PfadnavigationHomeICONISTTrendsGrau werden oder färben?Prinzessin Kates Blond – und der neue Umgang mit dem Thema GrauVon Mira WiesingerVeröffentlicht am 18.09.2025Lesedauer: 6 MinutenLust auf Typveränderung: Prinzessin Kate ist zurück aus der SommerpauseQuelle: picture alliance/Cover Images/John Rainford/Cover ImagesIst Prinzessin Kates neues Blond ein Versuch, graue Ansätze zu kaschieren – oder einfach nur Lust auf Veränderung? Fakt ist: Nicht jede will ihr erstes Silberhaar feiern. Gleichzeitig kann Grau längst elegant und modern aussehen. Über eine Frage, die sich nicht mit einem Trend beantworten lässt.Catherine, Princess of Wales, trägt die Haare neuerdings hell. Und das sorgte unter royalen Fans für Aufsehen: „Stunning“ habe sie ausgesehen, ja, „umwerfend“, schwärmt die britische Boulevardpresse, nachdem sich die Herzogin mit ihrem Ehemann William bei einem Besuch des Londoner Naturhistorischen Museums in der vergangenen Woche das erste Mal nach ihrer Sommerpause öffentlich zeigte. Dass die neue Frisur einer Prinzessin eine Boulevardnews wert ist – klar. Dass sie von Mode-, Stil- und Beauty-Magazinen analysiert wird – geschenkt. Es darf einen allerdings verwundern, dass die Veränderung einer Frau von Brünett zu Blond für derartigen Wirbel im Netz sorgt und mittlerweile auch in „ernst zu nehmenden“ Medien kommentiert wird. Und zwar gar nicht nach der feinen englischen Art. Da war von Straßenköterblond die Rede oder gar einer schlecht gemachten Perücke. Kates neue Frisur sei „zu lang, zu Blond und mache die Prinzessin zu alt“. Es wird darüber hinaus gemutmaßt, es sei ein vorsorglicher Griff in die Beauty-Trickkiste im Kampf gegen das Ergrauen. Die vermeintliche Idee dahinter: Ein grauer Ansatz sei bei blondem Haar weniger auffällig und dadurch pflegeleichter als bei dem dunklen Kastanienton, den wir von Kate Middleton gewohnt sind.Aber ist das wirklich so? „Nicht unbedingt“, erklärt Thommy Momsen, Hair Colorist und Farbexperte im Berliner Farbsalon „The Session“. „Es ist viel schwieriger, ergrautes Haar gut zu blondieren, als einen grauen Ansatz dunkel zu färben, da kühle Pigmente im Haar schlechter halten als warme.“ Aus seiner Erfahrung heraus sei der Weg von Brünett zu Blond mit dem Ziel das Ergrauen zu kaschieren nicht das Mittel der Wahl – und auch nicht der Schritt, den seine Kundinnen für Gewöhnlich gehen. Das dunkle Haar müsse für diesen Zweck stark aufgehellt werden, was die Haarstruktur angreifen und die ohnehin schon dünner und spröder werdenden grauen Haare stark beanspruchen würde. Momsen rät brünetten Frauen mit einem Grauanteil bis zu 50 Prozent stattdessen zu sanfteren Methoden: „Intensivtönungen zum Beispiel kaschieren graue Haare sehr gut und waschen sich langsam aus, sodass es nicht zu dem harten Ansatz kommt.“ Auch sei er von Haarmasken mit Farbpigmenten begeistert, die das im Kontrast zum Braun sehr viel hellere Grau etwas runterdimmen und gleichzeitig pflegen würden. Eine weitere Möglichkeit sei das sogenannte „Face Framing“, bei dem das Grau rund ums Gesicht leicht durchgesträhnt und mattiert wird. „Alle anderen, die einen grauen Ansatz fürchten und eine satte Farbe wünschen, müssen in den sauren Apfel beißen“, so Momsen. Das bedeutet, alle drei bis vier Wochen zum Ansatzfärben kommen, was man sich bei einem durchschnittlichen Preis von rund 90 Euro in einem gehobenen Salon auch leisten können muss. „Haare halten Emotionen“Des Weiteren will der Berliner Haarfarben-Profi zwar deutlich graue Haare am Ansatz der Herzogin erkennen, allerdings im Wechsel der Haarfarbe nicht unbedingt den Versuch, langfristig das Ergrauen optisch zu erleichtern. Aus seiner Erfahrung heraus sehe er bei Typveränderungen seiner Kundinnen eher einen drastischen Lebenseinschnitt, einen Neuanfang oder Richtungswechsel und damit eine gewollte Neuinszenierung der eigenen Persönlichkeit. „Haare halten Emotionen“, so Momsen. Verwunderlich wäre das im Falle der Herzogin nicht: Nach einer Krebserkrankung und insbesondere einer Chemotherapie, die an Körper, Seele und so auch am äußeren Erscheinungsbild zehrt, ist jeder Mensch geschwächt. Und obgleich Middleton mit Sicherheit Möglichkeiten zur Verfügung standen, die etwa den Verlust ihrer langen Haare verhinderten, wird auch sie sich mit dem Leben neu auseinandersetzen und ihren Platz (wieder)finden müssen. Unter dem ständigen Druck der Öffentlichkeit, dem andauernden Ausgesetztsein von kritischen Blicken und den Bewertungen Dritter nach Auftritten jeglicher Art, braucht jeder Mensch, egal ob krank oder gesund, ob Mann oder Frau, eine gute Rüstung, die alldem standhält. Die Sicherheit und Selbstvertrauen schenkt. So sieht das auch Sam McKnight, Prinzessin Dianas ehemaliger Haarstylist und Schöpfer ikonischer Looks. Vor allem vor dem Hintergrund von Kates überstandener Krebserkrankung äußerte er sich nach der harschen Kritik an ihrer neuen Haarfarbe vor drei Tagen empört auf Instagram: „Ich bin schockiert, entsetzt und angewidert von all den bösen Kommentaren über die Prinzessin von Wales. Das Haar einer Frau ist etwas sehr Persönliches für sie, es ist Rüstung, Verteidigung, Selbstvertrauen und so viel mehr.“ Farbe kann bis zu zehn Jahren jünger wirken lassenZumal in einer Gesellschaft, die Jugendlichkeit als Ideal preist. Die Geschichte hat wirklich nicht sehr viel dafür getan, graue Haare mit offenen Armen zu begrüßen. Schon die Alten Ägypter benutzen Henna, um erstes Grau zu kaschieren. Natürliche Pflanzenfarben wurden auch von den Alten Griechen und Römern verwendet. Chemische Haarfarben, so wie wir sie heute kennen, wurden schließlich im 20. Jahrhundert entwickelt und erlebten einen regelrechten Boom. Jeder Mensch, abhängig von seiner Hautfarbe und seinem persönlichen Lebensstil, ergraut zwischen seinem 20. und 60. Lebensjahr irgendwann. Und Statistiken zufolge färben sich davon etwa zwei Drittel aller Frauen und rund 20 Prozent der Männer die Haare, ein gigantisches Marktsegment also, das die Industrie selbstverständlich nicht an Influencer wie die „Silversisters“ verlieren möchte. Hinzu kommt der Absatz von Produkten wie Hair Mascara, Ansatzpuder, Anti-Grey-Elixiren, speziellen Shampoos und anderen Pflegeprodukten für koloriertes Haar. Auf solche Produkte zurückzugreifen, daran ist absolut nichts Verwerfliches. Richtig eingesetzt, kann laut dem Londoner Star-Coloristen Josh Wood eine Haarfarbe einen Menschen bis zu zehn Jahren jünger wirken lassen, „wenn man darauf achtet, dass die Farbe zum Hautton und zur Augenfarbe passt. Und zum eigenen Stil“, so Wood in einem Interview mit WELT. Schwarz, braun oder blond statt grau und damit rot zu sehen, wenn man in den Spiegel schaut, kann einen denken und in der Konsequenz auch fühlen lassen, man sei jünger als man tatsächlich ist. Da wundert es kaum, dass Menschen diesen Weg wählen. Skunk oder Silverfox?Wobei es hier einen nach wie vor großen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt. Während ein Mann im Salt-and-Pepper-Look als sexy „Silverfox“ durchgeht, wird grau melierten Frauen nicht selten noch vorgeworfen, sie würden sich gehen lassen. Steht graues Haar beim Mann für Reife, Erfahrung und Weisheit, so wird der Verlust von Melanin in der Haarwurzel bei Frauen mit dem Verlust von Schönheit und Fruchtbarkeit gleichgesetzt und sogar mit körperlichem Verfall assoziiert. Besonders bildlich ist in diesem Zusammenhang auch der Ausdruck „Skunk“ für eine Frau, die sich entscheidet, ihr koloriertes Haar herauswachsen zu lassen und sich mit grauem Scheitel zeigt. Ganz recht, das ist ein Stinktier. Fest steht: Es gibt sicherlich niemanden, der sein erstes graues Haar mit Enthusiasmus begrüßt. Doch es gibt glücklicherweise immer mehr (prominente) Frauen, die zeigen, wie eine Frau in der Mitte ihres Lebens wirklich aussieht – in der Regel nämlich grau. Und meistens großartig. Salma Hayek, Katie Holmes, Meryl Streep, Andie MacDowell, Jennifer Aniston, und Sarah Jessica Parker sind Vorreiterinnen eines neuen Schönheitsideals. Ob Kate Middleton ihnen eines Tages folgen will, darüber sollte sich wirklich keiner graue Haare wachsen lassen. Mira Wiesinger, selbst brünett, entdeckte ihr erstes graues Haar mit Anfang 20 – und riss es entrüstet aus. Mittlerweile lebt sie mit einer stetig breiter werdenden grauen Strähne mal mehr, mal weniger friedlich zusammen. Wenn das Ergrauen ins Grauen umschlägt – das passiert etwa einmal pro Jahr – greift sie zu einer Haarfarbe, die sich peu à peu wieder auswäscht.