Ingrid Klimke hat es nicht nötig, Ausflüchte zu bemühen. „Dies war mein schlechtester Ritt“, sagte sie nach ihrem Auftritt bei den Dressur-Europameisterschaften in Crozet in Frankreich. Als erste des deutschen Quartetts sollte sie für einen sicheren Auftakt sorgen, um den folgenden drei Teamreitern ein wenig den Druck von den Schultern zu nehmen. Das ging schief. 69,348 Prozentpunkte – weniger hatte die 57-Jährige bei ihren bisher elf Prüfungen auf dem 14-jährigen Hengst Vayron noch nie erhalten. „Ich dachte heute Morgen, er ist super drauf, aber dann war er nicht so ganz bei mir und guckte hier und guckte da.“

Vayron ist mit 1,86 Meter Schulterhöhe vierzehn Zentimeter größer als seine Reiterin: ein Riese von Pferd, 700 Kilogramm schwer und manchmal nicht so beweglich und fix wie seine kleineren Artgenossen. Und seine Courage steht in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Körpergröße. Ein Gigant mit Hasenherz also, dem in Crozet der Schreck in die Glieder fuhr, als eine frische Treckerspur seinen Weg kreuzte, genau vor den Augen der Richter, wo er eigentlich anhalten und zu einem Reiterdenkmal erstarren sollte. Stattdessen versuchte er, den Spuren im Sand auszuweichen, was seine Reiterin nur knapp verhindern konnte.