Die Polizei hat 2024 mehr als 16 000 Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Kinder registriert, fast ebenso viele wie im Jahr davor. Das sei„ein weiter sehr hohes und zu hohes Niveau“, sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), als er das Lagebild „Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen“ gemeinsam mit dem Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, und der Missbrauchsbeauftragten des Bundes, Kerstin Claus, in Berlin vorstellte.Genau 16 354 Fälle bei Kindern und dazu 1191 Fälle bei Jugendlichen erfasste die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) im Jahr 2024. Im Jahr davor waren es 30 Fälle mehr. „Das ist immer noch eine unglaubliche Dimension“, sagt Dobrindt. Für das Lagebild werden die bereits im April veröffentlichten PKS-Zahlen zu Tatverdächtigen und Opfern aus den Bereichen sexueller Missbrauch, Kinderpornografie und sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen noch einmal gesondert analysiert. 13 365 der Opfer waren demnach Mädchen, 4720 Jungen.Wie immer, wenn es um sexualisierte Gewalt an Kindern geht, gilt: Das Dunkelfeld ist um ein Vielfaches größer. BKA-Chef Münch will den leichten Rückgang der Zahlen nicht als Entwarnung verstehen: „Jeder einzelne Fall bedeutet schweres Leid für die Betroffenen.“ Häufig würde den Kindern über Jahre von Bezugspersonen – in der Familie, im Sportverein, in der Nachbarschaft – sexuelle Gewalt angetan. In mehr als der Hälfte der Fälle (57 Prozent) kannten sich Täter und Opfer vorher.Anders ist es bei sexualisierter Gewalt in der digitalen Welt. Entweder nutzen Täter die Anonymität des Internets, um mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu treten, oder sie konsumieren und verbreiten dort Videos, in denen Kinder missbraucht werden. Dobrindt zufolge steigen Fälle des sogenannten „Livestreaming“ an. Dort bezahlt ein Täter dafür, dass eine andere Person ein Kind in Echtzeit missbraucht und er die Tat per Video verfolgen kann. Oft nehmen die Täter dabei direkten Einfluss, geben gewissermaßen Anweisungen durch. Häufig befinden sich die Opfer im Ausland, ein Schwerpunkt seien laut BKA die Philippinen.Insgesamt wurden der PKS zufolge 12 368 Tatverdächtige registriert, ein Zuwachs von 3,9 Prozent gegenüber 2023. Um den Tätern auf die Spur zu kommen, will Dobrindt die von CDU und CSU ohnehin schon lange geforderte Speicherung von IP-Adressen nun endlich beschließen. In den Koalitionsvertrag hat sie bereits Eingang gefunden, in Kürze sollte ein erster Gesetzesentwurf stehen, kündigte der Minister an. Die IP-Adresse ist gewissermaßen die Telefonnummer des Computers im Internet, mit der dieser identifiziert werden kann. Telekommunikationsanbieter sollen verpflichtet werden, diese Nummer drei Monate lang zu speichern. „Das Speichern von IP-Adressen wird die Ermittlungserfolge deutlich steigern“, sagt BKA-Chef Münch in Berlin. „Damit könnten wir das Dunkelfeld ein Stück weit aufhellen.“ Kritiker hingegen befürchten einen Eingriff in die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger.Eine weitere Erkenntnis ist laut BKA-Chef Münch der hohe Anteil Minderjähriger an der Zahl der Tatverdächtigen, wenn es um die Verbreitung von Jugendpornografie geht. Straffällige Kinder und Jugendliche seien häufig dem Phänomen der „Selbstfilmer“ zuzurechnen, sei es aus Gruppendruck oder weil sie beispielsweise erpresst werden. Zudem leiten junge Menschen verbotene Inhalte häufig unbedacht an Freunde und Mitschüler weiter – ohne zu wissen, dass sie sich damit strafbar machen.Das gilt auch, wenn die Inhalte streng genommen nicht einmal echt sind. Immer häufiger stoßen die Beamten im Internet auf sexuelle Deep Fakes, also Fotos und Videos, in denen eine KI von einer real-existierenden Person Nacktbilder generiert hat. Bekannt wurde vor zwei Jahren ein Fall in Spanien, wo Jugendliche ihre Mitschülerinnen mit einer KI-Anwendung digital entkleideten und teils versuchten, von den Betroffenen Geld zu erpressen. Auch die Erstellung solcher Inhalte ist aus Sicht der Polizei sexualisierte Gewalt. Und die Opfer schämen sich auch bei gefälschten Bildern oft zu sehr, um sie zur Anzeige zu bringen – und bleiben damit im Dunkelfeld der Statistik.
Kriminalität: Fälle von sexualisierter Gewalt an Kindern bleiben auf hohem Niveau
Von einer „unglaublichen Dimension“ spricht Innenminister Dobrindt, als er den Bericht zu Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen vorstellt. Die umstrittene Speicherung von IP-Adressen soll helfen, Täter zu identifizieren.







