PfadnavigationHomeICONISTFitness & WellnessStädtische Flussbäder„Der Zugang zu Wasser sollte ein Bürgerrecht sein“Veröffentlicht am 01.09.2025Lesedauer: 7 MinutenAbkühlung mit Blick auf den Eiffelturm: Flussbad Grenelle an der Seine in ParisQuelle: Fiora Garenzi/Hans Lucas/picture allianceBaden in Flüssen und Kanälen – mitten im Zentrum: In Metropolen wie Paris, München oder Rotterdam ist das bereits möglich, andere Städte wollen nachziehen. Unsere Autorin ist in die Seine gehüpft.Anders als erwartet riecht das dunkelgrüne Wasser nicht brackig, sondern verströmt eine feine Chlornote. Aber vielleicht ist das auch eine Einbildung, die vom schwimmbadartigen Setting samt Absperrleinen und Rettungsschwimmer und dem Wissen um den in französischen Haushalten so beliebten chlorhaltigen Reiniger Eau de Javel hervorgerufen wird. Den Mund halte ich trotzdem geschlossen, als ich mich von den Metallstufen abstoße, auf den Augen sitzt eine Schwimmbrille. Schwimmen in der Seine, mitten in Paris! Bei Olympia 2024 überwog noch das Mitleid mit den Athleten, doch als ich im Frühjahr las, dass im Sommer drei Badestellen in dem Fluss eröffnen, der sich durch die französische Hauptstadt zieht, war sofort klar, dass Bikini und Badetuch ins Gepäck gehören, wenn ich die Stadt mit meinem Sohn besuche.Seit 2015 wurden von der Stadt und der Region Paris sowie dem französischen Staat rund 1,4 Milliarden Euro investiert, um das Schwimmen in der Seine möglich zu machen, was vor allem bedeutete: die Wasserqualität entsprechend zu verbessern. Zum Projekt „Plan Baignade“ (Bade-Plan) gehört ein enormes Auffangbecken nahe dem Gare d’Austerlitz, um zu verhindern, dass die Kanalisation bei starken Regenfällen ihr Schmutzwasser ungefiltert in den Fluss entlässt, zum anderen die Verbesserung der Klärwerksituation und der Anschluss von Hausbooten an die Kanalisation. Der Plan hat funktioniert: Die Belastung des Seine-Wassers mit Bakterien ist seitdem um 75 Prozent zurückgegangen. Nach Starkregen ist die Wasserqualität teilweise immer noch nicht ausreichend. Dann weht an den am 5. Juli eröffneten Badestellen die rote Fahne. Lesen Sie auchHeute flattert sie jedoch grün im Sommerwind. Zumindest am Bras Marie. Am Quai de Bercy gegenüber der französischen Nationalbibliothek weiter südwestlich, wo auch mein elfjähriger Sohn ins Wasser dürfte, zeigt die Karte im Internet eine rote Flagge an. Die Ursache: nicht ersichtlich. Aus nostalgischen und praktischen Gründen fällt die Wahl auf die Badestelle vor der Île Saint-Louis: Auf der anderen Seite der Insel mit Blick auf Notre-Dame habe ich während meiner Au-pair-Zeit in Paris oft mit meinen Freundinnen gepicknickt, zudem liegt der Bras Marie nur 20 Minuten Fußweg vom Hotel entfernt. Paris reiht sich damit in die wachsende Zahl von Städten ein, in denen man mitten im Zentrum in Flüssen und Kanälen baden gehen kann. „Der freie Zugang zu innerstädtischen Bademöglichkeiten fördert soziale Teilhabe, stärkt das Bewusstsein für sauberes Wasser und schafft neue, lebenswerte Räume in der Stadt“, sagt der mehrfach ausgezeichnete deutsche Architekt Jürgen Mayer H.Umkleiden gibt es am Bras Marie keine, man könne sich in den Toilettencontainer am Ufer, 40 Meter entfernt oder auch direkt auf der Schwimmplattform umziehen, sagt die junge Frau im dunkelblauen „Paris en Seine“-T-Shirt am Eingang mit dem Drehkreuz. Mit Kreide ist die Wassertemperatur auf eine Tafel geschrieben: 23 Grad. Wärmer als so manches Berliner Freibad. Wer unter 14 ist, muss leider draußen bleiben. Mein Sohn reiht sich daher in die Schar der Zuschauer an Land ein, die auf einem Mäuerchen sitzen, denn genauso populär wie das Bad selbst ist das Beobachten des Treibens vom Ufer aus.Ohne gelbe Boje darf hier keiner ins WasserEin Steg führt auf einen schmalen, holzbeplankten Ponton mit erhöhten Liegeflächen und Sitzen, in deren Sockel Schließfächer untergebracht sind. Zwei Duschen stehen bereit, eine ist defekt und mit rot-weißem Baustellenband abgesperrt. Am Einstieg in den Fluss stehen zwei riesige graue Plastikboxen mit gelben Bojen aus federleichtem Nylonstoff, die man mit einem verstellbaren Gurt samt Klickverschluss um die Taille befestigt und beim Schwimmen hinter sich herzieht. Ohne darf hier keiner ins Wasser. Wenn die Kapazitätsgrenze von 150 Badenden erreicht ist, muss es hier aussehen wie an Stränden in China, wo man vor lauter Schwimmringen das Wasser nicht mehr sieht.Nur zwei Schwimmer ziehen tatsächlich Bahnen, mit Blick auf die Pont Marie in der einen und die Pont de Sully in der anderen Richtung, der Rest der Besucher macht höchstens ein paar Züge und lässt sich dann treiben, nutzt die Boje als Auftriebshilfe und dümpelt gemütlich vor sich hin. Man hört Französisch, Englisch, Italienisch, Schwedisch, dann einen scharfen Pfiff: Ein der drei Rettungsschwimmer in gelbem Hoodie und roten Shorts pfeift einen Mann zur Ordnung, der sich an der Leine festhält, welche den Schwimmbereich abgrenzt.So schön das Projekt für die Pariser ist und so groß seine Strahlkraft für den Tourismus und das Stadtmarketing sein mag, so limitiert ist es: Die drei Badestellen in der Seine sind nur im Juli und August in Betrieb, die täglichen Öffnungszeiten variieren und bleiben überschaubar. Am Bras Marie kann man Montag bis Samstag nur von acht bis 11.30 Uhr schwimmen gehen, sonntags bis 17.30 Uhr. In anderen europäischen Städten gibt es weniger Beschränkungen: Zu den schwimmbaren Flüsse gehören die Limmat in Zürich, der Rhein in Basel, die Aare in Bern. In München badet man in der Isar, in Wien in der Alten Donau – in Kopenhagen und Rotterdam in den Hafengewässern, die sich durch die Metropolen ziehen. Für Jürgen Mayer H. „zeigen Paris und Kopenhagen eindrucksvoll, wie naturnahe Badestellen in Flüssen städtebaulich ansprechend integriert und als attraktive öffentliche Orte gestaltet werden können.“Im niederländischen Rotterdam fand im Juni der „Swimmable Cities Summit“ statt. In der Allianz „Swimmable Cities“, 2024 im Vorfeld der Olympischen Spiele in Paris gegründet, sind 153 Organisationen aus 83 Städten aus 30 Ländern vertreten – von Vilnius bis Brisbane –, die sich für das Recht auf Schwimmen und die Transformation urbaner Wasserstraßen einsetzen. Das Treffen begann damit, dass die 200 Teilnehmer gemeinsam in den Rijnhaven hüpften, den alten Hafen am Südufer der Nieuwe Maas, wo es seit 2020 Badestellen gibt. Anders als in Paris setzen die Niederländer weniger auf strenge Regeln denn auf Eigenverantwortung: Das Schwimmen erfolgt auf eigene Gefahr.Lesen Sie auchEiner der Teilnehmer der Rotterdamer Konferenz war Toby Robinson, britischer Olympiaschwimmer, der in Paris 2024 das 10-Kilometer-Rennen in der Seine absolvierte. „Paris von der Mitte der Seine aus zu sehen, war ein so einzigartiger und ikonischer Moment, der für immer in meinem Gedächtnis bleiben wird“ schwärmt er im Podcast „The Urbanist“. Er engagiert sich dafür, die Themse in London wieder schwimmbar zu machen. „Der Zugang zu Wasser sollte ein Bürgerrecht sein, nicht nur ein nettes Extra. Im Rijnhaven kann jeder kostenlos schwimmen, und deshalb pulsiert die Gegend vor Energie. Die Restaurants, Cafés und Bars sind voll; das ist nicht nur gut für die Gemeinde, sondern auch für die lokale Wirtschaft. Wenn es den Schwimmern gut geht, dann geht es auch ihrer Stadt gut“, sagte er dem britischen „Guardian“. Ein Flussbad in Berlins historischer MitteAuch „Flussbad Berlin“ gehört zum Verbund „Swimmable Cities“. Die 2012 gegründete Initiative möchte am Spreekanal, der südlich an der Museumsinsel in der historischen Mitte der Hauptstadt entlangfließt, mehrere Badestellen etablieren. Für Architekt Jürgen Mayer H., Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Vereins ist „das Flussbad mitten in Berlin eine einzigartige Möglichkeit, Stadtentwicklung, Umweltbewusstsein und Lebensqualität zu verbinden und die Spree wieder für alle erlebbar zu machen.“Für die Verwirklichung des Projekts sind 40 bis 50 Millionen Euro veranschlagt: Umbau des Spreekanals, Wasseraufbereitung, Sicherheitsmaßnahmen, Besucherinfrastruktur und Freizeitflächen. Doch das größte Hindernis für die Verwirklichung dieser Idee ist das hundert Jahre alte Berliner Spree-Badeverbot. Die Wasserqualität ist inzwischen nicht mehr das dringlichste Problem: Wenn es nicht gerade heftig geregnet hat und die Kanalisation überlastet ist, lautet das Ergebnis der bakteriologischen Untersuchung meist „ausreichend“ – nach den Kriterien für Badegewässer. Ein solches ist die Spree aber ausdrücklich nicht. Lesen Sie auchAusreichend ist die Wasserqualität auch am vergangenen Dienstagnachmittag, als rund 700 Menschen für die Abschaffung des Badeverbots ins Wasser gingen. Im Abschnitt vor dem Humboldtforum, im Hintergrund der Berliner Dom, findet die zweite offizielle Mitschwimm-Demo statt. Ohne Murren stehen die Protestschwimmer in der Hitze Schlange, um über eine schmale Treppe und eine Leiter ins kühle Nass vorgelassen zu werden. Ein Mann wagt sich mit Meerjungfrauenschwanz ins Wasser, ein Paar hat eine riesige gelbe Ente dabei. Die Stimmung: ausgelassen und dabei entspannt. Wasser macht glücklich. Auch wenn die Qualität nur „ausreichend“ ist.