PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenKommunalwahlZerreißprobe im Wahlkreis des KanzlersVeröffentlicht am 31.08.2025Lesedauer: 5 MinutenWo der Wald stirbt, werden Weihnachtsbäume gepflanzt und Windräder aufgestellt: Windpark oberhalb von Olsberg im HochsauerlandkreisQuelle: picture alliance/Jochen TackDer Hochsauerlandkreis ist die Heimat von Bundeskanzler Friedrich Merz – und ein Hotspot beim Streit um den Ausbau der Windkraft in Waldgebieten. Manche Städte wollen davon profitieren, andere befürchten, dass der Tourismus darunter leiden wird.Zu diesem Auftritt musste der Bundeskanzler nicht weit reisen. Von seinem Haus geht es nur wenige Hundert Meter die Straße hinauf – schon ist die Schützenhalle von Niedereimer erreicht. Im Juli wurde dort Schützenfest gefeiert, ein Pflichttermin für Friedrich Merz, den prominenten Bewohner dieses Dorfs. Er pries das Schützenwesen als eine „der schönsten Traditionen unserer Heimat“. Die Arbeit der Ehrenamtlichen in den Vereinen ermögliche ein „gutes Leben in Freiheit, in Frieden, mit Freunden“. Die Lobrede darf man auch als Dankeschön verstehen – für die Bundestagswahl im Februar. Der CDU-Vorsitzende gewann seinen Wahlkreis mit Abstand, fast 48 Prozent der Wähler im Hochsauerlandkreis gaben ihm ihre Erststimme. 2021 waren es nur 40 Prozent. Niedereimer ist ein Stadtteil von Arnsberg. Und Arnsberg ist eine von zwölf Kommunen des Hochsauerlandkreises – mit fast 2000 Quadratkilometern der flächengrößte Landkreis in NRW. Im HSK, wie die Einwohner kurz und knapp sagen, liegen die größte zusammenhängende Urlaubsregion und das größte zusammenhängende Waldgebiet des Bundeslandes. Vom Wald wird später noch die Rede sein. Weitere Charakteristika des HSK: Bei den zahlreichen Schützenfesten wird Bier der Brauerei Veltins gezapft (die steht in Meschede, ebenfalls HSK). Und bei politischen Wahlen liegt die CDU vorn. Ausnahmen bestätigen die Regel: In einzelnen Dörfern gibt es Warsteiner (Warstein liegt im Nachbarkreis) – und in manchen Städten stellen derzeit SPD, FDP oder Grüne den Bürgermeister. Thomas Grosche, derzeit noch Bürgermeister von Medebach, gehört zur CDU. Er ist 53 Jahre alt und bereits seit 16 Jahren im Amt. Jetzt sei die Zeit reif für neue Herausforderungen, sagt er: „Die Welt hört ja nicht an der Stadtgrenze auf.“ Medebach liegt im Osten des HSK, direkt an der hessischen Landesgrenze. Von dort zieht es Grosche nun ins 40 Kilometer entfernte Kreishaus nach Meschede, er kandidiert für den Posten des Landrats im HSK und hat als Unionspolitiker naturgemäß beste Chancen. Der bislang amtierende Karl Schneider, ebenfalls CDU, kam bei der Kommunalwahl 2020 auf fast 59 Prozent der Stimmen, 2014 erzielte Schneider sogar 60 Prozent – Kennzahlen, an denen Grosche sich messen lassen muss. Die Herausforderungen, von denen Grosche spricht, sind aber andere: Der Landkreis mit seinen rund 260.000 Einwohnern leidet an Überalterung und Bevölkerungsschwund. Es gibt Berechnungen, denen zufolge im HSK bis 2050 rund zehn Prozent weniger Menschen leben werden als heute. „Dem müssen wir entgegenwirken“, sagt Grosche. „Wie schaffen wir es, junge Menschen, die zu Ausbildung und Studium weggezogen sind, wieder zurückzuholen?“ Erste Projekte laufen bereits. „Heimvorteil HSK“ heißt ein Netzwerk, an das sich Exil-Sauerländer mit Heimkehr-Ambitionen wenden können. Mit Stipendien versucht man, junge Ärzte an den HSK zu binden. Außerdem müsse mit größter Dringlichkeit am flächendeckenden Glasfaser-Ausbau gearbeitet werden, sagt Grosche.Und dann ist da noch jenes Thema, das die Gemüter im HSK erhitzt wie kein zweites: Windkraft. Der Bau von Windrädern stößt immer und überall auf Kritik. Das ist nichts Neues. Neu ist, dass für den Ausbau der erneuerbaren Energien Waldgebiete freigegeben werden. Wo künftig Windräder in NRW gebaut werden sollen – das ist geregelt in sogenannten Regionalplänen, die in diesem Frühjahr beschlossen wurden. Viele der ausgewiesenen Flächen liegen auf den Höhen des Sauerlands, die bis vor wenigen Jahren dicht bewaldet waren, doch jetzt, nach Sommern der Trockenheit und des Borkenkäferbefalls, kahl daliegen. Wenn man schon kein Holz ernten kann, dann wenigstens Windenergie, so die Überlegung von privaten und kommunalen Waldbesitzern. Experten gehen davon aus, dass in Sauer- und Siegerland in den nächsten Jahren rund tausend neue Windräder errichtet werden. Der Hochsauerlandkreis hat ein eigenes Energieunternehmen gegründet – mit dem Zweck, eigene Windparks zu bauen. Doch längst nicht alle HSK-Städte ziehen mit.Grosche sagt, er könne beide Seiten verstehen – er hat Befürworter und Kritiker in der eigenen Familie: „Meine Eltern sagen: Wir können auf den Hillekopf doch keine Windräder stellen.“ Doch seine vier Kinder, zwischen 20 und 33 Jahre alt, denken anders. „Sie sagen: Wir müssen was für die Energiewende tun und unseren Anteil leisten.“ Zwischen diesen beiden Polen agieren auch die Bürgermeister der HSK-Kommunen, manche preschen vor, andere, vor allem in den Tourismusregionen Schmallenberg und Winterberg, stemmen sich gegen die Windparks.Dass sich nicht alle Städte am HSK-Energieunternehmen beteiligen – das ist für Nathalie Evers-Stumpf nur schwer nachvollziehbar. Ihre Partei, die SPD, war es, die den Antrag zur Gründung dieses Unternehmens eingebracht hat. Evers-Stumpf steht ebenfalls für das Amt der Landrätin zur Wahl (neben dem dritten Kandidat Ahmet Arslan von der Sauerländer Bürgerliste). Die „Vermeidungsstrategien“ in Sachen Windkraft, die sie bei manchen Kommunen ausmacht, führten nur dazu, dass man Zeit verliere und am Ende andere Unternehmen die Gewinne abschöpften, sagt sie. Und verglichen mit den Altlasten, die der Braunkohletagebau im Rheinischen Revier verursacht habe, „kommt die Landschaft beim Bau von Windenergieanlagen doch relativ unbeschadet davon“. Auf den Straßen der Arnsberger Altstadt herrscht verschlafene Sommerruhe. Seit Friedrich Merz im Amt sei, kämen häufiger Ausflügler vorbei, die einen Abstecher von der Autobahn machen, um einen Hauch Bundeskanzler zu erhaschen, sagt eine Mitarbeiterin des Tourismusbüros. Dabei gibt es hier wirklich etwas zu sehen: Schlossruine, Glockenturm – und das Sauerland-Museum. Dort startet bald eine Ausstellung, in der die großen Herausforderungen für das demokratische Leben im Sauerland thematisiert werden. Zum Beispiel die Zusammenlegung der Städte und Gemeinden zum Hochsauerlandkreis im Jahr 1975 – die damit einhergehenden Veränderungen wurden zu einer gesellschaftlichen Zerreißprobe. Heute ist es die Windkraft.afa
Kommunalwahl: Zerreißprobe im Wahlkreis des Kanzlers - WELT
Der Hochsauerlandkreis ist die Heimat von Bundeskanzler Friedrich Merz – und ein Hotspot beim Streit um den Ausbau der Windkraft in Waldgebieten. Manche Städte wollen davon profitieren, andere befürchten, dass der Tourismus darunter leiden wird.






