PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenGenussEins der aktuell kühnsten Weingüter liegt an der Grenze zu Polen – und erinnert an SüdtirolVon Manfred KlimekVeröffentlicht am 29.09.2025Lesedauer: 5 MinutenWeinlese auf dem Weingut PatkeQuelle: Weingut PatkeAusgerechnet im Nordosten der Republik, in Brandenburg, findet man robuste Rebsorten, die wie gemacht scheinen für diese Zeit. Und ein Weingut, dass aus ihnen Weine mit Haltung macht. Auch sonst ist es einen Besuch wert.Es riecht nach Erde, nach Stall, irgendwie auch nach weißem Pfeffer. Ein Traktor röhrt in der Ferne, die polnische Grenze ist keine zehn Kilometer entfernt. Nichts deutet auf das hin, was einem hier im Glas begegnet: vorzügliche Weine – gekeltert, wo eigentlich kein Weinbau stattfinden kann. Doch er kann. Und wie er kann. Willkommen im Weingut Patke – Brandenburgs kühnstem Ort, was Weinbau betrifft. Dieses Weingut mit Hofladen und neuerdings am Wochenende auch einer Art Straußenwirtschaft kann man von Berlin aus mit dem Regionalexpress erreichen. Hier wird der Nordosten auf einmal so südlich, wie man ihn nie vermuten würde, auch wenn es alte Aufzeichnungen gibt, dass Weinbau hier und im benachbarten Polen schon früher stattgefunden hat – in einer Warmperiode unseres Kontinents vor etwa 700 Jahren.Lesen Sie auchDer Erdbeerzüchter und Bauunternehmer Matthias Jahnke – ein Mann, der anpackt, ehe er zweifelt – setzte 2016 hier erstmals Reben. Der Ort: Pillgram, bis dahin von konventioneller Landwirtschaft und Weite geprägt. Auf knapp fünf Hektar wächst nun eine Kollektion robuster Rebsorten, die wie gemacht scheint für diese Zeit: Johanniter, Sauvignac, Regent. Allesamt PiWis – pilzwiderstandsfähige Sorten, gezüchtet für geringeren Einsatz von Pflanzenschutz, für den Anbau an schwierigen Standorten, für das, was kommen wird. Doch gibt es auch klassische Weißburgunder, vor allem der „S“ von 2023 (Preis im Hofladen: 15 Euro) rinnt runter wie ein Wein aus der Pfalz oder der Steiermark: gering Zitrus, mehr Steinobst, die Quitte total einbalanciert (was selten ist), im Schluck erstaunlich Saft und Kraft. Pures Vergnügen!Doch Matthias Jahnke denkt nicht nur an Reben, sondern auch an Begegnungen. Im Hofladen des Weinguts, weit offen zur märkischen Ebene, naschen Besucher selbst gemachte Salami, regionalen Käse und Erdbeerlikör aus eigener Produktion. Es ist eine Szenerie wie aus Südtirol oder dem Friaul – nur eben am östlichen Rand von Brandenburg. Das ganze Ensemble wirkt wie ein ruraler Mikrokosmos, entschleunigt, aber kein bisschen rückwärtsgewandt.Im Keller arbeitet Romano Voß an einem Stil, der sich nicht anbiedert, aber immer gefällt. Die Weißweine zeigen Kante: Solaris mit salziger Präzision, Johanniter mit fast alpinem Zug, der rote Regent als ungeschliffener Charakter mit kernigem Temperament. Vieles bleibt im Edelstahl, manches liegt auf der Vollhefe – und alles spricht für eine Handschrift, die mehr will und kann, als viele dieser Gegend zutrauen wollen.Dass der Pinot Iskra 2024 (14,50 Euro, exklusiv für den Berliner Weinladen Schmidt abgefüllt) zu einem der gefragtesten Weißweine des Hauses geworden ist, sagt viel über das Selbstverständnis der neuen Szene. Trocken, fruchtbetont, mit Noten von weißen Blüten, erstaunlich viel Johannisbeere, gering Rhabarber: Er ist nicht nur modern, sondern auch stilsicher. Auch dort zu haben: Patkes Souvignier Gris 2024 (12,90 Euro): ein wunderbarer Sommerwein. Patke hat insgesamt – noch nahezu unbemerkt – die Regler der Verstärker nach oben gedreht. Hier wird eine kompromisslose Haltung in Flaschen gefüllt. Patkes Riesling A aus 2023 etwa treibt das Selbstverständnis des Hauses noch einen Schritt weiter. A steht für Amphore, und das bedeutet in diesem Fall: Ausbau in Ton, ohne kosmetische Eingriffe. Lesen Sie auchEin Wein wie ein Langstreckenläufer – keiner für das erste Glas am Abend, sondern einer, der Tage braucht, um sich in Gesamtheit zu zeigen. Geöffnet, verkostet, in den Kühlschrank zurückgestellt, wieder probiert – und nach vier, fünf Tagen erst fängt er an breiter und gleichzeitig auch präziser zu schmecken. Tief statt laut! Und ja: Auf solche Weine wartet in der Weinwelt niemand. Doch sind sie erst da, anders und neu, dann sind sie ultimative Bereicherung. Was da im Glas dräute, war final das Gegenteil des schnellen Riesling-Glücks. Kein Fruchtgewitter, keine belebende Säure. Stattdessen: eine kühle, fast kalkige Aromatik, getragen von Noten wie Quitte, Kurkuma, Haselnuss. Dazu Balsam, ein Hauch Wacholder, etwas Kiefernharz. Und dann ist da diese Textur – cremig ist nicht das richtige Wort, aber etwas Glattes liegt da auf der Zunge, mit Grip und Spannung zugleich. Vor allem aber schmeckt man die Amphore. Nicht als Gimmick, sondern als geologische Instanz. Der Ton gibt dem Riesling etwas Elementares. Der Vergleich mag mutig erscheinen – aber der Riesling A von Patke könnte der Signaturwein dieser neuen deutschen Nordostweine sein: ein deutscher Wein, der seine in Deutschland seltene Herkunft nicht kaschiert, sondern sie durch das Medium der Amphore neu interpretiert. Und er ist ein Statement: für Langsamkeit, für Reduktion, für die Kraft des Zweifels. Dass rund 90 Prozent der Flaschen von Patke in der Region Berlin-Brandenburg bleiben, liegt nicht nur an der Nähe, sondern vor allem daran, dass es hier keine Weintradition gibt. Die Weine werden für die kommende Weinwelt gekeltert – kühl, klar, ungekünstelt. Und die Gäste, die aus Potsdam oder Berlin-Friedrichshain herüberkommen, nehmen oft mehr mit als nur ein paar Flaschen: eine Ahnung, dass sich hier etwas verschiebt, nicht nur klimatisch – auch kulturell.Die Anbaufläche soll auf 15 bis 18 Hektar wachsen. Und wenn eines Tages auch ein Schaumwein hinzukommt, wird das kein Exkurs sein, sondern eine Fortsetzung dessen, was längst begonnen hat. Denn das Weingut Patke ist kein Experiment mehr. Es ist der Beweis, dass Weinentrepreneure ihr Terroir besorgen können. Mit Mut, Verstand und einem scharfen Messer für die Salami.Infos: instagram.com/weingutpatke. Das nächste Weinfest auf dem Gut etwa findet am 20. und 21. September statt.Manfred Klimek ist Autor, Weinkritiker und Fotograf.