PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenNiederrhein-MuseumMehr als nur Mühlen und MythenVeröffentlicht am 25.08.2025Lesedauer: 5 MinutenMit dem Schwarzbunten Fleckvieh auf Augenhöhe: Container-Frachtschiff auf dem Rhein in der Höhe von EmmerichQuelle: picture alliance/Jochen TackDer Region Niederrhein ist in Wesel ein eigenes Museum gewidmet. Doch der Erfolg war bislang mäßig. Mit einem veränderten Konzept versucht man nun einen Neuanfang.Die Idee klang immer schon überzeugend: Der Niederrhein, jene Region zwischen Düsseldorf und der niederländischen Grenze, die es spätestens durch den Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch zu bundesweiter Bekanntheit gebracht hat, braucht ein eigenes Museum. Ein Haus, das der Landschaft und ihren Bewohnern gewidmet ist, das deren Eigenschaften und Eigenheiten ergründet.Jetzt ist es so weit. Auf 1400 Quadratmetern, verteilt über zwei Etagen, werden im LVR-Niederrheinmuseum in Wesel Kulturlandschaft, Wirtschaftsregion und Lebensraum vorgestellt. Eine zentrale Rolle spielt im Ausstellungskonzept der Rhein – als Lebensader, als grenzüberschreitendes Verbindungselement und Hauptverkehrsachse für Waren- und Ideenströme.Die jetzige Eröffnung ist gewissermaßen ein zweiter Anlauf. Denn schon 2018 präsentierte der Landschaftsverband Rheinland (LVR) ein Niederrheinmuseum. Als Standort diente damals wie heute die Zitadelle in Wesel, eine alte Festungsanlage. Und die hat nicht nur eine Vergangenheit als militärische Verteidigungsanlage, sondern auch als Museumsstandort. Ende der 90er-Jahre hatte man erstmals versucht, in der Zitadelle ein Museum zu etablieren, in dem damals noch die preußische Vorgeschichte des Landes Nordrhein-Westfalen thematisiert werden sollte – immerhin gehörten große Teile des Rheinlandes und Westfalens mehr als 300 Jahre lang zu Brandenburg-Preußen. Das Ganze hatte man unter der Trägerschaft einer eigenen Stiftung mit Landesbeteiligung als einen rheinisch-westfälischen Doppelschlag angelegt: als zweiter Standort war Minden mit dabei, auch dort in authentisch preußischem Militärgemäuer. Doch die breite Öffentlichkeit schien sich nicht für dieses NRW-Kapitel zu interessieren. Bald gab es Ärger um die Finanzierung – und Mitte der 2010er-Jahre war das Ende des Preußen-Museums Wesel gekommen (während man in Minden weiterhin daran festhält, nun unter der Trägerschaft des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe).Danach also wurde der thematische Schwenk eingeleitet – weg von der ungeliebten Fremdherrschaft der Preußen hin zum identitätsstiftenden Begriff Niederrhein. Dennoch tat man sich mit dem Weseler Museum weiterhin schwer. Die Menschen am Niederrhein schienen mit ihrem Niederrheinmuseum zu fremdeln. Vielleicht lag es auch daran, dass es im nur 30 Kilometer weiter westlich gelegenen Kevelaer bereits seit Langem ein vereinsgetragenes volkskundliches Museum für den Niederrhein gibt und in Grefrath, weitere 30 Kilometer nach Süden gelegen, ein Freilichtmuseum, in dem die traditionellen Häuser und Höfe der Region zu sehen sind. Ins Weseler Museum verirrten sich jedenfalls zuletzt nur noch etwa 3500 Besucher pro Jahr. Als vor drei Jahren Corinna Endlich die Leitung des Hauses übernahm, war also klar, dass dieses Sorgenkind in der Familie der LVR-Museen mit einem einfachen „Weiter so!“ nicht auf die Beine kommen würde. Die Museumsexpertin, ursprünglich eine gelernte Archäologin, ließ erst einmal die Menschen der Region zu ihrer niederrheinischen Identität befragen, um über die allseits bekannten Klischees, die viel zitierten Mythen der Vorgeschichte (Siegfriedsage aus Xanten!) und die malerischen Mühlen hinauszukommen, für die der Niederrhein gemeinhin bekannt ist. So zapfte Endlich beispielsweise die Fan-Community des Fußballclubs MSV Duisburg an und machte aus den Ergebnissen eine erstaunlich gut besuchte Ausstellung. Und mit einer Schau zum Thema Kiesabbau, das zwar wenig sexy scheint, in der Region aber seit Jahren hitzig und kontrovers diskutiert wird wie andernorts Windkrafträder, zog das Museum innerhalb von zehn Wochen immerhin 4500 Besucher an, also deutlich mehr, als zuvor in einem ganzen Jahr gekommen waren. „Wenn so etwas in Sonderausstellungen möglich ist“, so fragte Endlich sich selbst und ihr Team, „warum sollten wir das dann nicht in der Dauerstellung machen?“ So reiften nach und nach Ideen, wie ein Museumskonzept aussehen muss, das den Bogen bis in die Gegenwart spannt. Da dürfen freilich auch die Musikfestivals nicht fehlen, die entstanden, weil es in der Gegend für junge Menschen sonst nicht viel gab, und heute selbstverständlich zur Identität des Niederrheins gehören. Das Haldern Pop Festival etwa. Oder Ruhrpott-Rodeo, das größte Punk-Festival Deutschlands. Oder, etwas kleiner, das Esel-Rock-Festival in Wesel. Und natürlich Parookaville in Weeze, das innerhalb von 14 Jahren von einer kleinen Beachparty zu einem der größten Festivals in Europa herangewachsen ist, bei dem alljährlich eine ganze Festivalstadt mit Kirche und Rathaus aufgebaut wird. „Als wir bei den Machern von Parookaville angefragt haben“, erzählt Museumschefin Endlich, „waren die zunächst irritiert, was ein Museum von ihnen will“. Dann waren sie froh und stolz, ihren reichen Fundus an Exponaten präsentieren zu können.Solche Vernetzungen zu anderen Akteuren am Niederrhein sind Corinna Endlich besonders wichtig. Dem Verein Geopark Ruhrgebiet, der sich mit vielen Aktivitäten darum kümmert, die Geologie der Region zu vermitteln, bislang aber keinen eigenen Ausstellungsraum zur Verfügung hatte, bot sie eine dauerhafte Präsentationsfläche an. Zum Thema passend wurde nun im Keller des Museums ein Rundgang eingerichtet, in dem die erdgeschichtlichen Fundamente des Niederrheins erläutert werden – mit Fundstücken vom Rheinkiesel bis zum Mammutzahn. So kommt der LVR ganz nebenbei auch zu einer ersten naturkundlichen Abteilung in seinem Museumsportfolio. Im darüber liegenden Erdgeschoss führt ein flussartig mäandernder Weg durch die Geschichte – der Rhein dient quasi als Zeitstrahl. Modelle von Römerkähnen, Hansekoggen oder modernen Frachtern zeigen Wandel der Schiffstechnologie an. Links und rechts davon werden verschiedene Kapitel dieser an Geschichte und Kultur so reichen Region dargestellt. Heute wird der Niederrhein meist als Grenzregion betrachtet, dabei diente er lange als zentrale Schaltstelle und Umschlagplatz – unter dem Namen Herzogtum Kleve firmierte hier über Jahrhunderte eine europäische Mittelmacht.Natürlich wurde an einer so wichtigen Region immer wieder von allen Seiten gezerrt, oft wurden Grenzen verschoben und neu gezogen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es links des Rheins eine belgische Besatzung, nach dem Zweiten Weltkrieg eine niederländische Verwaltung. Präsent sind die Niederlande bis heute. Die Tafeln im Museum sind zweisprachig betextet. Und künftig werden die Schiffstouristen aus den Niederlanden, die in Wesel anlegen, bei ihrem Landgang ins nahe Niederrheinmuseum geführt – anstatt wie bisher nach Essen ins Ruhrmuseum kutschiert zu werden. Informationen zu Öffnungszeiten unter 0281 – 33 99 63 20 sowie im Netz: niederrheinmuseum-wesel.lvr.deafa
Wesel: Das LVR-Niederrheinmuseum geht mit neuem Konzept an den Start - WELT
Der Region Niederrhein ist in Wesel ein eigenes Museum gewidmet. Doch der Erfolg war bislang mäßig. Nun versucht man einen Neuanfang.






