PfadnavigationHomeGeschichteMoskau 1955Als Adenauer in die Wodka-Schlacht ausrückteVeröffentlicht am 30.08.2025Lesedauer: 8 Minuten Bundeskanzler Adenauer bei der Frühmesse in der einzigen katholischen Kirche in MoskauQuelle: picture-alliance/dpa/UPIEin politisches Meisterstück gelang Konrad Adenauer im September 1955: Der Bundeskanzler ließ sich nach Moskau einladen, erreichte rein sachlich nicht viel – und kehrte dennoch als Triumphator zurück nach Bonn.Spontane Antworten sind mitunter die ehrlichsten. Als Konrad Adenauer am 14. September 1955 von Moskau kommend auf dem Flughafen Köln angekommen war, wollte ein Journalist wissen, wer bei den Verhandlungen der schwierigste Gesprächspartner gewesen sei. In unverwechselbar rheinischem Singsang antwortete der Bundeskanzler: „Ach wissen Se, dat war der Herr von Brentano.“ Was der Reporter als Scherz verstand, war in Wirklichkeit eine tiefere Wahrheit. Tatsächlich trennten den Bundeskanzler bei den Verhandlungen in Moskau größere Meinungsverschiedenheiten von seinem erst kurz zuvor ernannten Außenminister Heinrich von Brentano als von den sowjetischen Machthabern. Es handelte sich nicht um einen witzigen Spruch, sondern um eine – mutmaßlich bewusste – Indiskretion.Die Einladung war am 7. Juni 1955 ebenso unverhofft wie unerwartet gekommen. Die nach dem Tod Stalins gut zwei Jahre zuvor etablierte neue Führung in Moskau um KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow und Ministerpräsident Nikolai Bulganin bot in einer Note der Bundesrepublik die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und die Möglichkeit an, „zur Lösung der ungeregelten Fragen, die ganz Deutschland betreffen“, beizutragen. Zu diesem Zweck lud man Adenauer offiziell ein.Wirklich ein Tauwetter?Das war mehr als ungewöhnlich: Üblich wäre es gewesen, einen zunächst vertraulich ausgehandelten Austausch von Botschaftern bei einem Staatsbesuch zu zelebrieren. Doch mit einem öffentlichen Großereignis zu beginnen? Dahinter musste etwas Besonderes stecken; das bewegte die politisch Interessierten in der Bundesrepublik. Vor allem der Relativsatz „die ganz Deutschland betreffen“ ließ aufhorchen. Manche glaubten, darin eine neue Chance für die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu erkennen. Wollte die Sowjetführung das von Stalin zusammengeraffte Machtgebiet konsolidieren? Immerhin war es vor allem Chruschtschow, der sich 1955 bemühte, die miserablen Beziehungen zum gleichfalls kommunistischen Jugoslawien Titos zu verbessern. Und schon im Jahr zuvor war er nach China gereist, um den dortigen Machthaber Mao zu hofieren. Die offizielle Entstalinisierung hatte zwar noch nicht begonnen, aber bereits seit Ende 1953 gab es Anzeichen für bevorstehendes „Tauwetter“.Lesen Sie auchLesen Sie auchEnde Januar 1955 hatte sogar das Präsidium des Obersten Sowjets, des bedeutungslosen Scheinparlaments, einen erstaunlichen Erlass veröffentlicht. Er umfasste drei Punkte: „1. Der Kriegszustand zwischen der Sowjetunion und Deutschland wird beendet, und zwischen beiden Ländern werden friedliche Beziehungen hergestellt. 2. Alle juristischen Beschränkungen, die sich aus dem Krieg gegenüber Deutschen als Bürgern eines feindlichen Staates ergeben haben, werden ungültig. 3. Die Beendigung des Kriegszustandes verändert nicht die internationalen Verpflichtungen Deutschlands und beeinträchtigt nicht die Rechte und Verpflichtungen der Sowjetunion, die sich aus den internationalen Abmachungen der vier Mächte über Deutschland als Ganzes ergeben.“ War die Einladung Adenauers der nächste Schritt, um diesen Kurs einer Entspannung im Kalten Krieg fortzusetzen?Andere Beobachter warnten, man könne auf ein falsches Spiel hereinfallen. In ihrer Wahrnehmung war der Termin der Einladung kein Zufall: Fünf Wochen später, Mitte Juli 1955, sollten sich in Genf die Regierungschefs der Siegermächte treffen, zum ersten Mal seit der Potsdamer Konferenz zehn Jahre zuvor. Am liebsten wäre es Chruschtschow und Bulganin gewesen, wenn Adenauer noch vorher nach Moskau gekommen wäre – angelockt durch die Verheißung, Fortschritte hinsichtlich der Deutschen Teilung zu erreichen. Lesen Sie auchIn dieser Perspektive sollte die sowjetische Einladung die Integration der Bundesrepublik in die Nato und damit ihre Bindung an den Westen untergraben. Dann hätte die Einladung im Grunde dasselbe Ziel wie im März 1952 die Stalin-Note: Das nicht ernst gemeinte Angebot eines vereinten, aber neutralen Deutschlands sollte damals die Verabschiedung des Generalvertrages zwischen den drei Westmächten und der Bundesrepublik stören. Ein Indiz in diese Richtung war, dass die Moskauer Machthaber mit der Bonner Regierung über Fragen verhandeln wollten, die „Deutschland als Ganzes“ betrafen – das jedoch war, soweit der diplomatische Usus seit Potsdam 1945, stets eine Sache aller Siegermächte gemeinsam gewesen. Trotzdem knüpfte man in Bonn Hoffnungen an den Besuch. Im Umfeld des Kanzlers warnte Staatssekretär Hans Globke bereits eindringlich vor einem möglichen sowjetischen Angebot zu freien Wahlen und zur Revision der Oder-Neiße-Linie. Nähme man es an, fürchtete er, würden die Amerikaner aus der Bundesrepublik abziehen – und „wir in längstens fünf Jahren ein Satellitenstaat werden“. Doch da sich die öffentliche Meinung in Westdeutschland gern „einlullen“ lasse und „mehr mit dem Gefühl als mit dem Verstand“ denke, bestehe die Gefahr, dass die Bundesregierung unter Druck gerate. Das könne den Kanzler in eine Lage bringen, in der er ein sowjetisches Angebot kaum abzulehnen vermöge.Seine Vorsicht stützte eine repräsentative Meinungsumfrage des Instituts Allensbach. Ihr zufolge waren 82 Prozent der Deutschen der Ansicht, der Bundeskanzler solle die Einladung annehmen; nur drei Prozent sprachen sich für eine Zurückweisung aus. Dabei glaubten zugleich 21 Prozent, dass es Moskau lediglich darum gehe, Zwietracht zwischen Washington und Bonn zu säen, während mit 23 Prozent minimal mehr Westdeutsche meinten, die Einladung sei ein Zeichen für den ehrlichen Friedenswillen der Sowjetunion.Man entschied sich, zunächst die Genfer Konferenz abzuwarten – und brauchte nicht ganz zufällig drei Wochen bis zur Antwort. Erst am 30. Juni 1955 signalisierte die Bundesregierung ihre grundsätzliche Bereitschaft zu Gesprächen in Moskau, nicht aber zu einem formellen Staatsbesuch. In sprödem, teilweise sogar abweisendem Ton zeigte das Schreiben, dass sich Adenauer nicht auf diplomatisches Glatteis führen lassen wollte. Die Sowjets selbst reagierten betont nüchtern. Dass SED-Chef Walter Ulbricht das „Neue Deutschland“, das Ost-Berliner „Zentralorgan“, schimpfen ließ, der Bundeskanzler setze „die von Moskau gebotene Chance einer Entspannung bewusst aufs Spiel“, galt im Palais Schaumburg als unvermeidliche Folklore. Die Genfer Konferenz der Siegermächte im Juli 1955 brachte wie erwartet keine konkreten Ergebnisse – die Einladung an Adenauer hatte tatsächlich dieses Treffen stören sollen: Machttaktik des Kreml wie eh und je.Gleichzeitig bereitete ein Stab aus Auswärtigem Amt und Kanzleramt bereits die Gespräche in Moskau vor. Als am 8. September 1955 der Besuch endlich begann, zeigte sich schnell, dass hier ein Kräftemessen zwischen dem Gast und den Gastgebern stattfand, keine normalen diplomatischen Gespräche. Die Verhandlungen, von Teilnehmern als „Ausrücken in die Wodkaschlacht“ beschrieben, überstanden Adenauer und der Großteil der deutschen Delegation mithilfe von esslöffelweise verabreichtem Olivenöl, das Globke verwaltete. Sie entwickelten sich wechselvoll: Das Auswärtige Amt mit Brentano an der Spitze wollte die Sowjetführung zu Zugeständnissen bei der deutschen Einheit zwingen, unter anderem mit der Forderung, diplomatische Beziehungen erst dann aufzunehmen und es bei der Einsetzung gemeinsamer „Arbeitsgruppen“ zu belassen. Lesen Sie auchAdenauer dagegen wollte tatsächliche Ergebnisse, und zwar aus mindestens zwei Gründen: Erstens sagte ihm sein Instinkt, dass die Menschen in Westdeutschland nach dem Ende der Kriegsgefangenenproblematik gierten und er damit einen wichtigen innenpolitischen Erfolg erreichen könnte. Zweitens aber misstrauten ihm die Partner im Westen – bei ihnen dominierte die „Rapallo-Angst“, also die Sorge vor Geheimabsprachen wie nach dem Abkommen 1922. Nur wenn der Besuch greifbare Ergebnisse brachte, ließ sich diese Befürchtung zerstreuen.Am zweiten Verhandlungstag, Sonntag, dem 11. September 1955, sandte Adenauer ein klares Signal an die KPdSU-Führung: Morgens vor den Gesprächen besuchte er die Messe in der kleinen polnischen Kirche St. Louis; es war offenbar die einzige Kirche im ganzen sowjetischen Moskau, in der noch katholische Gottesdienste stattfinden durften, allerdings ohne Predigt und ohne Chorgesang. Für den Kanzler war ein separates Betgestühl vor den Altar gestellt worden, das er auch benutzte. Ein weiteres stand für den gleichfalls gläubigen Katholiken Brentano bereit, der sich aber nicht neben Adenauer knien wollte.Am dritten Verhandlungstag stand das vorzeitige Ende des Besuchs im Raum: Über eine offene, also unverschlüsselte Leitung wurden die beiden Lufthansa-Sondermaschinen nach Moskau beordert. Wer genau die Idee hatte, ist unklar – der Kanzler und sein Außenminister reklamierten die Idee jeweils für sich, ebenfalls der Bundespressechef Felix von Eckardt und Brentanos Staatssekretär Walter Hallstein. Der KGB hörte natürlich mit und dürfte umgehend Chruschtschow sowie Bulganin gewarnt haben, die westdeutsche Delegation wolle das Treffen abbrechen. Derartig unter Druck gesetzt, bekam Adenauer das Ergebnis, das er benötigte: die Rückkehr der letzten knapp 10.000 deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten aus der Sowjetunion im Gegenzug zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Moskau. Gemessen an den hohen Erwartungen war das zwar ein ausgesprochen mageres Ergebnis, zumal Chruschtschow schon im Juli dem SED-Politbüro die Entlassung der Gefangenen nach Westdeutschland angekündigt hatte – so gesehen rang Adenauer den Sowjets nur etwas ab, was sie ihm ohnehin geben wollten. Andererseits geriet die Heimkehr des Kanzlers zum Triumphzug und verschaffte ihm letztlich bei der nächsten Bundestagswahl 1957 die absolute Mehrheit der Stimmen. Die westdeutsche Delegation musste nach dem Staatsbesuch besonders kreativ sein, denn nun hatte die Bundesrepublik erstmals diplomatische Beziehungen zu einem Staat aufgenommen, der offizielle Kontakte zur DDR unterhielt – das schwächte den Alleinvertretungsanspruch Bonns. Das Ergebnis war die auf dem Rückflug nach Köln von Adenauers außenpolitischem Chefberater (und echtem Völkerrechtler) Wilhelm Grewe skizzierte Sprachregelung, die später als „Hallstein-Doktrin“ bekannt wurde. Für die kommenden 15 Jahre hielt diese Formel die DDR international weitgehend isoliert.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er hat in verschiedenen Archiven mit Unterlagen der Bundeskanzler Konrad Adenauer und Helmut Schmidt gearbeitet.