Die meisten Zahlen, die das bayerische Innenministerium an diesem Dienstag verschickt, sind positiv: weil ihnen ein Minus voransteht. Demnach hat es von Januar bis Juni weniger Unfälle und Verletzte auf Bayerns Straßen gegeben, „erfreulich“ nennt das Minister Joachim Herrmann (CSU). Wäre da nicht diese eine Ausnahme, die sich genau in die andere Richtung entwickelt. Denn bei den Fahrrädern steht in der Verkehrsunfallstatistik ein Plus. 42 Radlerinnen und Radler sind bayernweit im ersten Halbjahr 2025 im Straßenverkehr gestorben, acht mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch die Zahl der verletzten Radfahrer hat sich erhöht, von 8183 auf 8255. Der Anstieg mache ihm Sorgen, wird Herrmann in der Mitteilung zitiert.Ein Ausreißer, gegen den Unfall-Trend? Oder ein dauerhaftes Problem? Vieles spricht für Letzteres. Natürlich sind heutzutage mehr Menschen mit dem Radl unterwegs; doch das allein erklärt nicht, warum die Unfälle zunehmen. Schon für 2024 notierte die Statistik einen deutlichen Anstieg, vom Radverkehr als „Sorgenkind“ war in der damaligen Mitteilung des Innenministeriums die Rede. Und Zahlen allein werden den Dimensionen ohnehin nicht gerecht. Hinter jeder Ziffer, die einen Unfall mit Verletzungen oder Todesfolge markiert, steht ein persönliches Schicksal.Die Gründe für das negative Plus sind so unterschiedlich wie das Verkehrsmittel selbst. Ein Citybike fährt sich anders als ein Pedelec, in der Statistik sind sie trotzdem eins. Dabei sind die Pedelecs mit ihrem E-Motor ein Sonderfall. Rechnet man sie heraus, stellt man fest: Die Unfälle mit klassischen Fahrrädern entsprachen im ersten Halbjahr 2025 ungefähr denen des Vorjahrs. Dafür stieg die Zahl der Pedelec-Unfälle um rund 20 Prozent, heißt es auf SZ-Nachfrage aus dem Innenministerium.Ähnlich seien die Entwicklungen bei den Unfällen mit Verletzungen oder Todesfolge. Ungefähr ein Drittel aller Pedelec-Stürze ereigne sich zudem ohne Beteiligung Dritter, zum Beispiel, weil die Betroffenen zu schnell unterwegs waren. Unabhängig vom Alter übrigens: Seniorinnen und Senioren stellen zwar die größte Nutzergruppe, der E-Motor hilft, auch im Alter mobil zu bleiben. Einen „expliziten Zusammenhang“ zwischen älteren Menschen und hoher Geschwindigkeit gibt die Statistik aber dem Ministerium zufolge nicht her.Ein weiterer Faktor ist die Infrastruktur. Generell passieren Verkehrsunfälle häufig beim Wenden und Abbiegen, wenn sich Spuren kreuzen und die Lage unübersichtlich ist. Wo Radwege fehlen, müssen Radler auf der Straße zwischen Autos und Lastern strampeln. Ein Ärgernis und Risiko für alle. Die Staatsregierung hat zwar angekündigt, dass bis 2030 rund 1500 Kilometer neue Radwege entstehen sollen, doch das reicht Kritikern nicht. Eine Umfrage des Fahrradclubs ADFC aus diesem Sommer ergab, dass sich das Sicherheitsgefühl von Bayerns Radlern „auf niedrigem Niveau“ bewege.ADFC: Mehr Radwege, weniger Tempo, übersichtliche KreuzungenAngesichts der neuen Zahlen forderte der ADFC am Dienstag unter anderem den Ausbau sicherer Radwege, übersichtliche Kreuzungen, Tempo 30 innerorts und ein „striktes Vorgehen“ gegen das Zuparken von Radwegen. „Mehr Menschen wollen Rad fahren“, sagte die Landesvorsitzende Eva Mahling. Jetzt sei die Politik gefordert, „endlich die Bedingungen dafür zu schaffen, dass sie sicher unterwegs sind und sich auch sicher fühlen“.Dabei ließe sich manche Gefahrensituation ganz einfach vermeiden: indem Verkehrsregeln eingehalten und aufeinander Rücksicht genommen würde. Letzteres hat laut Umfragen allerdings eher ab- als zugenommen, unabhängig vom Verkehrsmittel. So gaben in der ADFC-Befragung acht von zehn Radlern an, dass Autos häufig viel zu nah vorbeirauschten. Aber auch Radfahrer legen die Straßenverkehrsordnung mitunter eigenmächtig aus, sagen Unfallforscher. Rote Ampeln werden dann mit einer Selbstverständlichkeit überfahren, die man sich so hinterm Autolenkrad selten trauen würde.Im Innenministerium hofft man, den steigenden Unfallzahlen unter anderem mit Präventionsangeboten begegnen zu können. Dazu zählen Fahrsicherheitskurse, wie sie der ADFC und andere Organisationen ausrichten. Um die Sicherheit im Zweifel durchzusetzen, strampelt die Polizei selbst: In Bayern sind inzwischen etwa 800 Beamtinnen und Beamte als Fahrradstreifen unterwegs. Minister Herrmann wirbt außerdem für „mehr Rücksicht und Verantwortung“ im Radverkehr – und für den Fahrradhelm. Der sei „der wirksamste Schutz vor schweren Kopfverletzungen“.