PfadnavigationHomePolitikAuslandAnschlag auf GaspipelinesNord-Stream-Sabotage – Ukrainischer Verdächtiger im Italien-Urlaub festgenommenVeröffentlicht am 21.08.2025Lesedauer: 4 MinutenItalienische Polizisten haben einen Mann festgenommen, der an der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines beteiligt gewesen sein soll. Der Ukrainer soll an Bord des Segelboots gewesen sein, das die Angreifer benutzten.Deutsche Ermittler gehen davon aus, dass eine Gruppe eine Segelyacht nutzte, um Sprengsätze an den Nord-Stream-Pipelines anzubringen. Nun wurde einer der mutmaßlichen Koordinatoren dieser Aktion in Italien aufgespürt und festgenommen.Italienische Polizisten haben einen Verdächtigen im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 festgenommen. Das teilte die Bundesanwaltschaft am Donnerstag mit. Die Festnahme erfolgte in der Nacht auf Donnerstag in der Provinz Rimini durch Beamte der Carabinieri-Station in Misano Adriatico in enger Kooperation mit deutschen Beamten. Der Beschuldigte werde nach einer Überstellung aus Italien dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt.Serhii K. werde verdächtigt, zu einer Gruppe von Personen zu gehören, die im September 2022 nahe der Insel Bornholm Sprengsätze an den Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 platziert haben sollen. „Bei dem Beschuldigten handelte es sich mutmaßlich um einen der Koordinatoren der Operation“, heißt es.Die Karlsruher Behörde wirft K. unter anderem das gemeinschaftliche Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und verfassungsfeindliche Sabotage vor.Lesen Sie auchFür den Transport sollen die mutmaßlichen Täter eine Segelyacht genutzt haben, die von Rostock aus startete, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Die Yacht sei zuvor mithilfe gefälschter Ausweispapiere über Mittelsmänner bei einem deutschen Unternehmen angemietet worden. Bericht: Festgenommener Ukrainer machte UrlaubEinem italienischen Medienbericht zufolge wurde K. im Urlaub von der Polizei gestellt. Die Nachrichtenagentur Ansa berichtete, dass sich der 49 Jahre alte Mann bereits einige Tagen mit seiner Familie an der Adria-Küste aufgehalten hatte. Nach der Festnahme sei er ins Gefängnis gebracht worden. Die Entscheidung über die Vollstreckung des vorliegenden europäischen Haftbefehls liege nun beim Berufungsgericht der norditalienischen Stadt Bologna.Dem Bericht zufolge wurde der Ukrainer in der Gemeinde San Clemente im Hinterland des auch von Deutschen viel besuchten Badeorts Rimini festgenommen. Offensichtlich sei bei einer Kontrolle festgestellt worden, dass es sich um den europaweit gesuchten Mann handele, hieß es.Weiterer Ukrainer im Visier der ErmittlerDurch die Explosionen im September 2022 wurden drei der vier Stränge der Pipelines zerstört. Nord Stream 2 wurde 2021 fertiggestellt, ging aber nie in kommerziellen Betrieb. Das Genehmigungsverfahren wurde am 22. Februar 2022 gestoppt – zwei Tage vor der russischen Invasion in der Ukraine, die sich etwa durch die russische Anerkennung der sogenannten Volksrepubliken in Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine bereits abzeichnete.Durch Nord Stream 1 floss im Gegensatz zu Nord Stream 2 zuvor russisches Erdgas nach Deutschland. Nach der Tat kam schnell die Frage auf, wie die Sprengladungen wohl angebracht wurden, um die Leitungen der Pipelines zu beschädigen. Experten hielten es für wahrscheinlich, dass ausgebildete Taucher Sprengsätze an den Orten angebracht haben könnten. Die Behörden mehrerer Länder hatten nach dem Anschlag Ermittlungen aufgenommen. Dänemark und Schweden stellten die Verfahren aber ein.Zu den Tätern und den Drahtziehern kursierten lange unterschiedliche Spekulationen. Berichten zufolge gingen die Ermittler davon aus, dass das Sabotage-Kommando an Bord der Segelyacht „Andromeda“ mutmaßlich aus fünf Männern und einer Frau bestand.Schließlich geriet unter anderem der Ukrainer Wolodymyr Z. ins Visier der Ermittler, der Medienberichten zufolge Tauchlehrer sein soll. Er hielt sich nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Warschau zunächst in Polen auf, habe sich von dort aber in sein Heimatland abgesetzt. Die deutschen Strafverfolger hatten sich mit einem Europäischen Haftbefehl an die polnischen Behörden gewandt. Bisher ist er nicht gefasst.Lesen Sie auchMöglich sei die Ausreise gewesen, weil von deutscher Seite kein Eintrag in das Schengen-Register erfolgt sei, in dem die mit Europäischem Haftbefehl Gesuchten geführt werden, sagte 2024 eine Sprecherin der Warschauer Generalstaatsanwaltschaft. „Wolodymyr Z. hat die polnisch-ukrainische Grenze überquert, bevor es zur Festnahme kam, und der polnische Grenzschutz hatte weder die Informationen noch die Grundlage, um ihn festzunehmen, da er nicht als Gesuchter aufgelistet war.“ Hubig betont „beeindruckenden Ermittlungserfolg“Die Ermittlungen zu dem Nord-Stream-Komplex kämen gut voran, hatte Generalbundesanwalt Jens Rommel im November dem „Spiegel“ gesagt. „Es ist uns gelungen, zwei Beschuldigte zu identifizieren“. Es bleibe allerdings noch viel zu tun. „Die Identität weiterer Beteiligter, die Tatmotivation und insbesondere die Frage nach einer etwaigen staatlichen Steuerung der Operation sind Gegenstand der laufenden Ermittlungen.“„Der Bundesanwaltschaft ist ein sehr beeindruckender Ermittlungserfolg gelungen“, erklärte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) zur Festnahme. „Die Sprengung der Pipelines muss aufgeklärt werden, auch strafrechtlich. Deshalb ist es gut, dass wir dabei vorankommen. Ich danke allen, die an dieser hochkomplexen Operation beteiligt waren – und weiter daran arbeiten, Recht und Gesetz Geltung zu verschaffen.“Während manche Ermittler seit Längerem überzeugt sind, dass ein ukrainisches Kommando die Pipelines gesprengt hat, gibt es in deutschen Geheimdienstkreisen auch Zweifel an der Theorie. „Wenn die Ermittlungen – wie im vorliegenden Fall – zu einfach sind, dann darf man keine Zweifel haben, sondern man muss sie haben“, sagte etwa der frühere BND-Präsident Gerhard Schindler jüngst WELT. Es sei daher falsch, nach dem bisherigen Stand der Erkenntnisse eine „russische Urheberschaft“ auszuschließen.ll/säd mit dpa