PfadnavigationHomeSonderthemenNachhaltige LogistikSchnell, wendig, umweltschonend: Die Zukunft ist elektrischVeröffentlicht am 04.08.2025Lesedauer: 6 MinutenDer „Bücherfrosch“ des Rostocker Händlers „andere buchhandlung“ kann bis zu 240 Kilogramm Zuladung transportieren, Fahrer inklusiveQuelle: BücherfroschOb Tischler, Buchhändler oder Schornsteinfeger: Gewerbetreibende setzen zunehmend auf E-Mobilität. Künstliche Intelligenz bestimmt die Logistik.Ein Sommertag vor zwölf Jahren. In der Düsseldorfer Altstadt sollte Tischlermeister Dirk Schmidt ein Türschloss einbauen. „Es war ein Mittwochnachmittag“, erinnert sich der heute 59-Jährige. „Da hat man mit dem Auto keine Chance, staufrei von unserer Werkstatt in die Innenstadt zu kommen.“ Also lud Schmidt den Werkzeugkoffer kurzentschlossen auf sein Trekkingrad. Für ihn war das ein Wendepunkt in seiner Werkstattlogistik. Kurz darauf kaufte er sein erstes Lastenrad, heute stehen vor seiner Firma vier elektrisch angetriebene Lastenräder. Ob Schornsteinfeger in Berlin oder Rohrreiniger in Köln: Das E-Lastenrad wird bei Gewerbetreibenden immer beliebter. Paketdienstleister schicken ihre Mitarbeiter auf der „letzten Meile“ ebenfalls verstärkt mit dem umweltfreundlichen Verkehrsmittel auf Tour. Auch dort, wo das Rad nicht das Mittel der Wahl ist, wird die Mobilität zunehmend elektrisch – und die Logistik immer effizienter.Mehr als 10.000 Kilometer pro Jahr legen Schmidt und sein Team auf den dänischen Rädern mit dem tiefliegenden Schwerpunkt zurück. „Damit sind wir im Nahbereich bis zu zwölf Kilometer schneller als mit dem Auto“, sagt der Tischlermeister. „Vor allem, weil die nervige Parkplatzsuche entfällt. So können wir einen Auftrag mehr pro Tag schaffen.“ Außerdem seien Wartung und Versicherung viel günstiger. Müssen Schränke oder Fensterrahmen transportiert werden, nutzt Schmidt nach wie vor einen Transporter. „Aber für 200 Schrauben muss ich nicht mit einem Zweitonner fahren.“ Kürzere Strecke, kleineres Fahrzeug„Wir orientieren uns nach unten“, sagt der Rostocker Buchhändler Manfred Keiper. Je geringer der Lieferumfang und je kürzer die Strecke, umso kleiner das eingesetzte Fahrzeug. Während der Coronazeit, als niemand seine „andere buchhandlung“ betreten durfte, brachte Keiper bestellte Bücher mit dem Fahrrad zu seinen Kunden. Das alte Lastenrad ohne E-Antrieb hat er unterdessen abgegeben. „Zu voluminös für die schmalen Straßen rund ums Geschäft – und zu anstrengend.“ Selbst im flachen Küstenland gehe es teils ganz schön bergan. Heute nutzt Keiper zur Belieferung von Privatkunden, Bibliotheken und Uni-Instituten oft einen wendigen E-Carrier. „Kleines Versicherungskennzeichen, große Wirkung“, sagt er. Der auffällige grüne „andere Bücherfrosch“ gestattet ihm 240 Kilogramm Zuladung, Fahrer inklusive. Das ist genug für die meisten innerstädtischen Touren, nur für die Paletten mit den Schulbüchern reicht es nicht.Die Transformation der letzten Meile sei ein stetiger Prozess, sagt Marco Schlüter, Chief Operations Officer von Hermes Germany. Um seine City-Logistik nachhaltig zu gestalten, startete der Paketlogistiker vor vier Jahren das Projekt „Green Delivery Berlin“. Zunächst wurde in einzelnen Stadtteilen und dem Regierungsviertel auf Elektrofahrzeuge umgestellt, mittlerweile werden die Pakete fast im ganzen inneren S-Bahn-Ring CO2-frei zugestellt. Bis Ende 2025 will Hermes in 80 großen deutschen Innenstädten auf der letzten Meile elektrisch unterwegs sein.Eine allgemein gültige Lösung für alle Städte gebe es dabei nicht. Der Einsatz von Lastenrädern sei „erst ab einer bestimmten Größe wirtschaftlich sinnvoll“, so Schlüter. In Berlin nehme die Radlogistik mit derzeit 50 Lastenrädern eine besondere Rolle ein. Der Großteil könne von einer Zustellbasis im Stadtteil Schöneberg aus starten, zudem nutze man ein von der Bahntochter DB InfraGo betriebenes Mikrodepot. Die Paketzustellung per Rad habe viele Vorteile: Die Wege seien kürzer, Staus könnten umfahren werden. In Städten und Ballungsgebieten stehe man täglich vor Herausforderungen, „sei es in Bezug auf Einfahrverbote für Transporter, fehlende Halte- und Parkmöglichkeiten oder angesichts verstopfter Straßen“. Auf langen Strecken in ländlichen Gebieten sieht Schlüter die begrenzte Reichweite von E-Fahrzeugen als Hemmnis. Es brauche „die Forschung an Feststoffbatterien, schnelleren Ladetechnologien und einer intelligenten Integration von E-Fahrzeugen ins Stromnetz“, um die Transformation zu beschleunigen. Hermes selbst erprobe neue Fahrzeugtypen, nehme an Pilotprojekten teil.Lebensmittel per LastenradAuch beim Familienunternehmen Dachser hat man ein Pilotprojekt gestartet: In Münchens Innenstadt werden gekühlte Lebensmittel per Lastenrad mit isoliertem Transportbehälter und batteriebetriebenem Kühlaggregat zugestellt. Über Sensoren wird kontrolliert, dass die Kühlkette während des Transportprozesses nie unterbrochen wird. Bei der emissionsfreien Innenstadtlogistik hat Dachser langjährige Erfahrung, das Konzept „Emission-free Delivery“ wird in 19 europäischen Großstädten umgesetzt.Schon vor Jahren begann man auch, sich Gedanken über den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der Stückgutlogistik zu machen. Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) wurden Algorithmen entwickelt, die Eingangsmengen bis zu 25 Wochen im Voraus prognostizieren. „Das Tool erleichtert die Ressourcen- und Kapazitätsplanung enorm“, sagt Andre Kranke, bei Dachser verantwortlich für Forschung und Innovation. Der KI-Assistenz berücksichtige wirtschaftliche Entwicklungen ebenso wie saisonale Schwankungen. „Und die Feiertage in den verschiedenen Ländern, als Einflussfaktor auf die Lieferkette ist das nicht zu unterschätzen.“ KI-Algorithmen kommen zudem beim digitalen Zwilling @ILO zum Einsatz, für den die Bundesvereinigung Logistik (BVL) Dachser und das IML mit dem Logistikpreis 2023 auszeichnete. ILO (Advanced Indoor Localization and Operations) identifiziert, lokalisiert und vermisst mit Hilfe von Kameras alle Packstücke bei Anlieferung ins Lager. Manuelle Prozesse wie das Scannen der Ware entfallen. Der Zeit- und Effizienzgewinn liege bei 30 Prozent, sagt Kranke. Die bessere Transparenz helfe zudem, Falschversendungen zu vermeiden.Künstliche Intelligenz ist auch im Spiel, wenn sich fahrerlose Transportsysteme ihren Weg durch Dachser-Hochregallager bahnen. „Sie kommunizieren untereinander, tauschen Fahraufträge aus, wenn ein anderes Fahrzeug rechnerisch schneller am Ziel wäre“, erklärt Kranke. KI bringe mehr Flexibilität, eine Logistik ohne Menschen werde es dennoch nicht geben. „Überall dort, wo Menschen erfahrungsbasierte Entscheidungen treffen, wird es künftig möglich sein, Entscheidungsvorlagen basierend auf KI zu erhalten. Aber es wird weiterhin der Mensch entscheiden, ob die Vorlage sinnvoll ist“, sagt die Ingenieurin Alice Kirchheim. Die Professorin ist Institutsleiterin am IML, das strategische Partnerschaften mit Logistikern wie Dachser, Rhenus, SSI Schäfer oder DB Schenker pflegt. Dennoch werde die KI die Logistikbranche ebenso wie andere Branchen grundlegend verändern – durch die generative KI, mit deren Hilfe Texte, Bilder, Filme und auch Stimmen erstellt werden können.„Wer es schafft, diese Verfahren in den eigenen Unternehmensprozessen zu integrieren, wird wettbewerbsfähig bleiben“, sagt Alice Kirchheim. „Das ist mein persönlicher Aufruf an alle, sich mit den Möglichkeiten der generativen KI zu befassen und nicht zu warten.“ Wer KI trainieren und sie bei sich einsetzen möchte, brauche dafür Kompetenzen im Unternehmen oder hole sie sich dazu, beispielsweise beim IML.Finanzspritze für LastenräderFür den Kauf von Lastenrädern gibt es in Deutschland eine Vielzahl von Förderprogrammen – auf Bundes- und Länderebene, aber auch von einzelnen Kommunen. Neu gestartet ist die Förderung des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Finanzielle Unterstützung beantragen können private Unternehmen unabhängig von ihrer Rechtsform und der Art ihrer Tätigkeit (einschließlich freiberuflich Tätige) sowie Körperschaften und Anstalten des öffentlichen Rechts, beispielsweise Hochschulen.Lesen Sie auchKatrin Starke