PfadnavigationHomeGeschichteWahlkampf als Selbstzweck„Bis der Sieg unser ist“ – So funktionierte die Propaganda der NSDAPVeröffentlicht am 21.08.2025Lesedauer: 7 MinutenFlegel im Reichstag: Blick auf NSDAP-Abgeordnete im deutschen Parlament 1930Quelle: picture alliance/SZ Photo/ScherlIn Parlamenten sahen die Nationalsozialisten nur „Schwatzbuden“. Gern nahmen sie die Abgeordneten-Entschädigungen, aber konkrete Arbeit interessierte sie nicht. Das Ziel war permanenter Wahlkampf mit allen verfügbaren Methoden.Politik ist dem Soziologen Max Weber zufolge „starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“. Parteien wollen gewöhnlich Politik betreiben; allerdings nicht immer: Die 1925 wieder gegründete NSDAP hatte kein Interesse an sachlicher Arbeit im parlamentarischen Betrieb. Ihr Daseinszweck war Propaganda, mit viel Leidenschaft, aber ohne jedes Augenmaß.An der regulären Tätigkeit als Abgeordnete hatten nationalsozialistische Mandatsträger zu keiner Zeit ein Interesse: „Die parlamentarische Tätigkeit erschöpft sich in der Hauptsache im Palaver und Papierarbeit“, hieß es 1932 im Rechenschaftsbericht der NSDAP-Reichstagsfraktion. Klar bekannten sich die Abgeordneten zur Missachtung ihrer Aufgabe: „Wir Nationalsozialisten haben diesen geschäftigen Müßiggang nie anders gewertet und sind auch nicht deshalb ins Parlament gegangen, um uns in diesem Sumpf munter mitzutummeln und sogenannte positive Arbeit dort zu leisten, sondern um unsere Gegner mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen.“Sie wollten die Bühne des Parlaments nutzen, um „für unsere nationalsozialistische Weltanschauung“ zu werben, „bis der Sieg unser ist“. Entsprechend waren die meisten Reden und Anträge nationalsozialistischer Abgeordneter bis zur Jahreswende 1932/33 aggressiv statt sachlich-pragmatisch, wie es einer Volksvertretung angemessen war. Darin ähnelte ihre Tätigkeit jener kommunistischer Abgeordneter: Geschätzt wurden die angeblichen „Schwatzbuden“ der Volksvertretungen von KPD und NSDAP gleichermaßen wenig: Beide Gruppen verachteten den Parlamentarismus und wollten ihn beseitigen.Lesen Sie auchIn seinen „Grundsätzlichen Richtlinien für die Neuaufstellung der NSDAP“ hatte Hitler 1925 verkündet, dass die Parteiorganisation kein „Selbstzweck“ sei, sondern ein Mittel: „Sie soll nur den politisch-agitatorischen Kampf der Bewegung ermöglichen, der Aufklärungstätigkeit diejenigen organisatorischen Voraussetzungen schaffen, die unbedingt nötig sind.“ Im zweiten Band von „Mein Kampf“ wurde er 1926 noch deutlicher: Propaganda müsse Menschen gewinnen für die Organisation der Partei, die wiederum Menschen zu mobilisieren habe für die „Fortführung der Propaganda“. Inhaltlich sollte die Propaganda den „bestehenden Zustand“ zersetzen; der Sieg könne dann errungen werden, „wenn die neue Weltanschauung möglichst allen Menschen gelehrt und, wenn nötig, später aufgezwungen wird“.Entsprechend diesen Vorgaben stand Propaganda in jeder Form in allen Gliederungen der NSDAP im Mittelpunkt – von der niedrigsten Ebene bis zur höchsten, der Reichsleitung. Ausdrücklich sollte die Ortsgruppe, „die Gemeinschaft der Parteigenossen an einem Orte“ und mindestens sechs Mitglieder stark, „die Propagandazelle der Bewegung und die Keimzelle für das Wachsen der Partei“ sein. Ihre entscheidende Aufgabe war, bereits eingeschriebene Mitglieder zu binden, Interessierte als Parteigenossen zu gewinnen und vorgegebene Inhalte zu verbreiten. Lesen Sie auchDazu mussten die lokalen Nationalsozialisten Gemeinschaftsgefühl entwickeln, sich in der Gruppe stärker vorkommen als allein. Ein SA-Mann namens Karl Brandt beschrieb den Mechanismus: „Das Zusammengehen mit Kameraden aus allen Berufsschichten, die gemeinsam durchlebte Kampfzeit und das Gefühl, dass ich mich auf jeden meiner Kameraden verlassen konnte, band mich so stark an die SA, dass ich mich nicht von ihr trennen konnte.“Lesen Sie auchJede NSDAP-Ortsgruppe verfügte schon in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre über sechs ehrenamtliche Funktionäre: den ersten und den zweiten Vorsitzenden – „Leiter“ genannt – sowie einen Schriftführer und einen Kassenwart mit jeweils einem Stellvertreter. Prinzipiell galt das unabhängig von der Mitgliederzahl; selbst wenn eine Ortsgruppe keine zehn „Parteigenossen“ zählte, wurden alle sechs Positionen besetzt, sofern auch nur ansatzweise geeignete Personen zur Verfügung standen. Die Fülle der zu besetzenden Funktionen gefiel den damit betrauten Parteigenossen, denn es stärkte das Selbstbewusstsein der Mitglieder, Funktionen mit wichtig klingenden Namen auszuüben: „Ich fühlte mich glücklich, einen solchen Wirkungskreis gefunden zu haben“, erinnerte sich Johann Balser, Ortsgruppenleiter in der hessischen Provinz. Sobald es in einer Ortsgruppe genügend Mitglieder gab, wurde jedem einzelnen ein bestimmtes Gebiet zugeteilt, das er mit Flugblättern, Klebezetteln und ähnlichem propagandistisch zu bearbeiten hatte – auch wenn es nur drei Straßenzüge waren.Lesen Sie auchEbenso durften Nichtmitglieder Flugblätter verteilen und Zeitungen verkaufen, sofern sie den Funktionären vor Ort gehorchten; sie bekamen damit das Gefühl, gebraucht zu werden. Marlene Heder zum Beispiel begann schon als Jugendliche mit ihrer noch ein Jahr jüngeren Schwester, für die NSDAP zu werben, obwohl sie noch nicht volljährig waren: „Wir hörten jede Rede für und so manche gegen die Bewegung und trugen das Gehörte weiter“, erinnerte sie sich. Gerade weil ihnen Ablehnung entgegenschlug, fühlten sie sich bestätigt: „Was scherte es uns, dass wir zu Hause ausgelacht wurden, dass wir lächerlich gemacht wurden, eben weil wir noch so jung waren.“ Lehrer und ältere Verwandte konnten reden, soviel sie wollten: „Sie verstanden eben nicht, dass man, obwohl noch sehr jung, doch den Glauben an eine Idee haben konnte.“Lesen Sie auchDie NSDAP und ihre Mitglieder betrieben Propaganda auf drei verschiedene Arten parallel: für Hörer, für Leser und für Zuschauer. Propaganda zum Hören bestand einerseits aus Hausbesuchen und Gesprächen im privaten Kreis, zu denen alle Mitglieder angehalten waren; sie sollten potenzielle Sympathisanten persönlich für die Hitler-Bewegung interessieren. Viele Anhänger investierten eine Menge Zeit in diese Form der Werbung. Andererseits gehörten zur Propaganda zum Hören mehr oder minder öffentliche Veranstaltungen. Das konnten im Prinzip interne Sprechabende sein, die jede Ortsgruppe mindestens zweimal im Monat, besser wöchentlich anbieten sollte, meist im Hinterzimmer einer Gaststätte. Das Zusammensein mit Gleichgesinnten stärkte das Gemeinschaftsgefühl und konnte neue Anhänger interessieren, die mitgebracht wurden. Noch wichtiger für die Wahrnehmung der Partei waren öffentliche Versammlungen, kleinere und größere, gelegentlich auch Massenkundgebungen, bei denen prominente Parteiredner auftraten. Ihre Themen wechselten, schon um auf den Plakaten verschiedene Titel angeben zu können, doch der Kern blieb stets ähnlich: Revanche für den Versailler Vertrag, Ausgrenzung der Juden, Hetze gegen demokratische Regierungen und gesellschaftliche Eliten; allein der Anteil sozialistischer Versprechungen unterschied sich von Redner zu Redner deutlich.Zum Lesen gedacht waren einerseits kostenlos verteilte Flugblätter und bevorzugt an stark frequentierten Stellen wie Bauzäune in der Nähe von Kreuzungen oder Fabrikeingängen angeklebte Zettel und Plakate. Gleichermaßen Hitlers Botschaft verbreiten und Geld einbringen sollte andererseits der Verkauf von Parteizeitungen sowie nationalsozialistischen Broschüren, bald auch Büchern bis hin zu „Mein Kampf“. Da viele Käufer die erworbene Lektüre an Verwandte, Freunde und mutmaßlich interessierte Bekannte weitergaben, erreichte dasselbe Exemplar einer Schrift oft mehrere Leser. Lesen Sie auchPropaganda zum Zuschauen schließlich war eine Aufgabe der SA, neben dem Schutz eigener Treffen und Angriffen auf politische Konkurrenten. Diese Art von öffentlicher Wahrnehmung bestand aus Märschen in Reih und Glied. Das machte Eindruck auf viele der fast ausnahmslos militärisch ausgebildeten oder wenigstens vom Militär träumenden männlichen Deutschen. Viele freuten sich, „die kleinen Häuflein von braunen Soldaten durch die Stadt marschieren“ zu sehen, „gleichmäßigen Schrittes und aufrichtigen Blickes“ – im Gegensatz zu den Kommunisten, die „wie die Räuber mit Kind und Kegel durch die Straßen“ gestromert seien.Ende 1926 hieß es im grundlegenden SA-Befehl: „Die einzige Form, in der sich die SA an die Öffentlichkeit wendet, ist das geschlossene Auftreten. Der Anblick einer starken Zahl innerlich und äußerlich gleichmäßiger, disziplinierter Männer, deren restloser Kampfeswille unzweideutig zu sehen oder zu ahnen ist, macht auf jeden Deutschen den tiefsten Eindruck.“An Politik im eigentlichen Sinne, also dem „starken langsamen Bohren harter Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ hatte die NSDAP kein Interesse. An die Stelle des Putschismus der Jahre bis Ende 1923 trat ab 1925 die Propaganda: Die Parteiorganisation hatte keinen anderen Zweck mehr als fortwährenden Wahlkampf, auch wenn keine Abstimmungen anstanden. Denn obwohl die Hitler-Bewegung in zunehmend mehr Landesparlamenten und im Reichstag vertreten war, arbeitete sie nicht an konkreten Zielen, sondern stellte ausschließlich radikale Forderungen – und vergiftete damit die politische Atmosphäre immer mehr.WELTGeschichte-Redakteur Sven Felix Kellerhoff befasst sich seit 35 Jahren wissenschaftlich mit dem Nationalsozialismus. 2017 erschien sein Buch „Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder“ – die erste Gesamtdarstellung der einflussreichsten Partei, die es jemals in Deutschland gab.
NSDAP-Propaganda: „Bis der Sieg unser ist“ - WELT
In Parlamenten sahen die Nationalsozialisten nur „Schwatzbuden“. Gern nahmen sie die Abgeordneten-Entschädigungen, aber konkrete Arbeit interessierte sie nicht. Das Ziel war permanenter Wahlkampf mit allen verfügbaren Methoden.






