PfadnavigationHomeRegionalesHamburgBundesligaschiedsrichterPatrick Ittrich nach langer Verletzungspause zurück auf dem PlatzVeröffentlicht am 18.08.2025Lesedauer: 6 MinutenBundesligaschiedsrichter Patrick Ittrich im Einsatz. Nach langer Verletzungspause steht er am Wochenende wieder auf dem FeldQuelle: picture alliance/SvenSimon/Frank Hoermann/SVEN SIMONHinter dem Hamburger Bundesligaschiedsrichter Patrick Ittrich liegt eine lange Verletzungspause. Im vergangenen Sommer zog er sich im Training einen Muskelbündelriss zu. Auf sein Comeback hat er sich akribisch vorbereitet – und sein Training angepasst.Fünfzehn Monate und eine Woche – für einen Sportprofi ist das eine halbe Ewigkeit. So lange ist es mittlerweile her, dass Patrick Ittrich sein bisher letztes Spiel in der Fußball-Bundesliga geleitet hat. Das Fachmagazin „Kicker“ attestierte dem heute 46 Jahre alten Hamburger Schiedsrichter an jenem 10. Mai 2024, einem trockenen, aber kühl werdenden Freitagabend in Augsburg, eine „höchst souveräne Leistung“ und stellte ihm im Spiel zwischen dem FC Augsburg und dem VfB Stuttgart die Note 2,0 aus.Nichts deutete damals darauf hin, dass Ittrich eine komplette Saison lang der Bundesliga fehlen und seine bislang schlimmste verletzungsbedingte Leidenszeit erleben würde. Jetzt endlich, am kommenden Wochenende zum Start der Saison 2025/26, steht er wieder für einen Einsatz in der Eliteklasse zur Verfügung. Seine Erleichterung und Vorfreude war groß, als er kürzlich das Schiedsrichter-Trainingslager im niedersächsischen Ankum erfolgreich absolvierte, alle Leistungstests bestand und wieder auf die Liste der Bundesliga-Unparteiischen gesetzt wurde.Lesen Sie auchEhe Ittrich jetzt wieder durchstartet, ist der Vater von vier Töchtern mit seiner Familie noch einmal in den Urlaub gefahren. „Das ist wichtig sowohl für die Regeneration als auch für den Kopf, bevor es wieder an die Arbeit geht“, sagt er im Gespräch mit WELT AM SONNTAG.Seine Pechsträhne hatte im August vergangenen Jahres begonnen, als er sich in einem Trainingslager in Portugal einen Muskelbündelriss mit Sehnenbeteiligung zuzog. Ein wochenlanger Ausfall und ein Aufbautraining folgten, die Rückkehr auf den Rasen noch in der Bundesliga-Hinrunde schien aber realistisch. Im Oktober, als das Training etwas intensiver geworden war, passierte es bei Tempowechselläufen. Patrick Ittrich verdrehte sich das rechte Knie. Meniskusriss lautete die Diagnose, eine Operation war unumgänglich.Danach musste er wieder von vorn mit dem Aufbautraining beginnen. Zu allem Überfluss bildete sich im Februar ein Knochenödem. Wieder wurde er bei seinem Streben nach einem baldigen Comeback ausgebremst. „Man fängt an zu zweifeln, ob der Körper die Belastung noch hinbekommt“, gibt Ittrich offen zu. „Solche Phasen mit Zweifeln hatte ich schon in der Saison 2018/19, als ich im linken Knie eine Meniskusverletzung und auch schon ein Knochenödem hatte“, berichtet er weiter.Lesen Sie auchPatrick Ittrich redet gar nicht erst darum herum, dass er in diesen Phasen gehadert hat. „Klar habe ich mich gefragt, warum bloß es mich so oft trifft. Ich hatte da auch schon mal Tränen in den Augen“, sagt er und spricht damit über eine Seite von ihm, die nur wenige kennen. Denn wer Patrick Ittrich in der Öffentlichkeit begegnet, trifft auf einen eloquenten, humorvollen und gleichzeitig sehr gefestigten Mann, der Lebensfreude ausstrahlt, gern lacht, aber ebenso ernsthafte und klare Botschaften verbreitet. „Es ist schon mein Credo, dass ich ein humorvoller Mensch bin, der enthusiastisch ist und Spaß am Leben hat. Menschen, mit denen ich viel zusammen bin, wissen aber auch, wann es mir mal nicht so gut geht. Zum Glück habe ich nahestehende Personen, denen ich mich anvertrauen kann“, berichtet er.Wer diese Menschen sind, die ihm in den langen Monaten vor allem seelisch geholfen haben, liegt auf der Hand. „In erster Linie war das meine Familie, also meine Frau, aber auch meine Töchter. Sie haben mir immer wieder gesagt: Aufhören ist keine Option“, berichtet er. Zudem habe er sehr viel Zuspruch von „zwei, drei sehr engen Freunden unter den Schiedsrichtern.“ Auch wenn diese moralische Unterstützung in einer von Ungewissheiten geprägten Zeit guttut, bleibt doch eine Erkenntnis, wie Ittrich unumwunden zugibt: „Am Ende muss man es mit sich selbst ausmachen. Da hilft alles nichts.“ Als feste Absicherung hat Patrick Ittrich immer noch seine Teilzeit-Beschäftigung bei der Hamburger Polizei, bei der er „mit ganz viel Herzblut“ in der Verkehrserziehung tätig ist. „Das ist meine Heimat, meine Basis. Ich finde es gut, in verschiedenen Welten unterwegs zu sein, denn Glanz und Glamour des Profifußballs spiegeln nicht die Lebensrealität der allermeisten Menschen wider“, sagt er treffend.Lesen Sie auchDoch noch will er auf seine Leidenschaft in den großen Stadien nicht verzichten. Mithin stellt sich die Frage, ob er mit Rücksicht auf seinen Körper und aus Sorge vor neuen Verletzungen nun zurückhaltender trainiert. Ittrich verneint: „Ich trainiere jetzt anders, aber nicht vorsichtiger, denn ich muss ja eine bestimmte Leistung auf dem Platz bringen. Ich muss voll fit sein, kann aber andere Trainingsmethoden anwenden. Ich muss nicht fünfmal in der Woche hochintensiv trainieren, sondern kann auch zweimal Radfahren oder auf den Crosstrainer gehen. Ich bin ja keine 20 mehr.“Durch die Rückschau ist Patrick Ittrich aber auch klar geworden, dass er Signale seines Körpers bisweilen ignoriert hat. „Ein paar Mal habe ich mir vorwerfen müssen, dass ich zu viel trainiert habe. Mir fehlte in den Phasen, in denen es mir richtig gut ging, das Einsehen, dass Pausen wichtig sind.“ Auf der anderen Seite aber stellt Hamburgs Bundesliga-Schiedsrichter klar, dass er nicht weniger als jene jungen Männer trainieren muss, deren Jagd nach Toren und Punkten er in regelkonformen Bahnen zu lenken hat: „Man darf die physische Leistung in einem Spiel nicht unterschätzen. Schiedsrichtern ist eine eigene Sportart und definitiv Leistungssport. Damit ich fit bin, muss ich trainieren wie ein Profifußballer – nur ohne Zweikämpfe.“Fitness ist die eine Seite, Matchpraxis die andere. Die konnte er sich zum Ende der vergangenen Saison, als er dazu körperlich wieder in der Lage war, schon in unterklassigen Spielen holen. So leitete er die Partie TSV Sasel gegen Vorwärts-Wacker Billstedt (7:3) in der Oberliga Hamburg. „Die haben große Augen gemacht, als ich da aufgetaucht bin. Gefühlt haben alle fünf bis acht Meter Sicherheitsabstand gehalten“, berichtet Ittrich über eine eher seltene Erfahrung.Lesen Sie auch„Mir war es wichtig, wieder reinzukommen und um zu sehen, wie man die Belastung über 90 Minuten verkraftet. Denn das ist immer noch etwas anderes als ein intensives Training“, sagt Ittrich, der danach noch ein Spiel in der Dritten und zwei in der Zweiten Liga leitete. Für die Rückkehr in die Bundesliga aber musste er bis jetzt warten. Dort war er in seiner Leidenszeit nur als Videoschiedsrichter (VAR) tätig. „Das war sehr sinnvoll, um im Film zu bleiben und viele Kollegen dort zu sehen“ Aber auf Dauer ist das für den wortgewandten Ittrich nicht die Erfüllung, sagt er. „Ich bin Praktiker, möchte mit den Spielern kommunizieren und sehe daher meine Hauptaufgabe auf dem Rasen“, sagt er.In diesem Zusammenhang stellt er auch klar, dass die neuen Regeln zur Kommunikation mit den Unparteiischen nicht so streng sind, wie sie zunächst schienen. „Es stimmt nicht, dass man als Schiedsrichter nicht mehr mit anderen Spielern als dem Kapitän reden soll, oder dass nur der Kapitän etwas sagen darf. Es kommt immer darauf an, wie ein Spieler auf einen zukommt und wie er mit einem spricht“, sagt Ittrich. Nach Einführung dieser neuen Regel nach der EM 2024 habe es eine Wellenbewegung gegeben. Zunächst waren fast alle lammfromm, zwischenzeitlich sei diese Disziplin etwas verlorengegangen, zum Ende der abgelaufenen Saison aber weitgehend zurückgekehrt. „Grundsätzlich ist es schade, dass es im Fußball überhaupt so eine Regel braucht. Wichtig ist jetzt, dass die Linie weiter einheitlich und konsequent fortgesetzt wird“, sagt der Hamburger.In welchem Stadion er dies am kommenden Wochenende umsetzen darf, ist noch nicht bekannt und für Ittrich auch eher nebensächlich. Viel wichtiger ist, dass er seine Leidenszeit nun überwunden hat und nach der halben Ewigkeit von mehr als 15 Monaten auf die große Fußballbühne zurückkehren kann.Carsten Harms