Seit Monaten haben sich Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW), der auch für die Jagd in Bayern zuständig ist, erbittert über das neue bayerische Jagdgesetz gestritten. Jetzt gibt es eine Einigung und es sieht danach aus, als hätten Kaniber und damit die Forstleute und Waldbesitzer einen wichtigen Durchbruch erzielt.Denn die Eckpunkte, die das Kabinett unter Führung von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für das Jagdgesetz beschlossen hat, enthalten wichtige Forderungen, die Kaniber und Co. bisher vergeblich vorgebracht hatten. Aiwanger hatte über Monate hinweg den Eindruck erweckt, dass er sie nicht akzeptieren werde. Nun hat offenkundig eine Intervention von Söder den Weg frei gemacht, dass er ihnen folgt.Kanibers Erfolg ist deshalb wichtig, weil der Jagd eine Schlüsselrolle für eine gute Zukunft der Wälder in Bayern zukommt. Denn die Wälder werden ja nicht nur durch den Klimawandel gebeutelt, der vor allem der Fichte, aber in den vergangenen Jahren verstärkt auch der Buche Probleme macht. Sondern es leben so viele Rehe in ihnen, dass vor allem die jungen Buchen und Eichen, aber auch die kleinen Tannen kaum Chancen haben, groß und stark zu werden. Der Grund: Ihre Triebe sind Leckerbissen für die Rehe. Die Tiere fressen die jungen Bäume vielfach so sehr ab, dass sie nicht nachwachsen können, sondern – früher oder später – absterben.Nach allen einschlägigen Gutachten ist der sogenannte Verbiss in etwa der Hälfte der Hegegemeinschaften in Bayern – das sind die 750 größeren Einheiten, zu denen die 12 700 Jagdreviere im Freistaat zusammengefasst sind – so hoch, dass dort dringend schärfer gejagt werden müsste, wenn der Wald eine Chance gegen das viele Wild haben soll. Umgangsprachlich werden diese Hegegemeinschaften und Reviere rote Hegegemeinschaften und rote Jagdreviere genannt. Nur in der anderen Hälfte ist der Verbiss der jungen Bäume einigermaßen tragbar oder sogar günstig. Letzteres heißt, dass dort der Wald unbelastet von Fressschäden heranwachsen kann. Entsprechend heißen diese Hegegemeinschaften und Jagdreviere grüne Hegegemeinschaften und grüne Jagdreviere.Mit ihrer Gesetzesreform will die Staatsregierung nun der Jagd neue Wege eröffnen, vor allem in den roten Hegegemeinschaften und den roten Jagdrevieren. Die Basis sollen dort künftig jährliche Waldbegänge sein, bei denen Jäger, Waldbesitzer und Forstleute den Zustand des Waldes und der jungen Bäume beurteilen. Daran anschließend entwickeln sie ein Jagdkonzept mit Vorgaben, wie viele Rehe erlegt werden müssen. Die Jäger müssen dokumentieren, dass sie die Abschussvorgaben erfüllen, indem sie entweder Fotos oder die erlegten Tiere selbst vorlegen. Nur in Gebieten, in denen der Verbiss erstmals als rot eingestuft wird, soll dieser „förmliche Abschussnachweis“ laut Staatsregierung entfallen.Artenschutz:Aiwanger, Kaniber und das Märchen vom WolfDie Ausbreitung der Wölfe in Bayern kommt weiter nur langsam voran. Unterdessen liefern sich Jagdminister Aiwanger und Forstministerin Kaniber verbale Scharmützel über die Aufnahme der Raubtiere ins Jagdrecht.In Gebieten, in denen die Waldbesitzer und Jäger nicht bereit sind für das neue Verfahren, wird die bisherige Praxis beibehalten. Dabei setzen die Jagdbehörden nach Rücksprache mit Forstleuten, Waldbesitzern und Jägern einen sogenannten Abschussplan fest mit der Zahl der Tiere, die erlegt werden müssen. Ein förmlicher Nachweis, dass die Vorgabe erfüllt wird, ist nicht vorgesehen. Es genügt eine Meldung der Jäger, dass diese nachgekommen seien.Viele Forstleute und Waldbesitzer – vor allem in den Regionen mit immensen Fressschäden an den jungen Bäumen – haben deshalb den Verdacht, dass die Jäger zwar melden, dass sie die Vorgaben erfüllt haben, das aber nicht tun, aus welchen Gründen auch immer. Das umgangssprachliche Wort, das sich für diese Praxis eingebürgert hat, heißt „Postkartenabschüsse“. Das ganze Thema sorgt für erbitterten Dauerstreit zwischen Jägern und Waldbesitzern. Mit dem neuen Verfahren soll nun nicht nur ein Weg für stabilere Jungwälder und ein Ende des Dauerstreits bereitet werden. Sondern außerdem jede Menge Bürokratie wegfallen.Ein anderer wichtiger Punkt im neuen Jagdgesetz ist der Beginn der Jagdzeit auf einjährige Rehe, die noch nicht trächtig sind, und Rehböcke am 15. April. Bisher beginnt die Jagdzeit auf sie am 1. Mai. Wegen des Klimawandels ist die Vegetation in den Wäldern aber zu diesem Zeitpunkt inzwischen weit fortgeschritten. Die Bäume tragen so viel Laub, dass die Wildtiere viel Deckung und die Jäger es entsprechend schwer haben. Viele Waldbesitzer fordern deshalb, dass die Jagdzeit schon am 1. April beginnen soll. Der 15. April gilt nun als guter Kompromiss. Rehe mit Kitzen dürfen wie bisher ausschließlich von 1. September bis 15. Januar geschossen werden.Neu ist auch, dass der Wolf und der Goldschakal ins bayerische Jagdgesetz aufgenommen werden sollen. Das ist laut Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU), der die Eckpunkte mit Kaniber und Aiwanger vorgestellt hat, auch als Signal an Berlin zu verstehen, den Schutzstatus des Wolfs im Bundesnaturschutzgesetz an die neuen Vorgaben der EU anzupassen und ihn abzusenken. Angesichts der nach wie vor sehr geringen Anzahl von Wolfsrudeln in Bayern dürfte es aber auch nach Aufnahme des Wolfs ins bayerische Jagdgesetz nicht so schnell zu einer regulären Jagd auf Wölfe kommen. Denn sie bleiben ja geschützt.Der bayerische Jagdverband (BJV) hat bereits seine Zustimmung zu den Eckpunkten signalisiert. Zwar hatte er sich im Hintergrund massiv gegen Neuerungen wie den Beginn des Jagdjahres auf Rehe am 15. April gesträubt. Nun teilte BJV-Präsident Ernst Weidenbusch der dpa mit: „Persönlich bin ich sehr dankbar, dass Ministerpräsident Söder die Dinge in die Hand genommen und den Streit zwischen zwei Ministerien beendet hat.“ Zumindest einzelne BJV-Mitglieder sehen das anders. Einer spricht von einem „schlechten und rabenschwarzen Tag für die Jagd“.Der Bund Naturschutz (BN) übt dagegen masive Kritik an den Plänen der Staatsregierung. „Der dringend notwendige Schutz des Waldes würde zu Gunsten der Jagd geschwächt“, warnt der BN-Ehrenvorsitzende Hubert Weiger. „Die teilweise Abschaffung der Abschusspläne unter dem Deckmantel der „Entbürokratisierung“ geht zu Lasten des Gemeinwohls und vor allem auch der kleinen Waldbesitzer.“