PfadnavigationHomeICONISTTrendsVermüllung der StädteTests mit Mülleimern für Pizzakartons – weil viele Nutzer nicht fähig sind, zu knickenVon Frank LorentzVeröffentlicht am 01.09.2025Lesedauer: 5 MinutenIn diesen Pizza-Karton-Mülleimer in Köln passen zwölf StückQuelle: Frank LorentzSeit einigen Wochen experimentieren Köln und Düsseldorf mit unterschiedlich gestalteten Spezialmülleimern für Pizzakartons. Denn mit pizzafettigen Händen einen Karton mülleimergerecht zusammenzufalten, ist eine Aufgabe, der sich offenbar nur wenige Menschen gewachsen fühlen.In Köln gibt es nach Angaben der Stadt 23.500 öffentliche Mülleimer. Drei von ihnen – umgerechnet 0,013 Prozent – sind anders als die anderen, denn sie sind ausschließlich für Pizzakartons gedacht. Seit einigen Wochen experimentiert die Domstadt mit den unterschiedlich gestalteten Spezialmülleimern. Aufgestellt sind sie jeweils an stark frequentierten Orten am Rhein und in der Innenstadt. Der eine verfügt über Halterungen, in die sich die Kartons einklemmen lassen. Maximal fünf haben darin Platz. Die anderen zwei weisen ein Fassungsvermögen von immerhin mindestens zwölf Kartons auf.Als hätten sich die Städte abgesprochen, testet auch das benachbarte Düsseldorf seit diesem Sommer, wie sinnvoll Pizzakarton-Mülleimer sind. Probeweise ließ die Stadt elf graue Standard-Mülleimer mit runder Öffnung umrüsten und in die Öffnung einen breiten, kartonkompatiblen Schlitz integrieren.Pizzakartonmüll: ein echtes Problem, vor allem an Party-Hotspots in Großstädten, insbesondere an Wochenenden. Zu früher Morgenstunde schnell noch ein Bierchen plus Absacker, und danach auf dem Weg zur Bahn eine Pizza to go – so sieht er aus, der typische kulinarische Ausklang einer durchfeierten Nacht, ob im Rheinland, Hamburg, München oder Berlin. Lesen Sie auchFragt sich nur, wohin mit den leeren Kartons? In herkömmliche öffentliche Mülleimer passen sie lediglich gefaltet. In trunkenem Zustand mit pizzafettigen Händen einen Karton mülleimergerecht zusammenknicken – das ist eine Aufgabe, der sich nur wenige Menschen gewachsen fühlen und deren Sinn sich mit erhöhtem Promille-Level womöglich auch nicht erschließt. Im besten Fall werden die Kartons in den Mülleimer gedrückt, ragen zur Hälfte raus und verstopfen den Behälter, obwohl der theoretisch noch mehr Müll aufnehmen könnte. Im ungünstigsten Fall – zugleich die bequemste Lösung – landen die Kartons auf Gehwegen oder in Grünanlagen. „Littering“ nennt sich das Phänomen: das sorglose Entsorgen von Müll in der Umgebung. Nach Aussage der Deutschen Umwelthilfe – dem in Radolfzell am Bodensee ansässigen Verein, der sich für Klima- und Umweltschutz engagiert – werden in Deutschland jährlich 453 Millionen Pizzakartons entsorgt. Wie viele sachgemäß im Müll landen, weiß niemand. Sicher ist: Viele landen dort, wo sie nicht hingehören.„Die neuen Vorrichtungen sollen die Entsorgung von Pizzakartons im öffentlichen Raum erleichtern“, heißt es bei der Stadt Köln. Einmal täglich werden die drei Testmülleimer geleert. Die Stadt gibt an, genau Buch zu führen, wie die Bevölkerung sie nutzt. Beziehungsweise: ob überhaupt. Bis Ende September dauert die Pilotphase, anschließend will man entscheiden, ob eines der Modelle in größerer Zahl unters Volk gebracht wird. Auch in Düsseldorf dauert die Testphase bis zum Herbst. Die bisherige Resonanz bewerten beide Städte als positiv.Pizzakarton-Spezialmülleimer – das klingt schräg, und doch handelt es sich keineswegs um die Innovation des Jahres. In der jüngeren Vergangenheit wurden solche Behälter vereinzelt schon in Mönchengladbach, Dachau oder auch im Ostseebad Boltenhagen gesichtet. Mit Düsseldorf und Köln schwingen sich erstmals zwei anerkannte Partymetropolen auf, die Kartonflut zu bändigen. Dass dies ausgerechnet im Sommer 2025 geschieht, ist womöglich auch der Kommunalwahl in NRW Anfang September geschuldet. Sauberkeit in der Stadt – ein Dauerbrenner.Lesen Sie auchAber auch unabhängig von Wahlen ist festzustellen: Die Kreativität, mit der die Städte der Vermüllung des öffentlichen Raums entgegenwirken, steigt. In Düsseldorf installierte man im Frühjahr „Abstimm-Aschenbecher“. Achtlos weggeschnippte Kippen sind ein echtes Problem für die Umwelt. Die darin enthaltenen Gifte sickern bis ins Grundwasser. Die Aschenbecher enthielten zwei Öffnungen und waren mit einer Frage beklebt: „Alt oder Pils?“ Kippe in Öffnung eins hieß: Alt. Öffnung zwei: Pils. Bald darauf folgte die Frage: „Urlaub in den Bergen oder am Meer?“ Ziel der Aktion war es, auf spielerische Weise die Kippen ihrem regulären Bestimmungsort zuzuführen, das Umweltbewusstsein zu stärken – und nebenher ein bisschen unterhaltsame Statistik zu betreiben.Einfallsreich ist man auch in Berlin. Dort kleben auf den orangefarbenen städtischen Mülleimern lustige Sprüche oder Wörter. Etwa: „Tonnolulu“. „Louis Vuitonne“. „Das tapfere Eimerlein“. Auf Müllwagen prangt der Spruch: „Make love, not waste“. Mancherorts sind zwei Mülleimer an ein und derselben Stange befestigt. Auf dem unteren steht: „Kinderleicht einwerfen“. Auf dem oberen: „Kinderschwer einwerfen“. So geht das, was man „Nudging“ nennt. Anstupsen. Das Verhalten von Menschen sanft in eine gewünschte Richtung lenken. Das ist manipulativ, klar. Doch es dient dem guten Zweck, dem Umweltschutz.Noch besser wäre es, würde der Einwegmüll gar nicht erst entstehen, sagt Annika Schall, Expertin für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. Sie verweist auf Tübingen, das seit 2022 eine Steuer auf Einweg-Verpackungen erhebt, sowie auf neun Städte und eine Gemeinde, die die Steuer planen, darunter Bremen und Bonn. In Freiburg ist sie für 2026 beschlossen. Weitere 64 Städte prüfen die Einführung. Überdies gibt es in der Gastronomie seit 2023 die „Mehrwegangebotspflicht“. Den Betrieben ist es seitdem untersagt, mit Einwegverpackungen zu arbeiten. Es tut sich etwas. Ob sie vorsichtig optimistisch ist, dass es dem „Littering“ an den Kragen geht? Schall, ohne zu zögern: „Ja.“Lesen Sie auchOb die rheinländischen Spezialmülleimer ein Teil der Lösung sein werden, ist eher fraglich. Vor allem das Kölner Modell, in das nur fünf Kartons passen – ein Entwurf von Designstudenten –, ist eher eine Lachnummer. Sind keine Kartons eingeklemmt, erkennt kein Mensch, wozu die Halterungen dienen. Kein Sticker klebt darauf, nirgends eine Erläuterung. Vier Stunden habe es gedauert, den Standard-Mülleimer umzurüsten, erzählt eine Mitarbeiterin des Lokals an der Ecke kopfschüttelnd. Die Handwerker seien auf ihre Arbeit sehr stolz gewesen. Die Kartons jedoch landeten weiterhin überall, nur nicht im Müll.