30 Jahre ist dieses Bild nun alt, es dokumentiert, dass Julia Klöckner tatsächlich einmal die Deutsche Weinkönigin war; was ja nun wirklich in jedem Text über sie steht. Die Frau aus dem Anbaugebiet Nahe „war in dieser Funktion weltweit unterwegs“, das steht im Nachschlagewerk „Munzinger-Personenarchiv“; von diskutierenswerten Auftritten ist nichts verzeichnet. Eine Deutsche Weinkönigin müsste sich auch sehr anstrengen, um ins Gerede zu kommen.

1995 konnte kein Zweifel daran bestehen, dass die damals 23-Jährige über die Grenzen ihrer Heimat hinweg geachtet war: Jedes Weinanbaugebiet wählt seine Weinkönigin, und aus all diesen Würdigen wird immer im Jahr darauf die Allerwürdigste gekürt, die Königin für ganz Deutschland. Die Parallele zum Amt der Bundestagspräsidentin ist, dass dieses ebenfalls bundesweite Würde garantiert; im Prinzip jedenfalls. Klöckners Vorgängerinnen Annemarie Renger, Rita Süssmuth und Bärbel Bas erwarben sich schnell das Etikett „über alle Parteigrenzen hinweg geachtet“; wenngleich dies bei Bas auch dazu geführt hat, dass sie nun mit dem SPD-Vorsitz büßen muss. Was Klöckner ihnen (und auch ihren männlichen Vorgängern im Amt) voraushat: Sie ist deutlich mehr im Gespräch. Allerdings inzwischen auch im Gerede. Ob sie's merkt? Ob sie's drauf anlegt? Als Weinkönigin tritt man nach einem Jahr ab. Eine Bundestagspräsidentin ist vier Jahre im Amt, das Bild von sich formt man allerdings in den ersten Monaten.