Edeltraut Kurbjuweit mit ihrem 1945 geborenen Sohn Jack-Peter. Der Vater war ein griechischer ZwangsarbeiterQuelle: via Peter KurbjuweitNach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen rund 400.000 Kinder aus Beziehungen zu Zwangsarbeitern oder Alliierten in Deutschland auf, meist stigmatisiert – und vaterlos. Ein Betroffener erzählt vom Leben mit einem Tabu und der Suche nach den eigenen Wurzeln.Es war viel, was das Leben im Flüchtlingslager Salzgitter-Watenstedt dem Kind abverlangte. Die ärmliche Baracke. Die stinkenden Latrinen hinter den Unterkünften flößten ihm Angst ein, in die Kloake zu fallen. Aber was war das schon gegen den Rohrstock des Lehrers! Und gegen den Mann, den er Vater nannte und der mit allem prügelte, was er in die Hände bekam.Jack-Peter Kurbjuweit, Jahrgang 1945, musste viel wegstecken. Aber er erinnert sich auch an lichte, unbeschwerte Momente. Mit den vielen Gleichaltrigen, deren Familien wie seine aus den ehemaligen Ostgebieten vor der Roten Armee geflohen waren. Die Kinder streiften durch die Bunkeranlagen, sammelten Schrott, um sich ein paar Groschen zu verdienen, erlebten Freundschaft. Und dann war da seine Mutter. „Sie war mein Anker“, sagt er. Als sie eines Tages verschwand, verlor er den Boden unter den Füßen.Kurbjuweit hat als Starkstromelektriker gearbeitet, war viele Jahre Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Hameln. Im Oktober wird er 80. Wenn er davon erzählt, wie seine Mutter ihn und die beiden Geschwister alleinließ, ohne ein Wort, spürt man, dass manche Enttäuschungen nie ganz verheilen. Für den 13-Jährigen war ihr Auszug der Anfang einer Katastrophe, nach der nichts mehr blieb, wie es war.Bald zog eine neue Frau mit zwei Mädchen in die Baracke. Der Teenager konnte nicht mit ihr. Einmal brach es im Streit aus ihr heraus: „Du gehörst hier nicht her!“, rief sie: „Das ist gar nicht dein Vater!“Der Junge war außer sich, fuhr zu seiner Oma. „Ist das wahr?“ Zum ersten Mal hörte er von dem griechischen Zwangsarbeiter, in den sich seine Mutter im Sudetenland verliebt hatte und der sein Vater war.Jack-Peter Kurbjuweit ist einer von zahllosen Kindern aus Beziehungen, die während des Zweiten Weltkrieges zwischen deutschen Frauen und Zwangsarbeitern sowie Kriegsgefangenen entstanden sind. Diese Liebschaften waren streng verboten, wurden als „GV-Verbrechen“ – „Geschlechtsverkehr-Verbrechen“ – verfolgt. Die Strafen für die Frauen reichten von Gefängnishaft bis zur Einweisung ins Konzentrationslager. Hatten die Frauen den an der Front kämpfenden Mann mit einem Russen betrogen, drohte die Todesstrafe. Lesen Sie auchNach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ wurden laut Schätzungen mehr als 900.000 Frauen Opfer von Vergewaltigungen durch die „Befreier“. Doch es gab auch zahlreiche Liebesbeziehungen. Die intime Verbindung zum ehemaligen Kriegsgegner wurde nicht mehr strafrechtlich verfolgt, gesellschaftlich geächtet blieb sie dennoch. Historiker schätzen die Zahl der Mädchen und Jungen, die aus Verhältnissen zu Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und zu alliierten Soldaten hervorgegangen sind, auf rund 400.000. So wie ihre Mütter litten auch sie unter Ausgrenzung und Stigmatisierung, wurden als „Amibankert“, „Russenbalg, „Franzosenbastard“ beschimpft und oft verprügelt. Lange waren die Lebensgeschichten der „Kinder des Feindes“ ein Tabu. Erst seit einigen Jahren sind sie auch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Zu den wichtigsten Projekten gehört die Dokumentation, die unter dem Titel „Trotzdem da!“ in der niedersächsischen Gedenkstätte Sandbostel entstand. Einen lesenswerten Beitrag hat die Journalistin Monika Dittombée mit ihren gerade erschienenen Porträts geleistet („Schattenschicksale Lebenswege der Kriegskinder aus verbotenen Beziehungen – Geschichten des Überlebens“, Kösel) „Mich hat sehr berührt, wie viel Zeit und Emotion meine Protagonisten in die Suche nach ihren Vätern gesteckt haben“, sagt sie im Gespräch, „in einen Weg, auf den sie sich in der Mitte ihres Lebens gemacht haben, quer durch Europa und mit ungewissem Ausgang.“ Warum war dieser Vater so wichtig? Diese Frage war zentral für sie. Schließlich war es ein Mann, der sich nicht um sein Kind gekümmert hat, der zurück in sein Heimatland ging, weil er wollte oder musste. Der aber weder offen noch heimlich versucht hat, Kontakt mit der Frau aus Deutschland und dem gemeinsamen Kind zu halten. Was sich ihr offenbarte, war die Wucht der Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln: „zu wissen, wo man herkommt.“ Jack-Peter Kurbjuweit, den sie ebenfalls für ihr Buch befragte, war schon 50, als er sich auf die Suche nach seinem Vater machte. Sein Leben hatte trotz all der in der Kindheit erlittenen Hartherzigkeit einen guten Verlauf genommen. Zu seinem Stiefvater und seiner Frau kehrte er nicht mehr zurück. Er kam bei Freunden unter, lebte zeitweise bei der Großmutter. Er machte seine Ausbildung, heiratete, der Sohn wurde geboren.Lesen Sie auchSo wie bei allen Protagonisten, die Monika Dittmobée gesprochen hat, ist auch bei Kurbjuweit nichts von Resignation zu spüren. Im Gegenteil: So wie er haben sich alle Interviewten sozial oder bildend im Beruf oder ehrenamtlich engagiert. „Vielleicht zählt auch das zu einem emotionalen ,Erbe‘, anderen zu helfen, da man selbst mal Hilfe gebraucht hätte“, vermutet die Autorin. Möglich, dass es half, Traumata zu überwinden, Resilienz zu entwickeln.Kurbjuweits Beziehung zu seiner Mutter blieb belastet. Über den Vater wurde wenig gesprochen. Von der Oma hatte er erfahren, dass seine Eltern sich im Frühjahr 1945 verloren haben, als die Deutschen rasch das Sudetenland verlassen mussten. Sie hätten seinen Vater vergeblich gesucht. Im Westen lernte die Schwangere Kurbjuweits Stiefvater kennen. Mit seiner Mutter sprach er kaum über den leiblichen Vater. Erst kurz vor ihrem Tod 1971 gab sie ihm einen Zettel. Darauf standen die Namen von drei griechischen Brüdern, die als Zwangsarbeiter ins Sudetenland gebracht worden waren. Kurbjuweit las zum ersten Mal den Namen seines Vaters. Es war der älteste der drei: Pietro Dolcetti.„Mehr als zwei Jahrzehnte wollte ich mich mit dem Thema nicht beschäftigen“, sagt er. Aber dann, 1995, als er und seine Frau wieder in Griechenland Urlaub machten und eine Dose mit seinen Lieblingswaffelröllchen namens „Caprice“ öffnete, fiel ihm zum ersten Mal ein rosa Zettel auf: „Dolcetti“ stand darauf. „Wir wussten nicht, dass es das italienische Wort für Süßigkeiten ist. Wir fragten uns plötzlich: Könnte mein Vater noch leben?“ Kurbjuweit war plötzlich entflammt für die Vorstellung, seine Wurzeln kennenzulernen. Er recherchierte im Internet, nahm Kontakt mit dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes auf. Erfolglos. Schließlich fand er vier „Dolcetti“-Adressen im Raum Athen. Mithilfe einer befreundeten Psychologin formulierte er einen Brief, in dem er sich als Sohn von Pietro Dolcetti vorstellte. „Ich fragte so zurückhaltend wie möglich nach Verbindungen“, sagt er. „Ich wollte in der anderen Familie ja keine Unruhe auslösen.“ Nach einem Jahr kam Antwort – von einem Cousin. Die Familie freue sich, ihn kennenzulernen, schrieb er. Wo Pietro sei, wüssten sie nicht. Der Kontakt sei abgebrochen.Lesen Sie auchKurbjuweit wäre am liebsten gleich losgefahren. Zur ersten persönlichen Begegnung kam es aber erst im nächsten Urlaub. Es war wie ein Wunder. „Ich wurde von Anfang an herzlich aufgenommen“, sagt er. Als er erzählte, dass sein Sohn Kapitän werden wolle, erfuhr er, dass der griechische Großvater als Kapitän Lastschiffe von Genua nach Piräus gefahren habe. War da eine genetische Prägung? Die Treffen fühlten sich wie eine Erlösung an, sagt er. Endgültig aufgenommen wurde er, als sie mit 20 Verwandten ein traditionelles Osterfest auf Andros feierten, mit einem über dem Feuer gegrillten Lamm, griechischen Tänzen und viel Ouzo.Mit seinem Onkel Takis fuhr er nach Tschechien, ins ehemalige Sudetenland. Es war eine emotionale Reise zu den Schauplätzen der Verbrechen, die die Nazis an den Dolcetti-Brüdern wie den unzähligen anderen Zwangsarbeitern verübt hatten. Kurbjuweit erfuhr, dass seine Mutter als Chefsekretärin bei der Betriebskrankenkasse der Hermann-Göring-Reichswerke die Freilassung der Brüder aus dem Zwangsarbeiter-Lager erwirken konnte und ihnen so vermutlich das Leben rettete.Aber wo war der Vater? Die Verwandten sagten, sie wüssten nicht, wo er sei. Bei Kurbjuweit wuchs die Anspannung. „Da war immer das Gefühl: Ich muss es schaffen, ihn noch zu treffen.“ Er hatte diesen Film Kopf, wie es sein würde, wenn er die Adresse bekomme. Wie er den Computer anschalten, den Ort suchen, schauen würde, ob er einen Flug- oder ein Bahnticket besorgen müsste.Lesen Sie auchAm 24. Dezember 2000 klingelte gegen elf Uhr das Telefon. Es war Onkel Takis. „Hast du was zum Schreiben?“ Die Adresse war aufgetaucht. Seine Frau riet, doch vorher anzurufen. „Ich fuhr aber einfach los, so wie in meinem Film“, sagt Kurbjuweit. Am Abend hielt er vor einem Haus in Kandern nahe der schweizerischen Grenze. Wenige Minuten später stand er vor einem alten Mann, der gerade Kamillendampf inhalierte: „Ich bin Jack-Peter, dein Sohn“. Er nahm ihn in den Arm.Pietro Dolcetti lauschte anfangs leicht verunsichert. Dann fragte er nach Kurbjuweits Mutter, berichtete aus seinem turbulenten Leben. „Als ich am nächsten Morgen wieder nach Hameln fuhr, trug er mir auf, vorsichtig zu fahren.“ Der Vater war schon vom Krebs gezeichnet. Zwei Jahre hatten sie noch. Was bleibt, sagt er, sei die Familie in Griechenland. Und das Glück, mit ihrer Geschichte so viel über die eigenen Wurzeln erfahren zu haben. Jetzt weiß er, wohin er gehört.Jack-Peter Kurbjuweit: Das ist doch gar nicht dein Vater! (BoD)
Besatzungskinder: „Du gehörst nicht hier her!“ - WELT
Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen rund 400.000 Kinder aus Beziehungen zu Zwangsarbeitern oder Alliierten in Deutschland auf, meist stigmatisiert – und vaterlos. Ein Betroffener erzählt vom Leben mit einem Tabu und der Suche nach den eigenen Wurzeln.







