PfadnavigationHomePolitikAuslandBolivienDie Wahl, die das Potenzial hat, das Gesicht Lateinamerikas zu verändernVeröffentlicht am 18.08.2025Lesedauer: 5 MinutenEx-Präsident Evo Morales in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFPQuelle: AFP/PABLO RIVERANach fast zwei Jahrzehnten an der Macht haben sich Boliviens Sozialisten zerlegt. Der Weg ist frei für konservative Kandidaten – und damit für eine Entwicklung, die den gesamten Kontinent beeinflussen könnte. Auf den Westen wartet dann eine lukrative Chance.An den Tankstellen fehlt der Treibstoff, die Dollar-Reserven sind nahezu aufgebraucht. Boliviens früherer Präsident Evo Morales, das Alphatier der fast zwei Jahrzehnte regierenden sozialistischen MAS-Partei, hat sich in seiner Hochburg im Zentrum des Landes verschanzt – „in der Provinz Chapare, die von bis an die Zähne bewaffneten Drogenkartellen kontrolliert wird“, sagt Bolivien-Experte Thomas Wieland vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Er spricht von einem „Staat im Staat“. Morales, der erste gewählte indigene Präsident, regierte Bolivien von 2006 bis 2019, ist aber bis heute ein einflussreicher Strippenzieher, auch wegen seiner fundamentalistischen und teilweise gewaltbereiten Anhängerschaft. Die Wahlen in Bolivien, dem lithiumreichsten Land der Welt, die am Sonntag stattfanden, haben das Potenzial, den lateinamerikanischen Kontinent zu verändern. Nach brutalen inneren Machtkämpfen, angefacht durch Morales‘ Intrigen, sind die Sozialisten implodiert. Das verfeindete linke Lager spielte für den Ausgang keine entscheidende Rolle mehr, stattdessen liegen zwei rechtskonservative Politiker vorn: Der Christdemokrat Rodrigo Paz kam auf 32 Prozent, dahinter folgt der früheren Präsident Jorge Quiroga mit 27 Prozent.Die beiden konservativen Politiker treffen nun in einer Stichwahl am 19. Oktober aufeinander. Damit wird die linksgerichtete „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) nach knapp 20 Jahren von der Macht abgelöst. Ein Regierungswechsel mit einem rechten Präsidenten in Bolivien könnte der Beginn einer Neuordnung der Machtverhältnisse auf dem Kontinent sein, wo in diesem Jahr noch in weiteren Ländern wichtige Wahlen anstehen. Lesen Sie auchAuch aus wirtschaftspolitischer Sicht ist die Wahl in Bolivien bedeutsam: Die sozialistische Regierung hat es bislang nicht geschafft, die großen Lithiumvorkommen im Land zu kommerzialisieren und damit den versprochenen Wohlstand zu generieren. „In Bolivien gibt es kaum industrielle Tradition mit großtechnischer Lithiumproduktion während in Chile und Argentinien große, erfahrene internationale Bergbauunternehmen aktiv sind“, sagt Thomas Cramer. Der Geowissenschaftler von der Nationalen Universität in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota beobachtet seit Jahren den Bergbau in den Anden. Innenpolitische Querelen haben in Bolivien jeden Fortschritt im Keim erstickt.Das neue Szenario nach den Wahlen könne auch neue Möglichkeiten im Lithium-Sektor mitbringen, meint Christina Stolte von der Konrad-Adenauer-Stiftung in La Paz. Im Poker um den wertvollen Rohstoff könnte sich dann auch für den in Bolivien bislang unerwünschten Westen wieder eine Tür öffnen.Lesen Sie auchBislang haben die regierenden Sozialisten Russland und China als Partner eindeutig präferiert. Vor wenigen Tagen gelang es dem russischen Konzern Uranium One Group einen umstrittenen Vertrag in geheimer Abstimmung durch die Abgeordnetenkammer zu peitschen. Indigene Gemeinden in den potenziellen Fördergebieten werfen russischen und chinesischen Konzernen allerdings vor, die vorgeschriebenen Volksbefragungen nicht durchgeführt zu haben und verwehren ihnen den Zugang zu den Territorien. Die Opposition spricht von Korruption. Die Stimmung ist aufgeheizt. Konservative Welle in LateinamerikaWahlgewinner Rodrigo Paz will Bolivien für internationale Investoren auch aus dem Westen öffnen. Im südamerikanischen Handelsbündnis Mercosur, in das Bolivien bald als vollwertiger Partner aufsteigt, würden sich die politischen Präferenzen dann verschieben: Argentinien und Paraguay gehören dem libertär-konservativen Spektrum an, die linksregierten Länder Brasilien und Uruguay schauen vor allem nach China. Derzeit verhandelt der südamerikanische Handelsraum Mercosur mit der EU über ein Freihandelsabkommen. Der zweitplatzierte Kandidat Quiroga Ramirez lehnt sich an das wirtschaftsliberale Modell des libertären Präsidenten Javier Milei in Argentinien an. Boliviens früherer Präsident (1997-2001) versprach im Wahlkampf, eigene Handelsabkommen mit Europa, Asien und innerhalb Lateinamerikas anzustreben: „Ich bin ein Mann der Freiheit, des freien Handels.“Lesen Sie auchDie Wahlen in dem kleinen Land könnten eine konservative Welle in Lateinamerika einläuten: Bis Ende 2026 stehen noch Urnengänge in Honduras, Chile, Kolumbien und Brasilien an. Alle vier Länder werden derzeit links regiert.Der Schlüssel für eine wirtschaftliche Erholung Boliviens ist aber die Erschließung des weltweit größten Lithium-Potenzials. Der Rohstoff wird stark nachgefragt, da er für die Herstellung von Akkus etwa für Elektroautos oder Mobiltelefone benötigt wird. In Bolivien wird Lithium daher auch „weißes Gold“ genannt. Bis heute sind die riesigen Vorkommen indes weitgehend unangetastet. „Australien und Chile waren 2024 die Hauptförderländer von Lithium. Die Hälfte der weltweiten Gesamtproduktion von 240.000 Tonnen kam aus diesen Ländern. Bolivien erzielte hingegen nur eine geringe Ausbeute“, sagt Geowissenschaftler Cramer.Als Hauptschuldiger für die wirtschaftliche Krise gilt vielen Kritikern Sozialist Morales. Da die bolivianische Verfassung maximal zwei Amtszeiten vorsieht, wäre seine politische Laufbahn eigentlich schon 2019 zu Ende gewesen. Ein Verfassungsreferendum, dass diese Grenze aushebeln sollte, verlor er. Gegen den ausdrücklichen Willen der Wähler genehmigte ihm eine treu ergebene Justiz trotzdem eine weitere Kandidatur. Es folgten 2019 Vorwürfe des Wahlbetrugs und schließlich seine Flucht nach Mexiko.Die anschließenden Neuwahlen gewann sein Parteifreund und ehemaliger Wirtschaftsminister Luis Arce, den Morales nie als rechtmäßigen Präsidenten akzeptierte. Auch für die diesjährigen Wahlen wollte er kandidieren. Er konnte sich zwar nicht durchsetzen, löste aber eine tiefe Spaltung innerhalb der bolivianischen Linken aus. Bei Parteiveranstaltungen flogen Stühle, als Anhänger und Gegner von Morales aufeinander losgingen. Von den Morales-Attacken zerrieben verzichtete der obendrein glücklos agierende Arce auf eine erneute Kandidatur. Der eng mit Moskau und Peking verbündete Morales hat neuen westlichen Lithium-Projekten bereits den Kampf angesagt. Egal, wer künftig Präsident wird, wird mit Morales Mobilisierungspotential umgehen müssen. Der verspricht: „Gemeinsam mit dem Volk werden wir den Kampf auf die Straße tragen.“Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.