PfadnavigationHomePanorama„Es ist eine Zumutung“Stadt im Schwarzwald seit Monaten ohne Handyempfang – Anbieter bauten Funkmasten ersatzlos abVeröffentlicht am 11.09.2025Lesedauer: 4 MinutenIdyllisch, aber aktuell auch technisch abgehängt: Bad Wildbad im SchwarzwaldQuelle: picture alliance/imageBROKER/Werner DieterichMit dem Handy den Einkauf bezahlen? Sich per Karten-App beim Waldspaziergang orientieren? Nicht in Bad Wildbad. Der Kurort ist seit Wochen vom Mobilfunk abgekoppelt. Der Grund mutet absurd an.Digital-Detox-Witze kann in Bad Wildbad niemand mehr hören: Weil in der 10.000-Einwohner-Stadt in Baden-Württemberg Funkmasten ersatzlos abgebaut wurden, befindet sich der Kurort seit nunmehr zweieinhalb Monaten in einem Funkloch.Ende Juni funktionierte bei Vodafone- und O2-Telefónica-Kunden Handy- und Internetempfang nicht mehr. Kurz darauf stellte sich heraus, dass oberhalb der idyllisch zwischen bewaldeten Hügeln liegenden Stadt Mobilfunkmasten abgebaut worden waren. Die fraglichen Gerätschaften standen auf dem Schornstein eines Fernheizwerks. Dieser Schornstein sollte abgerissen werden, folglich kamen zunächst die Masten weg. Allerdings hatte sich vonseiten der Netzbetreiber im Vorfeld offenbar niemand um Ersatz gekümmert. Lesen Sie auchDie Folge: Alltagsvorgänge, die eigentlich längst Standard sind, funktionieren in Bad Wildbad derzeit nicht. An der Kasse lässt sich der Einkauf nicht mehr mit dem Handy bezahlen, und wer von A nach B will, kann zur Orientierung keine Karten-Apps nutzen, sofern er die benötigten Karten nicht zuvor heruntergeladen hat. Obendrein kommen laut „SWR“ viele Kunden selbst mit Sonderkündigungsrecht nicht aus ihren Verträgen heraus. „Der Techniker schaut dann am Computer nach und sagt, er kann dort keine Störungen feststellen“, beschreibt Thomas Händel, seines Zeichens O2-Telefónica-Kunde, gegenüber der Tagesschau seinen Versuch, mit dem Kundenservice zu kommunizieren. „Ist ja klar. Wenn der Funkmast oben abgebaut ist, hat der keine Meldung.“„Mit Glück ein oder zwei Balken Empfang“Bürgermeister Marco Gauger (CDU) berichtet dem „Spiegel“, auch in der Stadtverwaltung habe man nach der Abschaltung der Masten „sofort Ärger“ gehabt, weil man dort Kunde bei einem der betroffenen Anbieter sei. Das habe etwa dazu geführt, dass das Ordnungsamt keine Strafzettel mehr habe ausstellen können, weil man die in Bad Wildbad digital verschicke. Man sei dann „für die ganz wichtigen Systeme (...) schnell zur Telekom gewechselt“, entsprechend werde etwa Falschparken inzwischen wieder geahndet. Die Telekom habe in der Umgebung ausreichend weitere Masten, sodass ihre Kunden zumindest ein halbwegs brauchbares Netz hätten.Lesen Sie auchEr sei froh, dass zumindest stationäre Breitbandanschlüsse noch funktionierten. Wenn er aber etwa in der Innenstadt unterwegs sei, habe er „mit Glück ein oder zwei Balken Empfang“, so Gauger. „Das reicht zum Telefonieren, aber selbst fürs Empfangen einer E-Mail braucht es sehr viel Geduld.“ Man solle zwar nie den Humor verlieren, aber: Für die Menschen in Bad Wildbad sei das Ganze „kein Spaß, sie sind zu Recht sauer“.Die Netzbetreiber hätten offenbar gehofft, nach dem Abbau „das Netz über Masten in der Umgebung aufrechterhalten zu können“. Dieser Plan habe sich aber augenscheinlich als „Irrtum“ herausgestellt. Und weiter: „Es ist eine Zumutung seitens der Netzbetreiber, den Menschen hier zu sagen: Das müsst ihr jetzt eben aushalten.“Netzabdeckung ist in Deutschland privatwirtschaftlich organisiert. Das betreffende Grundstück mit dem abzureißenden Schornstein gehört der Fernwärmegesellschaft Baden-Württemberg (fbw). Die zitiert die Tagesschau mit der Erklärung, man habe die Anbieter bereits vor drei Jahren über den geplanten Abriss informiert und Verträge fristgerecht gekündigt.Lesen Sie auchDie beiden Anbieter bedauern laut „SWR“ das Chaos. In einer Stellungnahme habe ein Sprecher von O2 Telefónica versichert, dass „die Wiederherstellung der Mobilfunkversorgung in Bad Wildbad für uns höchste Priorität“ habe. Man arbeite „bereits seit 2024“ an einer Ersatzlösung – und zwar „intensiv“. Die Topografie mit steilen, bewaldeten Hängen verkompliziere allerdings die Standortsuche. Vodafone kündigte demnach an, man plane, mittels eines mobilen Masts im Stadtgebiet die Netzabdeckung bis Mitte September überwiegend wiederherzustellen. Auch Telefónica prüfe eine derartige Lösung. Vodafone stellte demnach aber auch fest, dass eine dauerhafte Lösung mehrere Jahre dauern könne.Die Stadt mit rund 10.000 Einwohnern überzeugt das nicht. Man habe „weder Verständnis noch eine Erklärung“ für die verkorkste Planung. Die Touristik Bad Wildbad führt an, die fortdauernde Abschaltung sei ein wirtschaftliches Fiasko, Touristen würden sich beschweren, weil sie etwa nicht online einchecken könnten oder sich ohne digitale Navigationsmöglichkeiten auf Wanderungen verlaufen würden. In den Bädern des Kurortes ist das fehlende Netz sogar ein Sicherheitsproblem: Die Notfallknöpfe in den Saunen etwa funktionieren via Mobilfunk. Die Mitarbeiter sind daher nun mit Walkie-Talkies ausgerüstet worden.säd