Eine Vernissage im Herbst in der Münchner Innenstadt. Draußen legt sich der Nebel über den Asphalt. Drinnen ist der DG Kunstraum hell erleuchtet. Die Künstlerin Cana Bilir-Meier zeigt Bilder, Filme, eine Installation. Viele Menschen sind ihrer Einladung gefolgt. Sie sitzen im Kreis um einen meerblauen Teppich. Befreundete Künstler tragen Gedichte vor, machen Musik. Als Sezgin Inceel mit seiner Gitarre in die Mitte tritt, wird es still.
Er stimmt noch mal kurz das Instrument nach, macht nicht viele Worte, beginnt zu singen. Auf Türkisch. Lyrische Verse, sanfte Melodien. Man muss sie nicht verstehen, um zu spüren: In diesem melancholischen Song steckt viel Kraft.
„Kaktüs“ lautet der türkische Titel. Das Lied bedeute ihm sehr viel, sagt Sezgin Inceel, als man ihn ein halbes Jahr später wieder trifft. Die Stadt dampft in der Sommerhitze. Der Musiker sitzt unter einem Sonnenschirm auf der Terrasse des Kulturzentrums HP8, schwarzes Hemd, grau melierte Hose, Socken mit einem kleinen grünen Kaktus drauf.
Ein Kaktus blüht auf, wenn er Zuwendung erhält. Aber er geht nicht gleich ein, wenn er vernachlässigt wird. In solchen Zeiten schöpft er aus inneren Reserven. Auch lässt er sich nicht so leicht verletzen. Mit seinen Stacheln leistet er Widerstand. „Keine andere Pflanze hält so viel aus“, sagt Sezgin Inceel jetzt und lacht, „der Kaktus ist für mich ein perfektes Sinnbild für Resilienz.“







