PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungAngriff in KatarWas Netanjahu riskiertVeröffentlicht am 12.09.2025Lesedauer: 3 MinutenEin Satellitenbild von Doha zeigt die Schäden nach dem israelischen AngriffQuelle: Planet Labs PBC/Planet Labs PBC/Mit der Hamas kann man nur reden, wenn man dauerhaften Druck ausübt – auch militärischen. Aber das israelische Vorgehen gegen die Hamas-Führung in Katar gefährdet die Interessen des jüdischen Staates und des Westens.Die deutsche Debatte wird dem Nahen Osten nicht gerecht, weil sie die Region so wahrnimmt, wie Gotthold Ephraim Lessing sich das Theater gewünscht hatte: als „moralische Anstalt“. Doch was im Vorderen Orient geschieht, ist zu widersprüchlich für ein Lehrstück über Gut und Böse. Darum irren die Linken, die Israel als Aggressor wahrnehmen und die Terrormiliz Hamas als Freiheitskämpfer. Es irren aber auch jene Freunde Israels, die jede Militäraktion des jüdischen Staates als sinnvollen Akt der Notwehr begreifen. Wer der einzigen Demokratie des Nahen Ostens Überleben und Erfolg wünscht, darf fragen, ob der Angriff auf die Auslandsführung der Hamas in der katarischen Hauptstadt Doha wirklich den Interessen Israels gedient hat.Natürlich: Es kann keinen Frieden im Nahen Osten geben, wenn die Hamas ein bestimmender Machtfaktor bleibt. Sie ist keine Verwandte der irisch-katholischen IRA, sondern eine von endzeitlichen Prophezeiungen getriebene Miliz, deren Selbstmordlogik keine dauerhafte Verständigung zulässt. Genau das zeigen die unvorstellbaren Grausamkeiten beim Angriff am 7. Oktober 2023, den die Miliz trotz jahrelangen Arrangements mit Netanjahu geplant und durchgeführt hat.Mit solchen Kräften kann man nur verhandeln, wenn man dauerhaften und nicht grundsätzlich beschränkten militärischen Druck ausübt. Das zeigt das Gegenbeispiel der Taliban, die über Jahre zum Schein verhandelten, weil sie wussten, wann die Nato aus Afghanistan abziehen würde. Heute betreiben sie dort unbehelligt ein islamistisches Emirat. Derlei ist in Gaza ohne Waffengewalt nicht zu verhindern. Reden allein hilft nicht immer.Lesen Sie auchAber schießen allein hilft auch nicht. Israel hat die Hamas in Gaza so weit besiegt, wie es möglich ist. Es existieren nur noch versprengte Kleingruppen, die keine echte Gefahr mehr darstellen. Mit einer Einigung könnte Israel so viel erreichen: die Freiheit der Geiseln; ein Ende des Militäreinsatzes, der das Land bluten lässt und traumatisiert; ein Konstrukt, auf dem Beziehungen zu den Palästinensern gestaltet werden könnten; die Beseitigung des letzten Hindernisses für einen Frieden mit dem Königreich Saudi-Arabien und damit die Verankerung Israels in fast der gesamten muslimischen Welt.Doch nichts davon können Netanjahus der Siedlerbewegung nahestehende Koalitionspartner akzeptieren. Das bringt den Premier, der einst mehr für Israels Frieden mit den Arabern getan hat als viele seiner Vorgänger, in ein existenzielles Dilemma. So zeigt er immer weiter Stärke und hofft auf einen Ausweg. Aber deshalb mitten in den Verhandlungen die Knarre zu zücken und auf den Vermittler Katar zu schießen, ist nicht nur dumm, es gefährdet auch die langfristigen Interessen Israels und des Westens.Natürlich entspricht Katars Verhältnis zu Islamisten nicht westlichen Vorstellungen. Und natürlich verfolgt der Golfstaat wie jeder andere eigennützige Ziele. Aber das Land hat bewiesen, dass es seine Kontakte im Dienste von Stabilität und humanitären Zwecken zu nutzen bereit ist. Dass die USA in Katar ihre größte Militärbasis im Nahen Osten betreiben, beweist das Vertrauen einer Supermacht, die falsche Freunde erkennen würde und nicht auf sie angewiesen wäre. Und in Europas Krieg mit Russland wäre ohne katarische Gaslieferungen buchstäblich der Ofen aus. Das reiche Emirat ist Teil einer Sicherheitsstruktur, von der auch Israel profitiert. Darum hat Netanjahu mit diesem Angriff weitaus mehr riskiert, als er jemals hätte gewinnen können.