PfadnavigationHomePolitikAuslandKrieg in NahostIsrael will vollständige Kontrolle über Gaza, kündigt Netanjahu an – Hamas droht mit „hohem Preis“Veröffentlicht am 08.08.2025Lesedauer: 4 MinutenIsrael will Ministerpräsident Netanjahu zufolge die Kontrolle über den ganzen Gaza-Streifen übernehmen. In einem Interview betonte Netanjahu, Israel wolle das Gebiet nicht dauerhaft besetzen, sondern es von der Hamas befreien, um es schließlich anderen Kräfte zu übergeben. Max Hermes berichtet aus Tel Aviv.Israel will nach Darstellung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Kontrolle über den ganzen Gazastreifen übernehmen. Man wolle das Gebiet jedoch nicht dauerhaft halten. Die Hamas erklärt, Israel opfere die Geiseln.Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat erstmals öffentlich bestätigt, dass Israel die vollständige Kontrolle über den gesamten Gazastreifen übernehmen will. Anschließend solle er an „arabische Kräfte“ übergeben werden, die den Küstenstreifen „ordnungsgemäß regieren“ würden. „Wir haben die Absicht“, sagte Netanjahu dem Sender Fox News am Donnerstag auf die Frage, ob Israel die Kontrolle über den gesamten Gazastreifen übernehmen werde. „Wir wollen ihn nicht behalten. Wir wollen eine Sicherheitsgrenze haben. Wir wollen ihn nicht regieren“, fügte er hinzu. Vorgesehen sei, das Küstengebiet arabischen Streitkräften zu übergeben, „die es ordnungsgemäß regieren, ohne uns zu bedrohen“, und die der Bevölkerung „ein gutes Leben“ ermöglichten. In einer ersten Reaktion drohte die islamistische Hamas Israel im Falle einer vorübergehenden Kontrolle des Gebiets mit Konsequenzen. Die israelische Armee werde dafür einen „hohen Preis“ zahlen, hieß es in einer Stellungnahme der Terrororganisation. Details nannte die Hamas nicht. Sie erklärte, der Gazastreifen sei „immun gegen Besatzung und Vormundschaft von außen“.Die Hamas warf der israelischen Führung vor, die noch immer im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln zu opfern. Nach israelischer Einschätzung befinden sich derzeit noch 50 Geiseln in der Gewalt der Hamas und anderer Extremistengruppen, von denen etwa 20 noch am Leben sein sollen.Über eine vollständige Einnahme des Streifens war seit Tagen spekuliert worden. Am Dienstag berichteten Medien über Pläne Netanjahus, sich Rückendeckung des Kabinetts und der Militärführung zu holen. Das Nachrichtenportal „ynetnews.com“ zitierte einen Netanjahu nahestehenden Offiziellen wie folgt: „Die Würfel sind gefallen – wir beabsichtigen, den Gazastreifen vollständig zu besetzen.“Die Vereinten Nationen (UN) hatten solche Pläne als „zutiefst alarmierend“ bezeichnet. „Das Völkerrecht ist in dieser Hinsicht eindeutig: Der Gazastreifen ist und muss ein integraler Bestandteil des künftigen palästinensischen Staates bleiben“, hatte der stellvertretende UN-Generalsekretär Miroslav Jenca gesagt. Die Einnahme des ganzen Gazastreifens durch Israel könne katastrophale Folgen haben und das Leben der verbliebenen Geiseln in Gaza weiter gefährden.US-Präsident Donald Trump hatte sich am Dienstag nicht zu den Überlegungen von Netanjahu äußern wollen. Er könne dazu „wirklich nichts sagen. Das wird weitgehend von Israel entschieden“, hatte er erklärt. Die USA sind der wichtigste militärische Unterstützer Israels. Trump hatte Anfang des Jahres eine Übernahme des Gazastreifens durch die USA vorgeschlagen. Die Idee war von vielen arabischen Staaten, den Vereinten Nationen, den Palästinensern und Menschenrechtlern abgelehnt worden.Berichte: Israels Generalstabschef gegen vollständige Gaza-BesetzungInnerhalb der israelischen Führung soll es aber auch Kritik am Vorgehen Netanjahus geben. So hat sich der israelische Generalstabschef Ejal Zamir laut israelischen Medienberichten gegen eine vollständige Besetzung des Gazastreifens ausgesprochen. Demnach warnte er vor einer Gefährdung der noch in der Gewalt von Extremisten verbliebenen Geiseln und einer Zunahme der Belastung für das Militär, das seit dem von der Hamas angeführten Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 im Gazastreifen Krieg führt. Am Donnerstagabend begann eine Sitzung des israelischen Sicherheitskabinetts. Aus israelischen Sicherheitskreisen verlautete vorab, es werde eine ausführliche Debatte und die Genehmigung eines Militärplans erwartet, alle Teile des Palästinensergebiets zu erobern, die noch nicht unter israelischer Kontrolle seien. Was auch immer in der Sitzung beschlossen werde, werde schrittweise umgesetzt, um den Druck auf die militant-islamistische Hamas zu erhöhen. Proteste gegen Netanjahus Pläne In der israelischen Bevölkerung selbst stößt Netanjahus Ankündigung auch auf Widerstand. So demonstrierten tausende Menschen in Jerusalem und Tel Aviv sowie weiteren israelischen Städten gegen die von der Regierung geplante Ausweitung der Kämpfe in Gaza. In Jerusalem versammelten sich Demonstranten vor dem Amtssitz von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Sie forderten ein Abkommen, in dessen Zuge die noch immer festgehaltenen Geiseln freigelassen werden sollen. Die Mutter einer Geisel sagte einem Bericht des Portals „ynet“ zufolge: „Die Regierung muss ein umfassendes Abkommen auf den Tisch legen, das alle 50 Geiseln nach Hause bringt, um den Krieg im Austausch für die letzte Geisel zu beenden.“ Eine andere Demonstrantin sagte: „Eine Ausweitung der Kämpfe ist eine tödliche Gefahr - schaut uns in die Augen, wenn ihr die Geiseln opfert.“ Mehrere Angehörige ketteten sich vor Netanjahus Amtssitz aneinander, wie auf Videoaufnehmen zu sehen war. Andere Demonstranten versammelten sich um eine große, entfaltete israelische Flagge, auf der Bilder der im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln aufgedruckt waren.dpa/AP/rct/lay/rtr/jho