PfadnavigationHomePolitikAuslandNationalgarde in der HauptstadtKeine Obdachlosen, keine Morde mehr – Wie Trump Washington zur MAGA-Vorzeigestadt machen willVeröffentlicht am 22.08.2025Lesedauer: 6 MinutenUS-Präsident Trump zu Besuch bei der Nationalgarde in WashingtonQuelle: Jacquelyn Martin/AP/dpaDie US-Hauptstadt Washington ist die elftkriminellste Stadt des Landes. Nun patrouillieren Nationalgarde, Ausländerbehörde und die Anti-Drogen-Polizei auf den Straßen. Trump will für Ordnung sorgen. Doch die liberale Bevölkerung hofft, dass er gestoppt wird.Am Montag vor zwei Wochen, als Donald Trump seinen Zugriff auf die Hauptstadt verkündete, steht Robin Galbraith mit einem Protestplakat vor dem Amtssitz des US-Präsidenten. „Ich spaziere Tag und Nacht durch diese Stadt. Es ist wirklich wundervoll hier“, sagt die Mutter von zwei Kindern, die ihr ganzes Leben in und um Washington D.C. gelebt hat. „Nur weil Trump eine einzelne Person kennt, die überfallen wurde, und weil ein paar Leute afroamerikanische Kids auf der Straße sehen, heißt es plötzlich: Es gibt eine Verbrechenswelle. Dabei ist die Kriminalitätsrate zurückgegangen.“So friedlich ist die Lage allerdings nicht. Die US-Hauptstadt hat zweifellos ein Kriminalitätsproblem. 25,5 Morde pro 100.000 Einwohner verzeichnet die Statistik für das Jahr 2024. Zum Vergleich: Berlins Rate liegt bei 1,45 Tötungsdelikten, die von London bei 1,16. USA-weit rangiert Washington auf dem 11. Platz der „Killer-Cities“. Bewohner klagen über Überfälle von Jugendbanden am helllichten Tag auf Drogeriemärkte und Kleidungsläden. Auch „Carjacking“ ist verbreitet. Bewaffnete, meist jugendliche Täter überfallen Autofahrer, drängen sie aus dem Wagen und rasen mit quietschenden Reifen davon.Recht hat die Trump-Gegnerin Robin Galbraith mit dem Protestplakat allerdings in einer Hinsicht. Es gab keinen Anlass für den US-Präsidenten, an einem Montag Mitte August plötzlich den Ausnahmezustand für die Hauptstadt auszurufen. Zumal die Kriminalitätsrate in den vergangenen zwei Jahren wirklich gesunken ist. Trotzdem greift Trump durch. Er schickt die Nationalgarde in die Stadt, er hat die Kontrolle über Washingtons Polizei übernommen. Die Folge ist eine Konfrontation zwischen Bundesregierung und der von einer demokratischen Bürgermeisterin regierten Stadt, die es so heftig noch nie gab. Neu aber ist sie nicht.Die Wurzeln reichen zurück ins 18. Jahrhundert und haben aus der Stadt bis heute einen Ort mit zwei Gesichtern gemacht. Washington D.C. hat verfassungsrechtlich eine einzigartige Stellung. In Artikel I der 1787 geschriebenen Verfassung heißt es, der Kongress habe das Recht, „in allen Fällen die ausschließliche Gesetzgebungsgewalt“ über einen Distrikt auszuüben, der zum Sitz der Regierung der Vereinigten Staaten werden soll.Das trifft auf die Hauptstadt Washington zu, die den Zusatz D.C. im Namen trägt, der für „District of Columbia“ steht. Die Stadt hat keinen Gouverneur, der Präsident besitzt als Oberbefehlshaber der Streitkräfte große Macht. Einen Einfluss, den Trump in anderen Städten wie New York oder Los Angeles gern hätte.Deshalb statuiert der Präsident an Washington D.C. jetzt ein Exempel. Er will zeigen, wie die ideale Hauptstadt in seiner Vorstellung von „Make America Great Again“ aussieht. Es solle „gepflegte und angenehme Straßen, Boulevards und Parks“ geben. Denkmäler, Museen und Gebäude sollten die „Stärke, Größe und das Erbe unserer Nation“ widerspiegeln und „Ehrfurcht und Wertschätzung“ wecken.Lesen Sie auchWas Trump damit meint, erleben die Einwohner und Besucher von D.C. seit bald zwei Wochen. Rund 2000 Nationalgardisten patrouillieren nun in der Stadt. Wenn es dämmert, gesellen sich Spezialkräfte der Anti-Drogenbehörde, der Bundespolizei und der Ausländerbehörde dazu.Die Zahl der Festnahmen von Drogendealern und illegalen Migranten geht steil nach oben. Die Kontrolle über Washingtons Straßen zu übernehmen reicht Trump allerdings nicht. Vor ein paar Tagen bekam die Leitung von Washingtons Museumsverwaltung Post aus dem Weißen Haus. Sie müsse binnen 30 Tagen umfassende Informationen über alle Ausstellungen, Bildungsmaterialien und Richtlinien übermitteln. Mit einer Frist von vier Monaten müssten angeordnete Korrekturen umgesetzt werden, mit Blick auf den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten im Jahr 2026. Der Präsident wolle „eine revitalisierte kuratorische Vision, die in der Stärke, Breite und den Errungenschaften der amerikanischen Geschichte wurzelt“.Er sagte es am Mittwoch noch direkter. In Washingtons Museen drehe sich bisher alles nur darum, „wie schrecklich unser Land ist, wie schlimm die Sklaverei war“.Die Geschichte der Sklaverei ist ein weiterer historischer Grund, der Washington D.C. zu einem besonderen Ort macht. „Die Präsenz einer großen, aktiven und sehr sichtbaren schwarzen Bevölkerung war immer eine treibende Kraft für die Hauptstadt“, sagt der Historiker Chris Myers Asch. Seit ihrer Gründung habe der im amerikanischen geläufige Begriff „Race“ ihre Geschichte, Politik und Kultur geprägt. Stolz trug die Stadt den Spitznamen „Chocolate City“, über deren Geschichte Historiker Asch geschrieben hat. Hier wurde Sklaverei lange vor den Südstaaten verboten.Afroamerikanischer Kulturhub Washington D.C.Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Hauptstadt als eine der ersten Großstädte Amerikas mehrheitlich schwarz. In den 1970-er Jahren waren 70 Prozent der Bürger afroamerikanischer Abstammung. Die „nördlichste Südstaaten-Stadt“ ist eine Wiege dieser Kultur. Swing, Big Band und der Jazzmusiker Duke Ellington wurden in Washington geboren. Martin Luther King Jr. hielt 1963 am Lincoln Memorial eine der einflussreichsten Reden unserer Zeit: „I have a Dream.“Am Bezirk Anacostia im Osten der Stadt, wegen seiner Kriminalitätsrate berüchtigt, lässt sich die Geschichte ablesen. Er bekam 2023 den offiziellen Titel „Kunst- und Kulturbezirk“ und bietet angesagte Cafés, Galerien und Freiluft-Jazzkonzerte. Doch eine Busfahrt macht klar, wie die Realität abseits der Gentrifizierung aussieht. Zwei schwarze Fahrgäste hocken auf den Sitzen, zucken unkontrolliert, Speichel rinnt aus ihrem Mund. Vermutlich ein Fentanyl-Trip.Lesen Sie auchEinst die Getreidekammer vor den Toren Washingtons, war Anacostia über Jahrzehnte ein weißer Vorort. Als 1954 in den Schulen die Trennung von weißen und schwarzen Kindern aufgehoben wurde, folgte „The White Flight“. Weiße Familien zogen ins Umland, nach Maryland. Eine Entwicklung, die im Zentrum und Osten der Stadt folgte. Anacostia, aber auch Innenstadtviertel wie Shaw und Mount Pleasant, verfielen. Die Crack-Epidemie der 1980-er Jahre gab der Stadt den Rest. Heute sind diese Viertel hochgradig gentrifiziert, was Hauspreise in Millionenhöhe belegen. Aber die sozialen Herausforderungen blieben.Donald Trump störten schon lange die vielen Zelte der Obdachlosen, die er auf dem Weg zu seinem Golfplatz in Virginia sieht. „Die Obdachlosen müssen hier sofort weg!“, postete er am Tag vor dem Ausrufen des Notstands auf seinem Social-Media-Account. Die rund 5000 Obdachlosen, für viele Washingtonians seit Jahren ein gewohnter Anblick, sind prompt verschwunden. „Wir bieten Obdachlosen ab sofort Unterkünfte an. Wer in seinem Zelt bleibt, muss mit Gefängnis rechnen“, sagte Trumps Sprecherin.Washingtons Bürger protestieren auf unterschiedliche Art gegen Trumps brachiales Vorgehen. Sein Vize J.D. Vance wurde bei einer Patrouille der Nationalgarde am Mittwoch auf der Straße ausgebuht. Am Donnerstag besuchte Trump eine Polizeistation in Anacostia und „bedankte“ sich bei den Beamten mit Pizza für ihren Einsatz. Der Generalstaatsanwalt des District of Columbia reichte gegen die Übernahme von Washingtons Polizeibehörde durch die Regierung Klage ein. Trump habe seine Befugnisse deutlich überschritten. Wie weit er gehen darf, das müssen – wie so häufig seit Amtsantritt des 47. US-Präsidenten – nun die Gerichte entscheiden.Stefanie Bolzen berichtet für WELT seit 2023 als US-Korrespondentin aus Washington, D.C. Zuvor war sie Korrespondentin in London und Brüssel.