PfadnavigationHomeICONISTTrendsArtikeltyp:Meinung„Smile“-KolumneRaubtierkapitalismus mit Happy EndVeröffentlicht am 10.09.2025Lesedauer: 3 MinutenDer Schnellste gewinnt: im Vordergrund der Tennisspieler Kamil MajchrzakQuelle: X/Screenshot WELTDie US Open haben durchaus Unterhaltungswert. Eine Szene im Publikum war besonders gemein: Ein Erwachsener schnappte einem kleinen Jungen das Souvenir vor der Nase weg. Doch selbst im Tennisplatzdarwinismus gilt: „It‘s not over, until it‘s over.“Ob es an dem Film „Challengers“ vom vergangenen Jahr liegt, der mir die erotische Komponente des Tennissportes wieder vor Augen geführt hat, oder doch die neue Frisur von Carlos Alcaraz spielt ja keine Rolle. In jedem Fall bieten die US Open auch für Menschen, die einen Top-Spin nicht von einem Slice unterscheiden können, eine Menge Unterhaltung. Die Tränen des wegen einer Schulterverletzung ausgeschiedenen US-Spielers Ben Shelton – er ist 22 Jahre alt und weinte wirklich wie ein kleiner Junge. Die Pöbeleien von Jeļena Ostapenko gegenüber Taylor Townsend, nachdem diese die Lettin besiegt und sich für einen Netzroller nicht entschuldigt hatte. „Vielleicht nicht das Klügste, was man in New York über eine Amerikanerin sagen kann“, sagte die Geschmähte später und dass sie so immerhin etwas Interessantes auf TikTok zu posten habe – was ja ein wirklich wirkungsvoller Return war. Lesen Sie auchDas Erhellendste und Lustigste aber war eine Szene, in der der polnische Spieler Kamil Majchrzak einem Jungen im Publikum eine unterschriebene Kappe reichte. Ein Mann, der neben dem Kind stand, schnappte ihm die Trophäe vor der Nase weg. Während der Junge protestierte, stopfte der Dieb ungerührt seine Beute in eine Tüte. Wie sich später herausstellte, war es der CEO eines polnischen Unternehmens, der sich sinngemäß damit entschuldigte, dass er halt schnell genug war. Und überdies dem empörten Online-Mob mit Klagen drohte. „If you were faster, you would have it“ ist für mich jetzt schon Anwärter für den Nobelpreis für Literatur. Drückt er doch mit nur 37 eleganten gesetzten Zeichen (inklusive Leerzeichen) aus, was den Kapitalismus in Reinform ausmacht. Konkurrenzkampf und Rücksichtslosigkeit. Effizienter kann Prosa nicht sein. Dass man Schwächere nicht übervorteilt? Warum nicht? Dass der Junge flehend einen Arm nach der Kappe streckte? Who cares? Kinder können nicht früh genug lernen, dass das Leben ein Wettrennen ist und Fair Play ein Luxus. In den vergangenen Jahren wurde viel darüber gestritten, ob Heranwachsenden Konkurrenzkampf und Leistungsdruck zuzumuten ist. Für die einen sind Zeugnisse ohne Noten ein Segen, für die anderen sind Bundesjungendspiele ohne Sieger ein Hohn. Der Unternehmer aus Polen wirkt aus der Ferne nicht besonders sympathisch, das gebe ich zu, aber ich würde mich nicht wundern, wenn der Mann auf eine Runde Tennis oder Gold nach Mar-al-Lago eingeladen würde. Sein Raubtierinstinkt (kombiniert mit Klagewut) passt nur allzu gut zum Hausherrn und zum aktuellen Zeitgeist. Lesen Sie auchUnd er ist ja nicht der Einzige. Auch dem amerikanischen Ballhawk (dt. Ballfalke) Zack Hample, der seit Jahren unzählige in die Publikumsränge geschleuderten Baseballbälle gefangen hat, wird unterstellt, dass er diese rücksichtslos Kindern vor der Nase wegschnappt. Und gerade weil das Übervorteilen von Minderjährigen so offensichtlich unmöglich und unmoralisch ist, liegt darin etwas Befreiendes. Zumal ja, objektiv betrachtet, niemand zu Schaden gekommen ist. Auch für den Jungen in Roland Garros hat die Geschichte ein Happy End. Kamil Majchrzak ließ ihn ausfindig machen und traf sich mit ihm, um ihm handsignierte Fan-Produkte zu überreichen. Selbst im Tennisplatzdarwinismus also gilt: „It‘s not over, until it‘s over.“Nachdem unser Autor Adriano Sack lange über seinen Hund Jack geschrieben hat, widmet er sich mit seiner Kolumne „Smile“ nun einem neuen Thema.
US Open: Millionär schnappt kleinem Jungen ein Souvenir vor der Nase weg - WELT
Die US Open haben durchaus Unterhaltungswert. Eine Szene im Publikum war besonders gemein: Ein Erwachsener schnappte einem kleinen Jungen das Souvenir vor der Nase weg. Doch selbst im Tennisplatzdarwinismus gilt: „It‘s not over, until it‘s over.“








