen weckt. Die Stiftung Warentest kam bei einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass der Inhalt von Überraschungspaketen tendenziell minderwertig ist. Mag sein, dass schon mal jemand für einen Zehner ein Smartphone ergatterte. Das ist jedoch die Ausnahme.Sascha Theis sagt, er achte darauf, keinen Ramsch anzubieten, und linse vorsorglich in jedes Päckchen, ehe es in den Automaten kommt. Allein schon aus rechtlichen Gründen. Am Ende ist etwas drin, das gegen Datenschutzbestimmungen verstößt. Manchmal peppe er den Inhalt auf und lege ein Goodie hinzu, betont er. Darko Banovic, der seit einem halben Jahr in der Düsseldorfer Innenstadt einen Mystery-Pack-Automaten betreibt, erzählt, dass in die Geräte ja nur kleine Pakete hineinpassten. Sind zu große auf der angelieferten Palette, behält er sie. Einmal habe seine Tochter ein Paar neue UGG-Boots ausgepackt. In einem anderen Großpaket steckten vier Paar hochwertige Damen-Wanderschuhe. Einmal Händler, immer Händler: Banovic fotografierte die Artikel – und bot sie auf Ebay an.