PfadnavigationHomeGeschichteWrackfund am Hambacher ForstDas war der erste viermotorige Bomber der RAFVon Johann AlthausVeröffentlicht am 24.09.2025Lesedauer: 7 MinutenEine Short Stirling des RAF Bomber CommandQuelle: picture alliance / Mary Evans Picture LibraryAm Rande des Braunkohle-Tagebaus Hambach in Nordrhein-Westfalen sind Trümmer einer Short Stirling der Royal Air Force gefunden worden. Bei einem Nachtangriff auf Remscheid im Sommer 1943 war der strategische Bomber schwer beschädigt worden.Um 23.30 Uhr hatten die Sirenen in Remscheid zu heulen begonnen. Es war Freitag, der 30. Juli 1943, ein warmer Sommertag mit bis zu 29 Grad am späten Nachmittag und leichter Bewölkung. Ideales Wetter für einen Nachtangriff. Das Ziel waren zwei Fabriken der Deutsche Edelstahlwerke AG. Im Verzeichnis der Ziele für Bombardements der Royal Air Force hieß es: „Diese beiden angrenzenden Anlagen liegen neben der Südseite des Hauptbahnhofs Remscheid und umfassen Walzwerke, Schmiedeanlagen und Einrichtungen für die Behandlung von Spezialstählen.“ Zusätzlich zum üblichen Sortiment wurden hier Werkzeugstahl sowie Material für Kurbelwellen hergestellt. Seit 1939 waren die beiden Werke deutlich erweitert worden und faktisch zusammengewachsen.Am frühen 31. Juli 1943 erreichten Flugzeuge des RAF Bomber Command die Stadt. Gestartet waren auf den Fliegerhorsten in Südostengland 273 viermotorige Maschinen, von denen 243 das Ziel erreichten. Sie warfen zusammen knapp 800 Tonnen Bomben, zu etwa 40 Prozent Spreng- und zu 60 Prozent Brandsätze. Das Feuer, das so aus der Luft gelegt wurde, verwüstete in knapp drei Stunden das Areal rund um den Hauptbahnhof. 1063 Menschen verloren ihr Leben, noch viel mehr das Dach über dem Kopf. Als kurz vor sechs Uhr morgens die Sonne aufging, zeigte sich ein Bild der Zerstörung, des Schreckens und des Grauens. Remscheids Innenstadt war weitgehend zerstört.Beteiligt an dem Angriff war die Short Stirling EF 427, die zur XV. Bomber Squadron gehörte. Zusammen mit elf weiteren Flugzeugen ihrer Staffel war die Maschine unter dem Kommando des 21-jährigen Piloten George Gordon Judd zu dem Angriff auf die Stahlwerke in Remscheid befohlen worden. Auf dem Rückflug trafen Splitter einer Flakgranate die Stirling. Knapp 60 Kilometer hielt Judd den Bomber noch in der Luft, dann stürzte die Maschine über dem kleinen Ort Manheim südlich des Hambacher Forstes ab (und nicht nahe des 220 Kilometer entfernten badischen Mannheims, wie in manchen Datensammlungen irrtümlich zu lesen ist).Im Sommer 2025, fast genau 82 Jahren nach dem Absturz der Maschine, fanden Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte Rhein/Mosel am Rande des Braunkohletagebaus Hambach Trümmerteile. Die daraufhin hinzugezogenen Archäologen des Amts für Bodendenkmalpflege im Landschaftsverband Rheinland bargen weitere Metallteile und sterbliche Überreste von Menschen, höchstwahrscheinlich der Besatzungsmitglieder.Nach der Bergung der Reste in Absprache mit der britischen Botschaft gaben die Archäologen den gemessen an ihrer normalen Arbeit an antiken und mittelalterlichen Reste jungen Fund der Öffentlichkeit bekannt. Die sterblichen Überreste sollen mittels DNA-Analyse identifiziert werden. Vier Besatzungsmitglieder kamen ums Leben, die anderen drei hatten sich mit dem Fallschirm retten können und gerieten in Kriegsgefangenschaft.Lesen Sie auchIhre Staffel hatte zu den ersten Einheiten gehört, die 1941 auf das Muster Short Stirling umgerüstet worden war; zuvor hatten die No. XV. Sq. unter anderem die ältere zweimotorige Vickers Wellington geflogen. Der erste viermotorige Bomber der RAF ging auf die Entwicklungsanforderung B 12/36 von 1936 zurück, die einen schweren Bomber mit einer Dauergeschwindigkeit von 400 Kilometern pro Stunde, 2400 Kilometern Reichweite und zwei Tonnen Bombenlast verlangte. Drei Flugzeugentwickler beteiligten sich an der Ausschreibung, doch Armstrong-Whitworth kam über das Konzept B.12/36 nicht hinaus, eine Vergrößerung seines zweimotorigen Modells Whitley Supermarine. Der Hersteller des Jägers Spitfire ging mit den unterschiedlich motorisierten Entwürfen 316, 317 und 318 ins Rennen, doch nur vom Muster 316 gab das Luftfahrtministerium zwei Prototypen in Auftrag, die allerdings nie vollendet und 1940 beim „Blitz“ der deutschen Luftwaffe gegen Großbritannien zerstört wurden. Die Short Stirling dagegen absolvierte am 14. Mai 1939 ihren Erstflug. Der jedoch enttäuschend endete: Bei der Landung blockierte eine Bremse, der erste Prototyp kam von der Landebahn ab, das Fahrwerk brach zusammen und die Maschine musste wegen Schäden an der Zelle verschrottet werden. Für den nächsten Prototypen wurde das Fahrwerk deutlich stabiler konstruiert; dieses Exemplar hatte am 3. Dezember 1939 seinen Jungfernflug.Hatte die Royal Air Force zunächst nur 100 Maschinen nach der Spezifikation B 12/36 bestellen wollen, so wurde nach dem Münchner Abkommen Ende September 1938 diese Zahl auf 1500 Exemplare aufgestockt: Es war klar, dass Hitler Krieg wollte. In verschiedenen Werken begann die Serienproduktion des Musters, in der Spitze an 20 verschiedenen Standorten. Lesen Sie auchAm 7. Mai 1940 absolvierte die erste Serien-Maschine ihren Erstflug, doch zunächst blieben die Auslieferungszahlen enttäuschend niedrig. Das lag teilweise am mangelnden Nachschub an Werkzeugmaschinen und ähnlichem, aber auch an der Rückstufung viermotoriger Bomber gegenüber einmotorigen Tages- und zweimotorigen Nachtjägern während der Luftschlacht um England. Da mehrere Produktionsstätten zudem durch deutsche Angriffe zerstört wurden, verzögerte sich die geplante Ausrüstung einsatzfähiger Staffeln mit Stirling-Bombern um fast ein Jahr. So lange musste das Bomber Command weiter die an sich bereits veralteten Vickers Wellington und ähnliche Vorkriegsmuster einsetzen. Im Januar 1941 waren die ersten auf Stirling umgerüsteten Staffeln einsatzbereit, und in der Nacht vom 10. auf den 11. Februar 1941 fand der erste Kampfeinsatz statt, gegen ein Treibstofflager bei Rotterdam. Nun kamen immer mehr Stirlings zum Bomber Command; bis Ende 1941 waren es mehr als 150 Maschinen.Die praktischen Erfahrungen waren gut: Die Short erwies sich als gut zu fliegen, ihre Zelle konnte auch erhebliche Treffer wegstecken. 88 Stirlings gehörten zu den insgesamt 1047 RAF-Bombern, die beim berühmten „Tausend-Bomber-Angriff“ auf Köln Ende Mai 1942 eingesetzt wurden – die Masse waren jedoch die 602 Wellington und andere zweimotorige Muster wie die Whitley und die moderneren Typen Hampden und Manchester. Auch was die viermotorigen Bomber anging, stellte die Stirling nur die zweitgrößte Gruppe bei diesem vor allem propagandistisch äußerst folgenreichen Angriffs, denn es waren auch 131 Handley Page Halifax und sogar schon die ersten 73 Avro Lancaster beteiligt. Lesen Sie auchDiese beiden Muster hatten nach Ansicht des Luftfahrtministeriums besseres Entwicklungspotenzial als die Stirling, deren Überarbeitung daher im August 1942 eingestellt wurde. Doch noch lief die Serienproduktion und wurden Wellington-Staffeln auf Stirling umgerüstet. Als vorteilhaft galt ihre Stabilität: Sogar eine Stirling, die frontal mit einem deutschen Jäger kollidiert war, schaffte es zum Stückpunkt zurück. Das hing besonders mit der sehr soliden Konstruktion der Tragflächen zusammen, die andererseits für hervorragende Flugeigenschaften sorgte (viel besser als bei der Halifax und nach Ansicht mancher Piloten auch besser als bei der Lancaster). Die Kehrseite war, dass die Stirling eine vergleichsweise niedrige Dienstgipfelhöhe erreichte: nur 5000 Meter gegenüber 6500 bei der Lancaster und sogar 7300 Metern bei der Halifax. Die Flugleistungen hätten mit stärkeren Motoren verbesser werden können, doch ein konstruktives Problem blieb: Die Zelle hatte einen Mittelholm durch den Rumpf, der auch den Bombenschaft in zwei Abteile trennte. Daher konnte die Stirling maximal 1000 Kilogramm schwere Bomben laden, nicht aber die 1800 Kilogramm schweren „Cookies“, die gefürchteten „Wohnblock-Knacker“. So lief ab 1943 die Serienproduktion aus, auch wenn weiterhin einige Maschinen sowie Ersatzteile gebaut wurden. Ende 1943, ein halbes Jahr nach dem Absturz von EF 427, wurde die Stirling nach etwa 14.500 Feindflügen mit rund 27.000 Tonnen abgeworfener Bomben aus dem Kampfeinsatz über Deutschland abgezogen. Sie blieb als Transporter und Absetzmaschine für Fallschirmjäger in Betrieb. Insgesamt wurden 2371 Maschinen gebaut (zum Vergleich: 6178 Halifax und 7377 Lancaster); 582 Maschinen gingen im Einsatz verloren, weitere 119 mussten wegen Beschädigungen abgeschrieben werden.Mit dem Fund im Hambacher Tagebau ist das Schicksal von vier weiteren Angehörigen des Bomber Command geklärt – vier von 55.573 Toten dieser Streitmacht (die US Army Air Forces verloren weitere etwa 26.000 Mann). Dem Luftkrieg gegen deutsche Städte fielen im Zweiten Weltkrieg insgesamt etwa 635.000 Zivilisten zum Opfer, zu wahrscheinlich zwei Dritteln der RAF. Zum Vergleich: Während der massiven deutschen Bombenangriffe auf britische Städte 1940/41 starben etwa 43.000 Zivilisten; Hermann Görings Luftwaffe verlor während dieser Angriffsserie knapp 6000 Besatzungsmitglieder, die starben oder vermisst blieben.
RAF: 60 Kilometer Todesflug - Das letzte Gefecht der Stirling EF 427 - WELT
Am Rande des Braunkohle-Tagebaus Hambach in Nordrhein-Westfalen sind Trümmer einer Short Stirling der Royal Air Force gefunden worden. Bei einem Nachtangriff auf Remscheid im Sommer 1943 war der strategische Bomber schwer beschädigt worden.






