PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenKölner BierDas Kölsch, das aus den Bergen kommtVeröffentlicht am 15.08.2025Lesedauer: 6 MinutenIn diesen Kesseln wird ausschließlich Kölsch produziert. Tina Haas und Sebastian Brack in der Bielsteiner BrauereiQuelle: Andreas FaselIn Köln verschwinden nach und nach die kleinen Brauereien. Und nun drängelt sich auch noch ein Familienbetrieb aus dem Bergischen Land in das schrumpfende Geschäft mit der rechtlich geschützten Biersorte. Und alle fragen: Dürfen die das überhaupt?Köln ist weit weg, wenn man die Autobahn A 4 an der Ausfahrt Wiehl verlässt. Vom Dom ist hier, zwischen den Hügeln des Bergischen Lands, nichts mehr zu sehen. Nur noch Wald. Dann, bei der Durchfahrt durch das Örtchen Bielstein, blitzen die großen, blendend weißen Quader eines Firmenkomplexes auf. An der Fassade prangt ein ovales Schild. Darauf steht in großer schwarzer Frakturschrift: Zunft. Darunter in Rot: Kölsch.Kölsch, so heißt es in Köln, sei die einzige Sprache, die man auch trinken kann. Merksatz Nummer zwei zu diesem in obergäriger Brauweise hergestellten Bier, das in der Domstadt den Status eines Grundnahrungsmittels hat: Kölsch muss aus Köln kommen. Kölsch – das sind Marken wie Reissdorf, Früh, Gaffel, Mühlen, Päffgen, Sünner und etliche mehr, die an den Brauhaus- und Kneipenfassaden der Stadt allgegenwärtig sind. Und Zunft? Kennt in Köln kaum jemand. Noch – so sagen jedenfalls die Macher von Zunft-Kölsch. Denn die wollen mit ihrem Produkt künftig auch in der Domstadt mitmischen. Mit einigen Restaurants hat man bereits Verträge, weitere sollen folgen. Mit den Kölner Großhändlern ist man im Gespräch. Zunft-Chefin Tina Haas sitzt fröhlich lächelnd hinter ihrem Schreibtisch, amüsiert über die Mischung aus Verwunderung und Empörung, die ihr oft entgegenschlägt, wenn Kölner feststellen, dass fünfzig Kilometer vom Dom entfernt Kölsch gebraut wird. Haas, 41 Jahre alt, studierte Psychologin, Mutter von zwei Kindern, hat sich vor zehn Jahren entschlossen, ins Familienunternehmen einzusteigen. Sie führt die Bielsteiner Erzquell-Brauerei in der fünften Generation. Um sicherzugehen, in welchem Verwandtschaftsverhältnis sie zum Gründer steht, zählt sie die Vorfahren an den Fingern ab. Ergebnis: „Mein Ur-Ur-Opa war es, der hier um 1900 mit dem Bierbrauen angefangen hat.“Irgendwann in den 1950er-Jahren sei zur Marke Bielsteiner Pils das Zunft-Kölsch hinzugekommen, erzählt sie. Wann genau das war, wisse sie nicht. Eine Firmenchronik müsse endlich einmal geschrieben werden, ein Job, den sie eigentlich ihrem Vater Axel Haas übertragen hat, 80 Jahre alt und ihr Vorgänger in der Brauerei-Leitung. Doch der lässt sich Zeit.Wichtig an dieser Geschichte ist aber vor allem dies: Zunft-Kölsch gab es schon lange, bevor im Jahr 1985 eine rechtlich bindende Vereinbarung mit dem staatstragenden Titel „Kölsch-Konvention“ aufgesetzt wurde. Darin wurde festgeschrieben, dass fortan nur noch jenes Bier als Kölsch bezeichnet werden durfte, das in Köln gebraut wurde. Als Ausnahmen waren einige wenige Brauereien aus dem Umland dabei, die bereits vor 1984 Kölsch hergestellt hatten, sie bekamen Bestandsschutz zugesichert. Doch von diesen Exoten sind nur zwei übrig: eine kleine Privatbrauerei, die direkt vor den Toren der Stadt steht. Und eben die Erzquell-Brauerei, die mit ihrem Zunft-Bier über lange Zeit fast ausschließlich die Kölsch-Freunde östlich von Köln versorgte – ein Absatzgebiet, das nicht zu unterschätzen ist: Zunft wird im Oberbergischen, im Rheinisch-Bergischen sowie im Rhein-Sieg-Kreis ausgeschenkt, dort hat man auf Schützenfesten, Karnevalsfeiern und in Kneipen die Vormachtstellung inne. Dazu kommt, dass die Brauerei an einem zweiten Standort im Siegerland auch ein Bier nach Pilsener Art herstellt – als einzige Kölsch-Brauerei überhaupt. Dieses Kuriosum erweist sich jetzt, in einem insgesamt schrumpfenden Biermarkt, als Vorteil im Konkurrenzkampf.In den 2000er-Jahren beteiligte sich der Betrieb aus dem Bergischen eine Zeit lang auch am Lohnbrauerei-Geschäft, man produzierte andere Kölsch-Marken – im Auftrag von Brauereien, die aufgeben mussten. Denn die Kölsch-Konvention aus den 80er-Jahren mag zwar als Schutzschild für den Begriff Kölsch funktioniert haben. Doch die auch in Köln Ende der 1990er-Jahre einsetzenden Konzentrations- und Verdrängungsprozesse unter den Brauereien konnte sie nicht aufhalten. Der bundesweit rückläufige Bierkonsum tat sein Übriges: Eine Markenübernahme folgte auf die nächste. Vollends unübersichtlich wurde das Geschehen, als Anfang der 2000er die Dortmunder Brau und Brunnen in Köln aktiv wurde – und später die zum Dr.-Oetker-Konzern gehörende Radeberger Gruppe. Die bündelte 2011 ihre Kölner Aktivitäten und ihre diversen Kölsch-Marken in einem „Haus Kölscher Brautradition“ – doch 2019 war auch damit Schluss, nun übernahm der bekannte Kölsch-Brauer Früh die Produktion für Radeberger.Die Bilanz all dieser Verwerfungen: Von einst 24 Kölsch-Brauereien, die vor 40 Jahren die Kölsch-Konvention unterschrieben haben, sind nur noch fünf übrig. Die vorerst letzte Kapitulation wurde vor wenigen Wochen von der traditionsreichen Brauerei Malzmühle verkündet. Deren Eigentümerfamilie gab ihre bislang für unantastbar gehaltene Kölsch-Marke Mühlen an den Konkurrenten Gaffel ab. Eine Überraschung selbst für Branchenkenner.Mittlerweile kann kaum noch jemand mit Gewissheit sagen, welche Kölsch-Marke an welcher Brau-Stätte produziert wird. Genau diese Situation möchte sich die Zunft-Chefin Tina Haas zunutze machen. Den Makel, eine Provinzmarke zu sein, will sie in einen Vorteil ummünzen. Die Idee: Zunft als das Kölsch zu vermarkten, über dessen Herkunft es eben keine Zweifel gibt – Zunft kommt aus der Brauerei, auf der Zunft draufsteht, aus dem großen weißen Kasten in Wiehl-Bielstein. „Wir stehen für die Tugenden des Bergischen Landes: geradeheraus und ehrlich“, sagt Haas. An der neuen Strategie arbeitet neben Haas ein zweiter Geschäftsführer, den sie im vergangenen Jahr eingestellt hat: Sebastian Brack. Der 44-Jährige ist in der Branche kein Unbekannter: Er brachte mehrere Getränke-Start-ups an den Markt – darunter die Tonic-Marke „Thomas Henry“, die sich mittlerweile als größter Konkurrent des Platzhirschs Schweppes etabliert hat. Brack weiß also, wie man ein vermeintliches Nischenprodukt aus dem Schatten holt. „Mit dem Zunft-Kölsch treffen wir den Zeitgeist“, sagt Brack, spätestens seit Corona hätten die Kölner das Bergische Land als Zufluchtsort entdeckt, „wo sie Auszeiten vom Getriebe und der Enge der Stadt nehmen“. Und die Biere der Erzquell-Brauerei stünden für die Nähe zu dieser bergischen Natur. Bestens ins Bild passe die eigene Quelle, die die Brauerei mit Wasser versorgt. „Das ist doch etwas anderes als das Kölner Wasser“, sagt Brack.Lesen Sie auchDie historischen Vorbilder für solche Ideen kennen die beiden natürlich genau, sie stammen ganz aus der Nähe. Die familiengeführten Pilsbrauer Veltins und Warsteiner im Sauerland sowie Krombacher im benachbarten Siegerland wurden in den Nachkriegsjahrzehnten groß, indem sie mit geschicktem Natur-Marketing („Felsquellwasser“) die Städte des Ruhrgebiets eroberten. Tina Haas lächelt, wenn sie auf den Vergleich mit diesen Branchengiganten angesprochen wird, und gibt sich bescheiden: „Köln ist im Biergeschäft mit seinen Kölsch-Brauern nur ein kleines gallisches Dorf, das versucht, Widerstand zu leisten gegen die großen Konzerne. Und wir sind innerhalb dieses gallischen Dorfs ein noch kleineres gallisches Dorf.“ Man wird sehen, wer in diesem Widerstandskampf den längeren Atem hat.afa
Bier: Wie eine Brauerei aus dem Bergischen Land den Kölsch-Markt aufmischen will - WELT
In Köln verschwinden nach und nach die kleinen Brauereien. Und nun drängelt sich auch noch ein Familienbetrieb aus dem Bergischen Land in das schrumpfende Geschäft mit der rechtlich geschützten Biersorte. Und alle fragen: Dürfen die das überhaupt?






