PfadnavigationHomeICONISTServiceModernes BrauchtumDer Polterabend ist zurück!Von Anja Francesca RichterVeröffentlicht am 11.09.2025Lesedauer: 6 MinutenPolterabend, früher: Im August 1984 feierte Sängerin Nicole in Nohfelden im Saarland – am Abend vor ihrer Hochzeit mit Winfried Seibert, mit dem sie noch immer zusammen istQuelle: Getty Images/Peter BischoffDer Polterabend schien für immer verdrängt vom Junggesellenabschied auf der Reeperbahn oder Mallorca. Doch viele Paare kehren zur Traditionssause mit Porzellan-Schmeißen zu Grillwürsten zurück. Woran das liegt – und wieso die Scherben einfach zur Feier gehören.An Accessoires für nächtliche Streifzüge durch kleine wie große deutsche Städte mangelt es nicht: Haarreifen mit lilafarben glitzernden Mini-Penissen auf Spiralfedern, Bauchtaschen, die die später für einen Euro an fremde Männer abgegebenen Kondome effekthascherisch in Szene setzen, oder aufblasbare Brüste zum Umschnallen, wie sie so mancher auf Partyzubehör spezialisierte Shop führt. Auch Kurztrips nach Las Vegas oder an den Ballermann, um dort in Casino oder Club bei einem 24-Dollar/Euro-Cocktail das Ende der großen Freiheit zu zelebrieren, lassen sich nach wie vor problemlos buchen. Doch viele Eheleute in spe möchten ihren ursprünglich aus Großbritannien und Irland stammenden, aber in den USA besonders populären Junggesellenabschied laut Branchenexperten inzwischen ganz anders feiern: weg vom feuchtfröhlichen Umherziehen in Kleinstgruppen an – halbwegs – unbekannten Orten hin zur stilvoll-beschwingten Abendveranstaltung – selbst wenn sie im eigenen Garagenhof stattfindet, auf dem das Brautpaar als Kinder mit Kreide malten.Lesen Sie auchDer klassische Polterabend, den schon die Eltern in den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren mit Girlanden, Mettigel und Hühnersuppe feierten, erlebt eine Renaissance – wenn auch zeitgemäß angepasst. „Die Idee aber bleibt dieselbe: als Paar gemeinsam, nicht getrennt im jeweiligen Freundeskreis, mit möglichst vielen Menschen – nahestehenden wie ferneren aus Nachbarschaft, Kollegenkreis oder Verein – informell auf die bevorstehende Ehe anzustoßen“, erklärt Elke Nehring. Gepoltert wird weiterhin mit Porzellan, also Tellern, Tassen und anderem Steingut (nur kein Glas, das bringt Unglück!), um dem germanischen Brauch zufolge die Götter milde zu stimmen und diese um eine erfolgreiche Ehe zu bitten (oder aber böse Geister fernzuhalten, je nach Auslegung). Und auch das gemeinsame Kehren der Scherben, symbolisch für den künftigen Lebensweg stehend, gehört nach wie vor dazu. „An diesem Ritual rüttelt kein Paar!“Elke Nehring, die ihre Agentur in Langenfeld (Nordrhein-Westfalen) führt, plant seit mehr als 20 Jahren Hochzeiten sowie sämtliche Veranstaltungen rund um das große Fest – und beobachtet den Trend zur Rückkehr des Polterabends derzeit besonders deutlich: „Zwar gibt es immer noch junge Frauen und Männer, die für ihre Junggesellenabschiede unbedingt irgendwo hinfliegen oder wenigstens eine Landesgrenze überqueren müssen. Aber so viele Anfragen für die Organisation von Polterabenden wie 2025 habe ich seit Jahren nicht erhalten.“Die Veranstaltung – idealerweise 14 Tage vor dem Ja-Wort, „damit sich alle entsprechend erholen können“, wie Nehring rät – sei die perfekte Gelegenheit, auch jene Menschen einzuladen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht an der Hochzeit selbst teilnehmen können (oder sollen), sich so aber dennoch als Teil der erweiterten Feierlichkeiten fühlen. Hinzu kommt: Jedes fünfte Paar der Generation Z, also jener zwischen 1995 und 2010 Geborenen, lädt zu seiner Hochzeit ohnehin weniger als 30 Gäste ein, wie die deutsche Hochzeitsplanungs-App Bridebook kürzlich in einer Umfrage unter knapp 3000 verlobten und frisch verheirateten Paaren erhoben hat. Sie mögen es lieber bewusst statt verschwenderisch, heißt es.Der finanzielle AspektDen Hauptgrund für das Comeback des Polterabends wiederum sieht Expertin Nehring im Finanziellen. Sie kalkuliert mit 40 bis 50 Euro pro Person für Verpflegung und Getränke – bei rund 100 Gästen summiert sich das schnell auf den Preis einer Balearen-Reise, wenn nicht gar darüber hinaus. „Dafür habe ich dann aber alle Menschen um mich, und nicht nur vier, fünf gute Freunde, von denen die Brautleute im Grunde verlangen, dass sie mehrere Hundert Euro für einen Kurztrip ausgeben“, betont Nehring.Zumal zu den eigentlichen Hochzeitskosten wie Anreise und Geschenk noch weitere Ausgaben hinzukämen. Und: 86 Prozent der von Bridebook befragten Paare planen nach eigenen Angaben „mindestens ein nachhaltiges Element“ wie den Verzicht auf Einwegplastik ein. Ein Kurztrip ins Glücksspielparadies Las Vegas oder an den Ballermann fügt sich da nur schwer ins Bild.Bei einem Polterabend feiern Familie, Freunde und Bekannte, noch bevor das Ja-Wort gesprochen ist – und das, ohne dass Gäste einen Euro zahlen müssen. Für das Brautpaar lässt sich die Preisgestaltung dabei flexibel handhaben. „Derzeit liegen Foodtrucks absolut im Trend“, erklärt Nehring. Wer jedoch keinen Wert darauf legt, dass Profis Flammkuchen, Focaccia oder Mini-Burger zubereiten, setzt schlicht auf selbst gemachten Nudel- oder Eiersalat und Würstchen aus dem Supermarkt. „Das Wichtigste – wenn auch eine Binsenweisheit – ist, dass es genug gibt, gerade bei den Getränken“, betont Nehring. „Darum empfehle ich zumindest in diesem Punkt einen Caterer, der Bier, Cola und Co. im Zweifel auch wieder mitnimmt.“Lesen Sie auchFormelle Einladungen wie bei Junggesellenabschieden gibt es beim Polterabend nicht; das Paar lädt auf Zuruf ein. Wer kommen möchte, schaut vorbei – „und das kann dann auch schon mal die gesamte Handballmannschaft sein“. Gerade auf dem Land mit einem weniger anonymen Alltag gehören Polterabende, wenn auch eine zeitlang seltener veranstaltet, noch immer vergleichsweise oft zum Hochzeitsfest.Für die Dorfparty spricht zudem, dass sich eine Scheune beim Bauern um die Ecke in der Regel leichter organisieren lässt als ein Restaurant oder eine vergleichbare Location in der Stadt. Und während ebendort die Einhaltung der Ruhezeiten die Stimmung schnell dämpfen kann, lässt es sich auf dem Land oft unbeschwerter feiern – ein weiterer Grund, der für die Sause außerhalb spricht.Inspiration von Social Media„Wichtig finde ich auch, dass die Gäste ohne Auto an- und wieder abreisen können“, sagt Expertin Nehring. Dann spiele es keine Rolle, ob die Feier im vermeintlich weniger glamourösen Kleingartenheim oder im Festsaal von Opas bevorzugtem Bowlingcenter stattfinde. „Wir dekorieren ohnehin.“ Viele Bräute kämen nämlich, obwohl sich alle den Polterabend im Vergleich zur Hochzeit „rustikal und bodenständig“ wünschten, mit reichlich Inspiration aus den sozialen Netzwerken.Das belegen auch Zahlen der Bridebook-Umfrage: „Im Einklang mit dem Trend zur digitalen Erstrecherche führt die Gen Z mehr Online-Recherchen durch als Generationen zuvor.“ In der Realität bedeute das, „dass die Bierbänke anders als früher hellblau gestrichen sind, Felle darauf liegen oder Kissen Karomuster tragen“, berichtet Nehring. „Auch Polterabende im Festival-Style mit unter anderem Popcorn, Live-Musik und Merchandise-Stand, an dem es Tassen und T-Shirts mit Foto-Aufdruck des Brautpaars gibt, sind begehrt!“ Schick darf es also durchaus zugehen – auch bei der Kleidung. „Drei Bräute allein feierten in diesem Jahr im Dirndl“, erzählt Nehring. Die Gäste hingegen hielten sich zurück und bügelten Kleid oder Anzug erst fürs große Fest auf, sollten aber auch nicht in der Jogginghose erscheinen. „Schließlich landen die Fotos, die nicht selten ein eigens gebuchter Content Creator macht, auf Instagram“. Dort also, wo sich Bilder mit Mini-Penissen am Haarreif eher selten finden.
Modernes Brauchtum: Der Polterabend ist zurück! - WELT
Der Polterabend schien für immer verdrängt vom Junggesellenabschied auf der Reeperbahn oder Mallorca. Doch viele Paare kehren zur Traditionssause mit Porzellan-Schmeißen zu Grillwürsten zurück. Woran das liegt – und wieso die Scherben einfach zur Feier gehören.






