PfadnavigationHomeRegionalesHamburg10 Jahre „Wir schaffen das“„Nur wenn wir dies ändern, werden wir unsere Art und Weise zu leben erhalten können“Von Denis FenglerRedakteur WELT/WELT AM SONNTAG HamburgVeröffentlicht am 02.09.2025Lesedauer: 5 MinutenFlüchtlinge aus Syrien gehen mit ihrem Gepäck zu einer Erstaufnahmeeinrichtung in HamburgQuelle: picture alliance/dpa/Marcus BrandtWie hat die Zuwanderung der vergangenen Dekade die Kriminalität auch in Hamburg verändert? Fest steht, dass das Unsicherheitsgefühl gestiegen ist und Radikalisierungsprozesse beschleunigt wurden.Die Straftatenliste von Firas A. ist lang: Der 33 Jahre alte Syrer wird für Schäden in Millionen-Höhe verantwortlich gemacht, gilt als Gewalttäter. Mitte April stach er an einer Hamburger Bushaltestelle auf einen 60-Jährigen und eine 30 Jahre alte Rollstuhlfahrerin ein. Er sitzt in Untersuchungshaft. Abgeschoben werden kann er nicht, weil er „subsidiär schutzberechtigt“ ist. Der 33-Jährige ist ein Extremfall – und wird doch oft als Beispiel herangezogen, wenn es darum geht, die Auswirkungen von Zuwanderung auf die Kriminalität zu belegen. Wie viele andere Zuwanderer auch kam er ab 2015 nach Deutschland. Seitdem und bis Juli 2025 wurden fast 2,6 Millionen Erstanträge auf Asyl in Deutschland gestellt. Wie aber hat diese massive Zuwanderung Einfluss auf das Kriminalitätsgeschehen? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, zu unterschiedlich fällt die Interpretation der Zahlen aus, zu widersprüchlich sind Expertenmeinungen.Lesen Sie auchDer Versuch einer Einordnung: Eine der wichtigsten Erhebungen in diesem Zusammenhang ist das Lagebild des BKA „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2023“ vom vergangenen Oktober. 2023 lebten knapp drei Millionen Flüchtlinge in Deutschland, die meisten aus der Ukraine, Syrien und Afghanistan. Eigenen Angaben zufolge erfasste das BKA in dem Jahr knapp 3,2 Millionen Straftaten und stellte fest, dass an fast 345.000 dieser Straftaten mindestens ein tatverdächtiger Zuwanderer beteiligt war – ein Anteil von 10,8 Prozent, obwohl der Anteil der Zuwanderer an der Gesamtbevölkerung geringer ist. Insgesamt stieg die Zahl der Straftaten mit Beteiligung tatverdächtiger Zuwanderer um knapp 27 Prozent, die der Mehrfachtäter aus der Gruppe um 23 Prozent. Auffällig war die Zunahme von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Diebstahlsdelikten, aber auch bei Rauschgiftdelikten, Straftaten gegen die persönliche Freiheit und gegen das Leben. Flüchtlinge aus den Maghreb-Staaten seien überproportional unter den Tatverdächtigen vertreten, heißt es. Im Gegensatz dazu waren Ukrainer, die die größte Gruppe bilden, weniger auffällig. Mit einer Ursachenforschung hält sich das BKA zurück, verweist darauf, dass in der Flüchtlingsgruppe der 21- bis 30-Jährigen die Zahl der Männer doppelt so hoch ist wie die der Frauen. Bekannt ist: Junge Männer werden häufiger kriminell.Die Kriminologin Bärbel Bongartz, Professorin am Zentrum für Radikalisierungsforschung und Prävention (ZRP) der IU Internationale Hochschule, hält Polizeiliche Kriminalitätsstatistiken (PKS) für die Beurteilung und Bewertung der Kriminalitätslage für wenig aussagekräftig. „Die PKS zeigt das Hellfeld“, sagt sie. „Das bedeutet, dass diese Zahlen Auskunft darüber geben, dass es eine tatverdächtige Person gibt.“ Das bedeute aber nicht, dass ein Gericht später eine tatsächliche Tatbeteiligung bestätige und die Person verurteilt werde. Für eine zuverlässige Aussage zum Kriminalitätsgeschehen benötige es mehr, etwa Zahlen aus dem Strafvollzug, zu rechtskräftig Verurteilten, Opferbefragungen. Lesen Sie auchSie warnt vor dem „grundsätzlichen Herstellen eines binären Zusammenhangs zwischen Migration und Kriminalität“. Die Frage, ob man Straftaten begehe, habe nichts mit einer Staatsangehörigkeit an sich zu tun, sondern mit den sozialen Lebenslagen, dem Alter, dem Geschlecht, der Sozialisation und weiteren Faktoren.Extremismus-Experte Ahmad Mansour hingegen hält die Kriminalitätszahlen für mehr als eindeutig: „Zuwanderung hat zu mehr Kriminalität geführt“, sagt er. Es gebe eine „Quantität an Menschen, die unseren Rechtsstaat, unsere freiheitlich demokratische Grundordnung verachten, die andere Wertvorstellungen mitbringen, die in bestimmten Kriminalitätsbereichen, aber auch in den Bereichen des Islamismus und des Antisemitismus signifikant dazu geführt haben, dass unser Land unsicherer geworden ist“. „Es geht um Erziehungsmethoden“Er fordert eine Auseinandersetzung darüber, „welche wichtige Rolle die kulturelle Sozialisation, die mitgebrachten Werte und die Erziehungsmethoden bei der Entwicklung der Kriminalitätszahlen spielen“. Die Statistik zeige deutlich auf, dass die Zahl Nichtdeutscher bei Delikten wie Körperverletzungen oder Sexualdelikten überproportional höher sei, argumentiert Mansour. Lesen Sie auchErklärungsansätze, dass unter Zugezogenen insbesondere aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum viele junge Männer sind, lässt er nicht uneingeschränkt gelten. Unterschiede seien auch dann feststellbar, wenn allein junge deutsche Männer und junge Flüchtlinge verglichen würden. „Da spielen Faktoren eine Rolle, die aus ideologischen Gründen ausgeblendet werden, weil sie politisch unbequem sind“, sagt Mansour. „Es geht um Erziehungsmethoden und patriarchalische Strukturen, die dazu führen, dass Menschen bestimmte westliche Werte verachten und bekämpfen.“Deutschland sei insgesamt unsicherer geworden, „weil das Unsicherheitsgefühl der Menschen gestiegen ist“, sagt hingegen Kriminologin Bongartz. Ende November 2022 seien mehr als 2500 Menschen durch die Uni Hamburg und das German Institute for Global and Area Studies (GIGA) zu ihren Einstellungen gegenüber Geflüchteten befragt worden. Das Ergebnis: Die Mehrheit der Menschen in Deutschland fühlt sich durch Geflüchtete nicht bedroht. Gleichzeitig gaben mehr als 60 Prozent an, sie seien der Ansicht, dass nach wie vor allem Gewalttäter nach Deutschland kämen. „Das ist sozialer Sprengstoff“, sagt Bongartz.Keinen systematischen Einfluss auf die KriminalitätDas ifo Institut veröffentlichte jüngst eine Studie, basierend auf einer Analyse der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2018 bis 2023. Das Ergebnis: Migration habe keinen systematischen Einfluss auf die Kriminalität im Aufnahmeland. Zwar seien Ausländer überrepräsentiert. Grund sei jedoch keine höhere Kriminalitätsneigung, sondern die schon angesprochenen demografischen, aber vor allem auch ortsspezifische Faktoren. Migranten ziehen häufiger in Gegenden mit höherem Kriminalitätsrisiko und werden öfter kontrolliert.Lesen Sie auch„Ein nicht kleiner Anteil der Bürger bewaffnet sich, um sich vor Kriminalität zu schützen. Das muss ernst genommen werden, das ist ein bedrückender Befund, der gesellschaftliche Veränderungen wie durch eine Lupe vergrößert“, sagt Bongartz. Die aktuelle Migrations-Kriminalitätsdebatte befeuere ein rasantes Radikalisierungsgeschehen, etwa demokratiefeindliche Einstellungen in der Mittelschicht. Deutschland sei unsicherer geworden, weil es instabiler geworden sei. „Weil sich ideologische Glaubenskämpfe zunehmend brutalisieren, aber nicht, weil Kriminalität und Migrationshintergrund zusammengehören.“Mansour hingegen fordert: Migration müsse begrenzt werden, um eine „gesunde Durchmischung der Gesellschaft“ zu erreichen. Nur so könnten Parallelgesellschaften verhindert werden und blieben Ressourcen, um Zuwanderern begleitete Integrationsangebote zu machen. „Und zweitens muss der Rechtsstaat ausreichend Abschreckung entwickeln“, dass diejenigen, die ihn systematisch verachteten, abgeschoben oder juristisch so verfolgt werden, dass sie keine Straftaten mehr begehen. „Nur wenn wir dies ändern, werden wir unsere Art und Weise zu leben erhalten können.“