Christina Permuka (vorn) wurde als angebliche Hexe gefoltert. Ordensfrau Lorena Jenal konnte die Männer von weiteren Übergriffen abhaltenQuelle: BETTINA FLITNER/missioNoch immer werden Menschen als „Hexen“ gequält und getötet – mehr als bei den europäischen Hexenverfolgungen bis ins 18. Jahrhundert. In Papua-Neuguinea kämpft eine Schweizer Ordensschwester dagegen – und riskiert ihr Leben.Als Schwester Lorena es endlich durch die aufgebrachte Menge zum Eingang der Hütte schaffte, hatten die drei eingesperrten Frauen schon eine grausame Tortur hinter sich. Es hatte nicht lang gedauert, bis aus einem Gerücht ein Urteil geworden war. Diese Frauen, davon waren die Dorfbewohner überzeugt, hatten einen Mann verzaubert, ihn so krank gemacht, dass er sterben musste. Sie hätten das Böse in die kleine Siedlung im Hochland von Papua-Neuguinea gebracht. Jetzt sollten sie dafür büßen. Seit Stunden saßen sie in der Hütte, litten unter den unvorstellbaren Schmerzen, die ihnen mit Messern und Macheten zugefügt worden waren, von Männern, die glaubten, dass die Qualen die schwarze Magie vertreiben würden. „Lorena, bist du es wirklich?“, rief eine der Frauen verzweifelt aus dem Innern. Ihr Name war Rika, sie hatte schon viel von der Nonne gehört. „Ich gehe nicht weg, bevor ihr in Sicherheit seid“, versprach die Ordensfrau.Die Schweizer Franziskanerin Lorena Jenal, 79, sitzt in einem Straßencafé in Berlin-Mitte. Ihre freundlichen Augen leuchten in der Augustsonne. Die bunte Häkeltasche passt gut zum grauen Habit. Eine Missionsschwester auf Heimaturlaub. Sie wirkt entspannt. Kaum ein Passant, der ihr kein Lächeln schenkt. Wenn sie von ihrer Arbeit in Papua-Neuguinea erzählt, ahnt man bald, dass es nicht nur die für Hauptstadtverhältnisse ungewöhnliche Aufmachung sein könnte, die die Blicke auf sie zieht, sondern auch die Ausstrahlung einer ganz besonderen Frau.Seit sie vor 47 Jahren in den geologisch zum australischen Kontinent gehörenden Inselstaat ging, hilft sie benachteiligten Familien, setzt sich mit Rettungsprogrammen und Aufklärungsmaßnahmen für Menschenrechte ein. Sie hat viel erlebt. Seit 2012 aber kämpft sie gegen eine ungeahnte Welle der Brutalität, unter der sie selbst schon mehrfach zu zerbrechen drohte: Hexenwahn.Rika und die anderen gefolterten Frauen aus der Hütte sind nur drei von Zehntausenden, die weltweit verfolgt werden, weil sie angeblich Zauberei betreiben. Der Historiker Werner Tschacher, Privatdozent an der Hochschule in Aachen, schätzt, dass seit 1960 mindestens 55.000 Menschen dem modernen Hexenwahn zum Opfer fielen. Nach seinen Forschungen sind das mehr Tote als in den düsteren Zeiten des 15. bis 18. Jahrhunderts, in denen die Hexenverfolgung in Europa ihren Höhepunkt erlebte. Lesen Sie auchDas katholische Hilfswerk Missio, das weltweit Projekte zur Bekämpfung des folgenschweren Aberglaubens und zum Schutz der Opfer unterstützt, hat allein für 2025 in 46 Ländern Gewalttaten gegen angebliche Hexen und Zauberer dokumentiert. Benin und Ghana zählen ebenso dazu wie Tansania oder Niger. Die Opfer sind überwiegend Mädchen und Frauen.Wie drängend das Problem ist, zeigt nicht zuletzt die Demokratische Republik Kongo, in der es bereits ein Gesetz zum Schutz von angeblichen Hexenkindern gibt. Von den 25.000 Straßenkindern, die in der Hauptstadt Kinshasa leben, sollen mehr als 70 Prozent von ihren Eltern verstoßen worden sein. Ob es die bittere Armut ist, in die eine Familie durch das Ausbleiben der Ernte gestürzt wurde, oder die Aids-Infektion eines Angehörigen – die Schuld wird vielfach den vermeintlichen Zauberkräften der eigenen Kinder gegeben. Befördert wird der Aberglaube durch Heiler und Exorzisten, die an brutalen Austreibungsritualen verdienen. Historiker Werner Tschacher vermutet, dass angesichts von Klimakrisen, Ressourcenkämpfen und Epidemien der Druck noch weiter zunehme, Sündenböcke zu finden – und damit die Opferzahlen steigen werden.„Die Situation ist katastrophal“Schwester Lorena erlebt seit einigen Wochen eine extreme Verschärfung der Gewalt. „Die Situation ist katastrophal“, sagt sie. „In den vergangenen zwei Monaten habe ich mich um zehn Männer gekümmert, denen Zauberei vorgeworfen wurde.“ So viele männliche Betroffene gebe es normalerweise in drei Jahren. Sie bezweifelt, dass hinter dem Hexenwahn in Papua-Neuguinea naturreligiöse Vorstellungen stecken. In den vielen Gesprächen, die sie mit älteren einflussreichen Einheimischen geführt habe, sei immer wieder betont worden, dass diese Gewalt nichts mit ihrer Kultur zu tun habe. Dass sie zunimmt, hat ihrer Ansicht nach mit der Wucht zu tun, mit der die Moderne durch internationale Konzerne in eine Gesellschaft einzog, in der die Menschen vor 40 Jahren noch wie in der Steinzeit lebten. Die Gewaltvideos und Pornos, die jetzt per Smartphone konsumiert werden, würden viele überfordern. Für Schwester Lorena ist es kein Zufall, dass die Folter so oft auf Brust und Unterleib abziele, wie in einem Gewaltporno, der sadistische Neigungen befriedige. Zu den brutalen Ritualen gehört auch, die Opfer an einen Pfahl inmitten einer Feuerstelle zu fesseln und die Flammen zu entfachen. Die Frauen werden nicht immer getötet, aber schwer verletzt. Auch für Rika und die beiden anderen in der Hütte gefangenen Frauen wurde ein Scheiterhaufen vorbereitet. „Ich musste schnell handeln“, berichtet Schwester Lorena. Die Menge war extrem aufgebracht. In der angespannten Situation wurde sie selbst – nicht zum ersten Mal – mit einem Messer bedroht. Einige ihrer Mitarbeiterinnen waren bei ihr. Aber sie brauchte mehr Unterstützung. Auf die Polizei konnte sie sich nicht verlassen, sagt sie. Damals rief sie einen ihr bekannten Lehrer an. Von dem Mann, der ein gewisses Ansehen genießt, erhoffte sie sich, dass er die Situation entschärfen könnte. „Er kam“, berichtet sie, „allerdings sturzbetrunken.“ Immerhin fuhr er mit dem Auto in das Feuer und konnte es weitgehend zerstören. Den Rest erledigte ein plötzlich einsetzender Regen. In der Aufregung gelang es ihr dann schließlich, die drei schwer verletzten Frauen zu einem Arzt zu bringen.Eine von ihnen überlebte nicht. Wenn Schwester Lorena von ihr erzählt, spürt man, dass es Situationen gibt, die ihr unbegreiflich bleiben: Die Frau war von ihrem eigenen Sohn gequält worden. Lorena Jenal nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee, als bräuchte sie eine kurze Denkpause. „Ich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, das Böse aus der Welt schaffen zu können“, sagt sie. „Aber ich will daran festhalten, dass sich auch eine schwierige Situation zum Guten wenden kann.“Dann erzählt sie, dass es ihr manchmal auch gelinge, Täter davon zu überzeugen, von der Folter abzulassen. Das seien Situationen, in denen sie die Männer daran erinnere, dass sie doch auch von einer Frau geboren wurden, dass sie die Pflicht hätten, Frauen zu schützen, nicht zu quälen. „Wenn ich nicht glauben würde, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckt“, sagt sie, „könnte ich diese Aufgabe nicht bewältigen.“352 Opfern konnte sie mit ihren Mitarbeiterinnen das Leben retten. Die Gefolterten finden in ihrem 2021 eröffneten und von Missio unterstützten „House of Hope“ einen Zufluchtsort. Neben der medizinischen Versorgung gehe es vor allem darum, die seelischen Wunden zu heilen, den Frauen Hoffnung zu schenken. Schwester Lorena erzählt von den Nächten, in denen sie immer wieder aufsteht, um nach einer Schwerverletzten zu sehen, ihre Hand zu halten, ihr zu sagen, dass sie nicht allein sei. Sie erzählt von dem Tag, an dem sich eine Frau als eine Blume zeichnete, die langsam ihre Blüte entfaltet. Das seien die Momente, die ihr Kraft geben. „Ohne diese Frauen“, sagt sie, „wäre ich nie geworden, was ich heute bin. Wenn sie mir sagen: ,Du bist meine Lebensretterin‘, dann sage ich: ,Du hast mir Qualitäten aufgezeigt, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe‘.“Lesen Sie auchEin wichtiges Ziel ihrer Arbeit sei, die Ausgestoßenen wieder in die Gemeinschaft zu integrieren, in Dorf und Familie. Es sei erstaunlich, wie gut das gelinge und mit welchem Respekt die Hexen von einst aufgenommen werden würden. Manchmal könnten diese Frauen mit ihrem neuen Selbstwertgefühl Wunder bewirken. So wie Pauline. Als die Nonne sie einst aus den Fängen ihrer Folterer befreite, hatte die Schwester ein Messer am Hals. Seit Pauline wieder in ihrem Dorf eingegliedert ist, habe sie dort für einen neuen Frieden gesorgt und einen jahrzehntelangen Sippenkrieg beendet, indem sie den Bewohnern vermitteln konnte, dass es andere Wege der Konfliktlösung gibt. „Zauberglauben gibt es in ihrem Dorf auch nicht mehr“, sagt Schwester Lorena. Und Rika, die Frau, die in der Hütte eingesperrt war? Sie gehört jetzt zum Team im „House of Hope“. ■ Wer die Arbeit von Schwester Lorena unterstützen möchte, kann helfen: Spendenkonto: Missio Aachen, IBAN DE23 3706 0193 0000 1221 22/BIC GENODED1PAX/Verwendungszweck: Schwester Lorena