PfadnavigationHomeRegionalesHamburgMarihuana und MedikamenteCannabis, Tilidin, TikTok – Warum Jugendliche in gefährliche Suchtspiralen geratenVeröffentlicht am 13.08.2025Lesedauer: 8 MinutenQuelle: Getty Images/Yana IskayevaSie kiffen, schlucken Schmerzmittel oder flüchten in soziale Netzwerke – oft unbemerkt von ihrem Umfeld. Suchtexperte Rainer Thomasius warnt: Die neuen Drogenmuster unter Jugendlichen sind riskanter als je zuvor. Warum Prävention ausgerechnet jetzt versagt.Tagtäglich hat er mit Jugendlichen zu tun, die mit Cannabis angefangen haben und irgendwann auch zu immer härteren Drogen griffen. Gut ein Jahr nach dem Start des neuen Cannabis Gesetzes zieht Professor Rainer Thomasius, ehemaliger Leiter des Zentrums für Suchtfragen im Kindes- und Jugendalter (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), ein ernüchterndes, zum Teil erschütterndes Fazit. WELT: Aktuelle Studien zeigen: Jugendliche trinken und rauchen weniger, kaum einer kifft zu oft. Sie sagen, das sei nur die halbe Wahrheit. Warum? Rainer Thomasius: Das Problem, das wir mit der Erfassung sehr regelmäßig konsumierender Jugendlicher bzw. junger Konsumenten harter Drogen grundsätzlich haben, ist, dass sie in den Studien nicht auftauchen. In Schüleruntersuchungen fallen sie nicht selten komplett heraus, weil sie Schulabstinenzler sind, beziehungsweise auch über längere Zeit die Schule gar nicht mehr besuchen. In anderen Studien werden Haushalte befragt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man hier Heavy-User erfasst, halte ich für gering. Diese Jugendlichen sehen wir erst dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist, also in den Suchtberatungsstellen und -ambulanzen. Und auch hier handelt es sich um die Spitze des Eisbergs. Lediglich ein Bruchteil der riskant konsumierenden Jugendlichen sucht Beratung auf.Lesen Sie auchWELT: Sie sagen, das Cannabis-Gesetz sei gescheitert. Welche Gefahr sehen Sie im Besonderen?Thomasius: Die Ziele, mit denen das Cannabis-Gesetz im April 2024 umgesetzt wurde, lauteten: Wir wollen einen verbesserten Gesundheitsschutz, wir wollen die Prävention stärken, Drogenkriminalität eindämmen, Kinder- und Jugendschutz stärken und Anreize zur Ausweitung des Cannabiskonsums vermeiden. Zieht man heute ein vorläufiges Fazit, muss man sagen: All diese Ziele sind bislang verfehlt worden. Es heißt beispielsweise, die Prävention sei gestärkt worden. Das stimmt aber nicht, im Gegenteil. Zwar hat das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG) als Fachbehörde das Informationsangebot ausgebaut. Das größte verhaltensbezogene Präventionsprojekt „FreD“ (Frühintervention bei erst auffälligen Drogenkonsumenten) hingegen liegt lahm. WELT: Warum? Thomasius: Da der Polizei mit dem neuen Gesetz die Handhabe verloren geht, die cannabiskonsumierenden Jugendlichen zur Teilnahme am Präventionsprogramm zu verpflichten. Überdies wurden in vielen Städten, Gemeinden und Kommunen im vergangenen Jahr die Präventionsleistungen etwa aufgrund von Personalkostensteigerungen verringert. Zusätzlich führt die Verharmlosung von Cannabis, die mit der Normalisierung des Konsums einhergeht, dazu, dass die Gruppe gefährdeter junger Menschen größer wird. Das zeigen sehr aktuelle Analysen der Krankenkassen. Und das ist deshalb besonders alarmierend, weil diese riskant konsumierende Gruppe mit dem Cannabis in den Drogenmissbrauch einsteigt und im weiteren Verlauf den Cannabiskonsum teilweise mit anderen Substanzen ergänzt. Etwa Stimulanzien, Medikamente und Opioide und damit in besonders risikoreiche Verläufe abrutscht. Lesen Sie auchWELT: Wenn aber doch die Normalisierung von Cannabis dazu führt, dass immer weniger Jugendliche Cannabis konsumieren, ist das doch ein Erfolg. Oder nicht?Thomasius: Es ist nicht die Normalisierung, die zur Abnahme des Cannabiskonsums führte. Vielmehr zeigen Schüleruntersuchungen seit vielen Jahren einen Trend an. Der Großteil der Jugendlichen geht sehr viel verantwortungsbewusster mit Tabak, Alkohol und Cannabis um als es noch vor zehn Jahren der Fall war. Ob es Konsumsteigerungen etwa bei den jungen Erwachsenen gibt, ist momentan noch sehr schwierig zu beurteilen. Die Datenlage ist international unterschiedlich, zum Teil auch widersprüchlich. Eindeutig ist, das zeigen Studien aus Ländern, in denen eine Teillegalisierung bereits umgesetzt wurde, also in verschiedenen Bundesstaaten der USA und in Kanada etwa, dass mit einer deutlichen Steigerung des Konsums auch die Krankheitslast zunimmt und die Notfall- und Krankenhausbehandlungen zunehmen, auch bei den Jugendlichen. WELT: Was bedeutet das konkret?Thomasius: Diese Studien zeigen, dass die „Cannabis-Use-Disorders“, also alle ungünstigen Auswirkungen durch Cannabiskonsum in den USA mit der Legalisierung bei den Jugendlichen um 25, bei den jungen Erwachsenen um 38 Prozent zugenommen haben. Das sind in erster Linie Cannabisabhängigkeiten und Intoxikationen infolge übermäßigen Konsums, aber auch Psychosen, die über Cannabis ausgelöst werden. Wir sind bisher davon ausgegangen, dass das Risiko für Cannabis konsumierende Jugendliche eine Psychose zu erleiden gegenüber nicht-konsumierenden Gleichaltrigen um den Faktor 3 bis 4 erhöht ist. Aktuelle Untersuchungen aus Kanada zeigen nun, dass die Wahrscheinlichkeit um das zehn- bis 20-fache höher liegt. Hinzu kommt: Früher Cannabiskonsum hat Auswirkungen auf die Hirnentwicklung, bei überregelmäßigem Konsum kann er zu Intelligenzverlusten und Verringerungen des Hirnvolumens führen.Wenn die Hausapotheke den Dealer ersetztWELT: Seit der Corona-Pandemie steigt unter Jugendlichen der Schmerzmittel-Missbrauch. Offensichtlich haben sie Mittel für sich entdeckt, zu dem sie über ihr Umfeld Zugriff haben.Thomasius: Das stimmt. Teenager betäuben sich in Kombination mit Alkohol und Cannabis zunehmend mit starken Beruhigungsmitteln wie Valium und Dormicum oder Schmerzmitteln wie Tilidin und Tramadol. Diesen Trend müssen wir im Blick behalten und genauer untersuchen. Auch hier ist die Datenlage ausgesprochen schlecht. In Schüler- und Jugenduntersuchungen sowie den Kodierungssystemen der medizinischen Versorgung werden die Medikamentengruppen hierzulande unscharf abgebildet. WELT: Das heißt, die Bezeichnung ist viel zu ungenau?Thomasius: Genau. Die Kategorie der Schmerzmittel zum Beispiel ist pharmakologisch sehr breit gefächert. Da geht es bei Paracetamol los, geht über die Antiphlogistika wie Diclofenac, das etwa in der Rheumatherapie eingesetzt wird, bis hin zu Opioiden, die bei chronischen Tumorschmerzen verordnet werden. Auch Fentanyl ist hierzulande längst in der Szene angekommen. Wir sehen auch, dass der nicht ärztlich verordnete Konsum von Benzodiazepinen, kurz „Benzos“ genannt, Medikamente, die zur Behandlung von Angstzuständen und Schlafstörungen verschrieben werden, deutlich zunimmt. Weiterhin sind Stimulanzien, etwa das Methylphenidat auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Hierbei handelt es sich um eine Medikamentengruppe, die zur Behandlung des ADHS verordnet wird. Manche Jugendliche, deren Suchtentwicklung mit dem Cannabis begonnen hat, ergänzen ihren Konsum mit ebendiesen Medikamenten. Werden Cannabis, Alkohol, Benzodiazepine und Opioide gleichzeitig eingenommen, kann der Atemstillstand eintreten, da die Stoffe auf das Atemzentrum im Gehirn lähmend einwirken. Das erklärt unter anderem, warum die Drogentodesstatistik weiterhin Steigerungsraten aufweist.Ich bin kritisiert worden, weil ich mich über die Klientel hier im UKE geäußert und gesagt habe, dass in etwa zeitgleich mit der Cannabis-Legalisierung der Anteil der Heroin-konsumierenden Jugendlichen angestiegen ist.WELT: Sie sind kürzlich hart kritisiert worden, auch von Fachkollegen, weil sie eine Entwicklung beschrieben haben, die Sie in Zusammenhang gebracht haben mit dem neuen Cannabis Gesetz. Sie berichteten von Jugendlichen, die Heroin konsumieren. Thomasius: Ich bin kritisiert worden, weil ich mich über die Klientel hier im UKE geäußert und gesagt habe, dass in etwa zeitgleich mit der Cannabis-Legalisierung der Anteil der Heroin-konsumierenden Jugendlichen angestiegen ist. Und zwar in einem Umfang, wie wir es seit 30 Jahren nicht gesehen haben. Ich kann nicht ausschließen, dass diese zeitliche Korrelation von der neuen Cannabisgesetzgebung unabhängig ist. Die Gesundheitsbehörde in Hamburg hält dagegen und auch manche Kollegen. Sie verweisen etwa darauf, dass in den Schüleruntersuchungen der Cannabisgebrauch rückläufige Trends erkennen lässt. Opiat- und Opioid-missbrauchende Jugendliche finden in Schüleruntersuchungen jedoch keinen Niederschlag. Aus Gründen, die ich bereits eingangs erklärt habe. Und so bleibe ich bei der Aussage, dass die Konsummuster gerade durch die Ergänzung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten in den Risikogruppen – und keine andere habe ich damit je gemeint – deutlich riskanter geworden sind. Wir haben sogar schon Todesfälle bei ehemaligen Patienten im Alter von 14 und 15 Jahren beobachtet. Sie sind rückfällig geworden und haben dann wieder Heroin konsumiert.Lesen Sie auchWELT: Gleichzeitig kommen immer mehr Jugendliche in ihre Einrichtung, weil sie online süchtig sind. Dabei handelt es sich um eine völlig neue Konsumentengruppe. Inwiefern? Thomasius: Weil sie ein völlig anderes psychologisches Profil aufweisen. Wir dokumentieren am DZSKJ jährlich etwa 1600 Behandlungsfälle, davon weisen mittlerweile 500 medienbezogene Störungen auf. Die Substanzabhängigen sind in Peer-Gruppen involviert, sie sind kommunikativ und extrovertiert und zeigen zum Teil erhebliche Verhaltensauffälligkeiten. Jene, die in übermäßigen Medienkonsum abrutschen, sind eher stille, phobische, isolierte Jungen und Mädchen, welche große Probleme mit der Selbstwertregulation haben und unter einem negativen Selbstbild leiden. Der problematische Medienkonsum trägt dazu bei, dass sie in schulischen Leistungen abrutschen, die Freizeitinteressen aufgegeben und sich Familienkonflikte mehren. Die aktuelle Hamburger Schüleruntersuchung zeigt: Gemäß der Compulsive Internet Use Scale (CIUS) kann das Nutzungsverhalten in Bezug auf Social-Media von einem Viertel aller Jugendlichen heutzutage als problematisch eingestuft werden. Das bedeutet gegenüber dem Jahr 2021 (acht Prozent) eine Verdreifachung.Prävention wird auf Schulen abgewälztWELT: Sie vertreten den Standpunkt, dass der Flickenteppich an projektbezogenen Aufklärungskampagnen nicht effektiv genug ist. Dabei haben diese doch, zumindest was den Tabak- und Alkoholkonsum bei Jugendlichen angeht, ihr Ziel erreicht. Thomasius: Der in Deutschland für die Zielgruppe der Jugendlichen erfolgreichen Tabak- und Alkoholprävention liegen jahrzehntelange Bemühungen in Gesetzgebung und Angebotskontrolle sowie auf vielen Ebenen der Verhaltensprävention zugrunde. Dieser Umstand lässt sich auf andere Suchtgefahren nicht übertragen. Wir wälzen das Thema Suchtprävention gerne auf die Schulen ab. Dabei wissen wir, dass sie bereits einen randvollen Lehrplan zu erfüllen haben. Anstelle einzelner Präventionsprojekte bräuchte es ein eigenes Schulfach „Gesundheit“, beginnend in der Grundschule und sich erstreckend über Sekundarstufe 1 bis in Sekundarstufe 2, durchgeführt von Fachleuten. Hier müssten Bewegung, gesunde Ernährung, Medienkompetenz und soziale Kompetenz systematisch und altersgerecht vermittelt werden mit dem Ziel, die Resilienz und Lebenskompetenz der Kinder zu stärken. Hier hätte auch die Suchtprävention einen angemessenen Platz. Klar ist: Problematischer Medienkonsum stellt inzwischen ein eigenständiges, großes Risiko für die mentale Gesundheit der jüngsten Mitglieder in unserer Gesellschaft dar. Die bisherigen Ansätze reichen bei Weitem nicht aus, um diese Gefahr in den Griff zu kriegen.Eva Eusterhus berichtet seit 2006 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg.
Cannabis, Tilidin, Fentanyl: Warum immer mehr Jugendliche in gefährliche Suchtspiralen geraten - WELT
Sie kiffen, schlucken Schmerzmittel oder flüchten in soziale Netzwerke – oft unbemerkt von ihrem Umfeld. Suchtexperte Rainer Thomasius warnt: Die neuen Drogenmuster unter Jugendlichen sind riskanter als je zuvor. Warum Prävention ausgerechnet jetzt versagt.








