PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungAufbruch und OptimismusWarum sich Deutschland jetzt um Olympia bewerben sollteVon Michael MronzVeröffentlicht am 12.09.2025Lesedauer: 4 MinutenDie Olympische Flagge weht vor dem Hamburger Rathaus. Neben der Hansestadt bewerben sich Berlin, Rhein-Ruhr und München um die Ausrichtung der SpieleQuelle: picture alliance/dpa/Ulrich PerreyDas größte Sportfest der Welt bietet enorme Chancen für das Ausrichterland. Es geht um Zukunftsoptimismus, internationale Positionierung – und die Fähigkeit, als Gesellschaft an einem großen Projekt zu wachsen.Deutschland ist das einzige G-7-Land, das seit 2010 keine Olympischen und Paralympischen Spiele mehr ausgerichtet hat oder als Ausrichter kommender Spiele feststeht. Während andere führende Nationen durch Olympische Spiele sportliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Impulse setzen, hat Deutschland bislang oft gezögert.Weltweit beobachten wir eine völlig neue Dynamik: Regionen wie der Mittlere Osten, Indien oder Afrika, in denen die Spiele noch nie stattfanden, bringen sich als mögliche Gastgeber in Stellung. Die olympische Bewegung wird globaler und vielfältiger. Es sind längst nicht mehr nur klassische Metropolen, die sich bewerben. Aufstrebende Nationen nutzen die Spiele als Bühne, um sich international zu positionieren und ihren Wandel zu beschleunigen.Die Frage, ob und wie sich Deutschland um Olympische und Paralympische Spiele bewirbt, ist erkennbar mehr als eine sportpolitische Debatte. Sie berührt zentrale Themen unserer Zeit: Zukunftsoptimismus, internationale Positionierung und die Fähigkeit, als Gesellschaft gemeinsam an großen Projekten zu wachsen. Gerade jetzt, da die Welt im Umbruch ist, steht Deutschland vor der Entscheidung, wie es sich global und national aufstellen will.Aufbruch und Optimismus, statt Depression und FrustrationDeutschland sucht seinen Platz in einer sich rasant verändernden Welt – außenpolitisch, in Europa, industriepolitisch zwischen gestern und übermorgen, forschungs- und bildungspolitisch bei der Frage, womit wir künftig unseren Wohlstand sichern wollen. Die Antwort darauf darf nicht Depression oder Frustration sein, sondern muss Aufbruch und Optimismus bedeuten.Lesen Sie auchIn der Olympia-Debatte werden oft alte Schlachten noch einmal geschlagen – dabei geht es um die Wettbewerbe der Zukunft. Wer Olympia nach Deutschland holen will, braucht eine Vorstellung davon, wie die Welt dann aussieht. Olympische Spiele sind mehr als ein Sportereignis: Sie sind eine Einladung, als geeintes Land mit Zukunftsvertrauen an einer offenen, selbstbewussten Gesellschaft zu bauen.Nirgendwo sonst wird Globalisierung so sichtbar wie im Sport. Jahrzehntelang definierten sich China, Indien, Südamerika oder arabische Länder über ihr Verhältnis zum Westen. Das ist vorbei. Heute gehen sie eigene Wege, bewerben sich, setzen neue Maßstäbe und zeigen, wie viel Innovation und Wandel mit Spielen verbunden sein können. Deutschland muss diese Entwicklung nicht fürchten, sondern kann von ihr lernen. Der internationale Wettbewerb ist kein Risiko, sondern ein Ansporn, neu zu entdecken, was wir können.In den vier Bewerberregionen für Olympische Spiele in Deutschland (Berlin, Hamburg, Rhein-Ruhr und München) liegt die Zustimmung bei über 70 Prozent – ein klares Signal, dass die Gesellschaft bereit ist, dieses Projekt zu tragen. Entscheidend wird sein, dass in Deutschland Sport, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft an einem Strang ziehen.Wir haben Erfahrung darin, große Sportereignisse verlässlich auszurichten. Ob bei Welt- und Europameisterschaften im Fußball, Handball, Reiten, Hockey, bei der Leichtathletik, den European Championships, den Special Olympics und jüngst den FISU World University Games – Deutschland hat stets überzeugt. Spielen wir diesen Ball doch auf dem Platz weiter nach vorne, statt nur alte Trophäen im Glasschrank abzustauben.Lesen Sie auchOlympische Spiele setzen ein positives Zieldatum. Sie bündeln Kräfte, beschleunigen Innovationen und schaffen Verbindlichkeit – etwa bei Infrastrukturprojekten, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen. München 1972 war dafür ein Beispiel: Die damals entstandene Infrastruktur war ein städtebaulicher Quantensprung, der die Stadt bis heute prägt.Paris 2024 hat ein gutes halbes Jahrhundert nach München bewiesen, wie sich die olympische Bewegung immer wieder neu erfinden kann und dass Nachhaltigkeit, urbane Integration und temporäre Lösungen dabei keine leeren Schlagworte sind.Die Spiele in die Mitte unserer Gesellschaft holenDiese Entwicklung ist kein Zufall. Die Agenda 2020 und 2020+5 des Internationalen Olympischen Komitees, geprägt durch den heutigen Ehrenpräsidenten Thomas Bach, hat die Spiele reformiert. Flexibler, nachhaltiger, kosteneffizienter – das ist der Anspruch. Gastgeber sollen bestehende Infrastrukturen nutzen, neue Bauten auf spätere Nutzung hin planen und die Spiele stärker in die Gesellschaft integrieren. Das ist ökonomisch und gesellschaftlich notwendig. Die Spiele müssen echten Mehrwert schaffen – und dürfen kein finanzielles Risiko für kommende Generationen sein.Deutschland hat die Chance, als Gastgeber der Olympischen Spiele ein Zeichen zu setzen für Optimismus, Zusammenhalt, internationale Verständigung und Vertrauen in die eigene Zukunftsfähigkeit. Nicht für irgendeine Stadt, sondern für das ganze Land. Es geht darum, die Spiele in die Mitte unserer Gesellschaft zu holen und zu zeigen, wie das größte Sportfest der Welt im 21. Jahrhundert aussehen kann: offen, modern, nachhaltig, verantwortungsvoll.Michael Mronz ist Sport- und Eventmanager und seit 2023 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).