Anfang der Achtziger, zwanzig Jahre nach dem legendären Oberhausener Manifest und dessen trotzigem Motto „Papas Kino ist tot“, feierte das junge deutsche Kino seine neue Freiheit. 1983 drehte Wolfgang Büld, einer der großen Draufgänger damals, mit den Toten Hosen das Musikvideo zu „Eisgekühlter Bommerlunder“. Da gab’s eine Hochzeit in einer schönen bayerischen Landkirche, und alle an der Feierlichkeit Beteiligten waren ziemlich durchgeknallt, rüpelhaft und alkoholisiert (auch Nase bohrend!). Der Pfarrer war Kurt Raab, Freund und Mitarbeiter Fassbinders, eine der Bräute war Marianne Sägebrecht. Wegen Obszönität wurde das Video nie im Fernsehen gezeigt, und die Kirche, in der es gedreht wurde, musste später neu geweiht werden (auf Youtube ist das Stück zu sehen).

Marianne Sägebrecht, geboren am 27. August 1945, wuchs am Starnberger See auf, machte eine Fotolehre, arbeitete ein Jahr bei einem Psychiater – „Ich wurde bei einem Ganzheitsmediziner ausgebildet“ – und leitete verschiedene Kleinkunstkneipen in Starnberg, dann in München. Dort entdeckte sie der Filmemacher Percy Adlon und holte sie 1980 für seinen TV-Film „Herr Kischott“ vor die Kamera, als Frau Pansa. In der Folge verkörperte sie weitere sehr individuelle Frauen für ihn, diese Filme hatten in Amerika beachtlichen Erfolg im Kino und ließen Adlon schließlich nach Pacific Palisades übersiedeln. Sägebrecht war bajuwarisch resolut und menschenfreundlich – die Tandlerin in „Die Schaukel“ (1983), die einsame Bestatterin Marianne mit ihrer U-Bahn-Liebe in „Zuckerbaby“ (1985), Jasmin Münchgstettner, die nach einem Ehestreit in der Mojave-Wüste in dem Kaff Bagdad strandet und dort Jack Palance begegnet, in „Out of Rosenheim“ (1987), oder Rosalie Greenspace, die mit ihrem amerikanischen Mann in Stuttgart, Arkansas, lebt, in „Rosalie Goes Shopping“ (1989).