Russlands Ölindustrie steckt tief in der Krise. Von mehreren Seiten drohen Putin jetzt weitere Probleme. Dennoch schreckt der Westen vor einem totalen Importstopp zurück. Ein Blick auf die Zahlen verrät, warum das Risiko so hoch ist.Die Bilanzen der russischen Ölkonzerne für das erste Halbjahr 2025 sehen nicht gut aus. Sofern die Unternehmen noch einen Gewinn erzielten, brach dieser gewaltig ein. Beim staatlichen und börsennotierten Branchenführer Rosneft etwa, dem wichtigsten Steuerzahler des Landes, sogar um ganze 68,3 Prozent auf 245 Milliarden Rubel (2,6 Milliarden Euro). Beim zweitgrößten und privaten Konzern Lukoil blieben 288,57 Milliarden Reingewinn übrig: ein Minus von 51 Prozent. Bei der zum Gazprom-Imperium gehörenden Gazprom-Neft sank er um 54,2 Prozent auf 150,4 Milliarden Rubel (1,6 Milliarden Euro).Beim sibirischen Riesen Surgutneftegaz, der trotz unklarer Besitzverhältnisse seit Langem hohe zweistellige Dollarmilliardenbeträge auf Konten hortet, wurden aus dem vorjährigen Gewinn nun im ersten Halbjahr sogar 452,7 Milliarden Rubel (4,8 Milliarden Euro) Verlust. Und das alles, obwohl der Umsatz im Branchenschnitt nur um zwölf und 17 Prozent fiel.Von „sehr schweren Einbußen“ spricht Michail Krutichin, Moskauer Energieexperte und Mitgründer des Beratungsunternehmens RusEnergy, auf Anfrage von WELT. Die Zahlen seien „wie erwartet schwach“, lautet der Tenor einer Reihe von Analysten, die vom russischen Wirtschaftsmedium RBC befragt wurden.Die Marktteilnehmer haben die Erwartungen tatsächlich längst heruntergeschraubt. Vor allem, was die zwei Faktoren betrifft, die letztlich die Hauptgründe für die negative Entwicklung waren, haben keine Illusionen mehr geherrscht. Beim generellen Rückgang des Ölpreises (Brent kostet aktuell etwa 67 Dollar je Barrel) und bei der ungewöhnlichen Stärke des Rubelkurses, was die Einnahmen aus dem Export sowohl für das Staatsbudget als auch für die Konzerne massiv verringert. Lesen Sie auchKostete ein Dollar Anfang 2024 noch 91,6 Rubel und Anfang 2025 sogar 114,7 Rubel, sind es ein halbes Jahr später nur noch 78,5 Rubel. Das liegt vorwiegend daran, dass die Zentralbank im Kampf gegen die kriegsbedingt hohe Inflation den Leitzins Ende Oktober 2024 auf 21 Prozent hochgerissen und erst ab Anfang Juni 2025 leicht auf nunmehr 18 Prozent gesenkt hat. Russland kann gegen Ölpreisentwicklung nicht viel machen„Beim Leitzins hätte Russland eigentlich viel Spielraum, gegen die Ölpreisentwicklung aber kann es selbst nicht viel machen“, sagt Vasily Astrov, Russland-Experte am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), zu WELT.Tatsächlich herrscht auf dem Markt ein preisdrückendes Überangebot, weil die erweiterte Öl-Vereinigung Opec+ die Förderung aktiv ausweitet und auch Länder außerhalb des Ölkartells – etwa Brasilien – mehr fördert. „Die Nachfrage wächst langsamer als die Förderung“, sagt Krutichin.Und so hat auch der russische Staat in den ersten acht Monaten des Jahres um 20,2 Prozent weniger aus dem Öl- und Gasverkauf (Öl ist aktuell etwa sechsmal bedeutsamer als Gas) eingenommen als ein Jahr zuvor. Das ließ das Defizit des von Kriegsausgaben belasteten Budgets auf 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen.Wie relevant ist das Öl für die russische Wirtschaft?Doch wie relevant ist das Öl für die russische Wirtschaft eigentlich? Und wie gefährlich kann ein weiterer Rückgang der Öleinnahmen, wie er von der EU und teilweise auch von den USA intendiert ist, für Russland werden? „Die jetzige Situation ist unangenehm für das Budget, aber insgesamt nicht kritisch“, sagt Astrov. Das hat insbesondere mit dem Umstand zu tun, dass aufgrund des Wirtschaftsbooms der vergangenen Jahre andere Steuereinnahmen an Bedeutung gewonnen haben und die Relevanz der sogenannten Öl- und Gaseinnahmen im Staatsbudget abgenommen hat. Trugen sie vor Beginn des Ukraine-Kriegs noch knapp ein Drittel zu den gesamten Budgeteinnahmen bei und stieg dieser Anteil im ersten Kriegsjahr aufgrund der Rohstoffpreisexplosion auf über 41 Prozent, um danach wieder auf knapp ein Drittel zu fallen, so sank er im ersten Halbjahr 2025 auf nur noch gut ein Viertel. „Für das Gesamtjahr ist nur noch ein Anteil von 22 Prozent prognostiziert, was den niedrigsten Wert seit mindestens 15 Jahren darstellt“, erklärt Vladislav Inozemcev, einst Kreml-Berater unter Staatspräsident Dmitri Medwedjew und später Mitbegründer des Zentrums für Analysen und Strategien in Europa (Case), gegenüber WELT.Lesen Sie auchGewiss, unter dem Posten Öl- und Gaseinnahmen des Budgets subsumiere der Staat nur die Fördersteuer und die Exportzölle, nicht jedoch, was sonst an direkten und indirekten Abgaben aus dem Sektor komme, so Inozemcev. Der Westen versucht seit Langem, mit Sanktionen und einem Preisdeckel von 60 Dollar für russisches Öl der Hauptsorte Urals die Staatseinnahmen zu reduzieren. Der Mechanismus funktioniere kaum, weil Russland gelernt habe, mit ihm umzugehen, so Astrov. Das Land muss nach dem Wegfall des europäischen Markts seinen neuen Hauptabnehmern China und Indien immer neue Preisnachlässe gewähren, und auch die Mehrausgaben für Transport und Versicherung knabbern an der Marge. Im Verein mit dem generellen Ölpreisverfall führt das dazu, dass sich der traditionelle Preisabschlag für Urals gegenüber Brent erhöht hat. Kostete Urals im Juli des Vorjahrs noch 74 Dollar je Barrel, so ein Jahr später 60,4 Dollar und im August im Schnitt nur noch 57,6 Dollar, wie das russische Wirtschaftsministerium zuletzt mitteilte. Die Einnahmen aus dem russischen Export von täglich sieben Millionen Barrel verringerten sich demnach von täglich 518 Millionen Dollar auf nur 403 Millionen Dollar im August.„,Ölkriege‘ werden russische Wirtschaft nicht lahmlegen“Die EU will mit ihrem neuen Sanktionspaket eine Preisobergrenze von 47,60 erzielen, hat dafür allerdings die USA nicht mit im Boot. Diese haben ihrerseits die Importzölle für Indien auf 50 Prozent verdoppelt, um das Land zu einer Verringerung des Ölimports aus Russland zu zwingen. Indien reagiert und wird seine Einkäufe im Herbst etwas reduzieren, schrieb die Nachrichtenagentur Bloomberg. Den Urals-Preis auf 35 Dollar drücken wird das aber nicht. Erst dieses Preisniveau nämlich würde laut Astrov das Budgetdefizit um drei bis vier Prozentpunkte erhöhen und laut Inozemcev zu „katastrophalen Problemen“ führen, obwohl ein Teil davon durch die Rubel-Abwertung kompensiert würde. „Die ‚Ölkriege‘ werden die russische Wirtschaft in nächster Zeit nicht lahmlegen“, sagt Inozemcev, „es sei denn, es kommt zu einer Totalblockade des Exports.“Lang haben die USA selbst aus Angst vor Verwerfungen auf dem globalen Ölmarkt, der täglich 104 Millionen Barrel verbraucht, darauf geachtet, dass der russische Export nicht etwa durch ukrainische Attacken gestört wird. Zuletzt kam es zu Störfällen – etwa an der Pipeline Druschba, über die Ungarn und die Slowakei versorgt werden. Und in Russland selbst sind 17 Prozent der Raffineriekapazitäten lahmgelegt. Den Ölpreis hat das bisher nicht hochgetrieben. Doch was würde passieren, würde ein Totalembargo gegen den drittgrößten Ölproduzenten verhängt werden, der täglich um die zehn Millionen Barrel Rohöl fördert?Es gibt viele Länder, die russisches Öl kaufen wollenSo richtig ausmalen möchte sich das niemand. „Die sieben Millionen Barrel, die Russland in die Welt exportiert, können in den nächsten drei Jahren nicht ersetzt werden“, erklärte Sergej Vakulenko, langjähriger Ölmanager und seit 2022 Senior Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin, neulich in einem Interview. Schätzungen zufolge wird es Ende 2025 ein Überangebot von 2,6 Millionen Barrel auf der Welt geben. Und das Ölkartell Opec hat freie Förderkapazitäten im Bereich von 2,5 bis vier Millionen Barrel. Allerdings wollte es nie am Anschlag produzieren, sagt Vakulenko. Würde man im Fall eines Totalembargos auf russisches Öl den Preis beispielsweise auf 150 Dollar je Barrel explodieren lassen, würde eben die Nachfrage sinken, und die Welt würde sich so an die neue Situation anpassen. „Der Preis wäre eine Wirtschaftskrise.“Dazu werde es nicht kommen, denn es gebe viele Länder, die russisches Öl kaufen wollen und denen es auch ziemlich egal sei, auf einer westlichen Sanktionsliste zu landen, so Vakulenko. Schon allein China importiert etwa zwei Millionen Barrel von seinem nördlichen Nachbarn – und das über eine Direktpipeline, bei der Sanktionen gegen Schiffe nichts helfen.Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.Eduard Steiner schreibt für WELT vor allem über die russische Wirtschaft.