PfadnavigationHomePanoramaWarschauer AufstandEin Gedenken, das in Deutschland kaum jemand hörtVeröffentlicht am 02.08.2025Lesedauer: 6 MinutenGroßes Verbrechen, kleine Menschenmenge: Nur etwa 200 Personen nahmen an der Gedenkveranstaltung auf Berlins Prachtstraße Unter den Linden teilQuelle: FritzWährend des Warschauer Aufstands ermordeten die Nazis innerhalb weniger Wochen bis zu 200.000 Menschen. In Berlin wurde dem Massaker in diesem Jahr auf besondere Art und Weise gedacht – und man sendete eine Botschaft, die aktueller nicht sein könnte.Vor 81 Jahren, am 1. August 1944, erhoben sich die Aufständischen gegen die deutschen Besatzer. Um 17 Uhr sollten sie überall in der Stadt losschlagen. Es war der Beginn des Warschauer Aufstands, eines der größten Aufstände im nationalsozialistischen Machtbereich. Dessen Niederschlagung zählt zu den schwersten von Deutschen begangenen Kriegsverbrechen. 63 Tage, bis in den Oktober hinein, dauerten die Kampfhandlungen; die Besatzer töteten geschätzt mehr als 15.000 Aufständische, Massenerschießungen und übelste Gewalttaten an der Zivilbevölkerung sollten die Polen allgemein demoralisieren. Etwa 200.000 Zivilisten töteten die Deutschen in der ohnehin geschändeten Stadt. In den Jahren zuvor wurde die jüdische Bevölkerung – Warschau war die größte jüdische Stadt Europas – in ein Ghetto gepfercht, tausende wurden in Konzentrationslager deportiert oder zur Zwangsarbeit verschleppt. Im Zuge der Niederschlagung des Aufstands wurde die Stadt dem Erdboden gleichgemacht, nur wenige tausend Menschen überlebten in den Ruinen. Heinrich Himmler, einer der Hauptorganisatoren der Schoah, hatte persönlich den Befehl dazu gegeben.Alljährlich erinnern die Menschen in Polen am 1. August an den Freiheitskampf und seine Folgen. Um 17 Uhr ertönen überall in der Hauptstadt hörbar Sirenen, es ist die „Godzina W“, zu Deutsch „Stunde W“. Das war der Codename für die „Akcja Burza“, die „Aktion Gewitter“, also den Beginn des Aufstands. Heute steht das Kürzel für eine Schweigeminute, in der in Warschau alles stillsteht, der Verkehr, die Menschen zwischen den Bürotürmen und den Wohnsilos. An den Häuserfassaden ist allenthalben die „Kotwica“ zu sehen, der „Anker“, das Symbol des Aufstands. Am Abend gibt es Politikeransprachen und Sondersendungen im Fernsehen. Lesen Sie auchDer „Anker“ war an diesem 1. August auch in Berlin, der ehemaligen Reichshauptstadt, zu sehen – und zwar an der Fassade der polnischen Botschaft. Erstmals wurde in Berlin auf diese Art an den Warschauer Aufstand erinnert.Eingeladen zu einer Gedenkveranstaltung vor die polnische Botschaft hatten die Botschaft selbst, ihr De-facto-Botschafter, Geschäftsträger Jan Tombinski, und das Pilecki-Institut, eine polnische Regierungsbehörde, die sich der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg verschrieben hat und von diesem Brücken in die Gegenwart schlägt, zum Krieg in der Ukraine oder auch zur Unterdrückung der Opposition in Belarus.Die Berliner Filiale des Pilecki-Instituts befindet sich in bester Lage am Pariser Platz, in Sichtweite zum Brandenburger Tor. Das Gleiche gilt für den erst Anfang dieses Jahres eröffneten Neubau der polnischen Botschaft auf Berlins Prachtstraße Unter den Linden. Dass an derart zentraler Stelle in der deutschen Hauptstadt eine Gedenkveranstaltung für den Warschauer Aufstand stattfgefunden hat, ist allein schon bemerkenswert. Eröffnet wurde die Gedenkveranstaltung von Mateusz Falkowski, dem stellvertretenden Direktor der Berliner Pilecki-Filiale. Falkowski begrüßte die ungefähr 200 Anwesenden von einer kleinen Bühne auf der Mittelpromenade herab auf Deutsch. Nach ihm bestieg Geschäftsträger Tombinski die Bühne, auch er hielt eine Rede auf Deutsch. Tombinski wurde rot angestrahlt, hinter ihm an der steinernen Fassade der Botschaft leuchteten die polnischen Nationalfarben weiß und rot, weniger später sollten die ersten historischen Aufnahmen der Aufständischen aus dem Jahr 1944 gezeigt werden.Es war 21.20 Uhr, direkt hinter dem Eingang zur U-Bahnhaltestelle Unter den Linden herrschte reges Treiben an diesem lauen Sommerabend. Einige Touristen blieben stehen, die meisten zogen vorbei, ein kleines Mädchen sagte zu seiner Mutter: „Guck mal, Mama, die Leute schauen sich da Bilder an.“ Diese Leute, die Gäste, die der Einladung der Botschaft gefolgt waren, schienen überwiegend polnischsprachig gewesen zu sein. Deutsche waren augenscheinlich nur wenige vor Ort, Vertreter der Bundesregierung, Bundestagsabgeordnete oder Emissäre des Landes Berlin waren nicht zugegen. Das darf niemanden wundern. Traditionell hat der Aufstand keinen prominenten Platz im deutschen Gedenkkalender. Deutsche Politiker, auch Journalisten, wissen immer noch wenig über den Aufstand und dessen Folgen. In der Vergangenheit wurden in Pressebeiträgen der Warschauer Aufstand 1944 und der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 schon mal miteinander verwechselt – zum Unmut der Menschen in Polen und Israel. Historische Ungenauigkeiten und Missverständnisse belasten regelmäßig das deutsch-polnische Verhältnis; eine gewisse „Asymmetrie“ wird bisweilen von der polnischen Seite beklagt. Nichts steht besser dafür als das Aufstandsgedenken – so auch in Berlin. In Polen weiß jedes Schulkind etwa um das Massaker von Wola. In dem Warschauer Stadtteil wurden 1944 bis zum 12. August, also in weniger als zwei Wochen nach Beginn des Aufstands, von den Deutschen bis zu 50.000 polnische Zivilisten ermordet. In Polen weiß man bis heute um die Gräueltaten der SS-Sondereinheit Dirlewanger, die Menschen kennen den Namen des SS-Gruppenführers und Befehlshabers bei der Niederschlagung des Aufstands Heinz Reinefarth. Er, der in Polen „Schlächter von Warschau“ genannt wird, ließ die Menschen in Wola hinrichten. Dass Reinefarth nie für seine Verbrechen belangt wurde, stattdessen nach dem Krieg Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein und dann bis 1964 sogar Bürgermeister in Westerland auf Sylt war, weiß man in Polen. In Deutschland hingegen sind all diese Dinge einer breiteren Öffentlichkeit bis heute nicht bekannt.Man muss an die russische Invasion denkenIn Polen indes wird der Aufstand nicht als Heldensterben verklärt, er ist vielmehr regelmäßig Gegenstand hitziger Debatten: Die einen ordnen ihn als schweren Fehler ein, immerhin wurde Warschau in seiner Folge nahezu vollständig zerstört, das menschliche Leid lässt sich mit Worten nicht beschreiben; die anderen sehen ihn als Akt, der der polnischen Nation ihre Würde wiedergegeben hat, als etwas, das konstitutiv für Polens heutiges Selbstverständnis ist. Auf diese unterschiedlichen Interpretationen weisen Falkowski und Tombinski hin, sie sind sich jedoch darin einig, dass der Aufstand von herausragender Bedeutung für Polen sei. Er sei wesentlicher Bestandteil polnischer Geschichte und Identität, sagte Tombinski. Er stehe für Freiheit, Unabhängigkeit und Menschenwürde. Polen sei es darum gegangen, „die Freiheit mit allen Mitteln zu verteidigen und der Herr im eigenen Haus zu sein.“ Die Rote Armee griff 1944 nicht ein, Stalins Truppen warteten östlich der Weichsel und ließen die Deutschen den Aufstand blutig niederschlagen. Konfrontiert mit dem Bösen dürfe der Mensch nicht gleichgültig sein, so Tombinski weiter.Der Zuhörer musste unweigerlich an Russlands Überfall auf die Ukraine denken und daran, dass die Ukrainer sich nun seit beinahe dreieinhalb Jahren gegen einen überlegenen Gegner verteidigen – wie Polen seinerzeit. Nur wenige Meter weiter östlich auf der Mittelpromenade der Prachtstraße befindet sich ein kleines, improvisiertes Mahnmal für die ukrainischen Opfer von Russlands Krieg – direkt gegenüber der russischen Botschaft, die still und dunkel daliegt. Alles verdichtet sich an diesem Abend in Berlin. Lesen Sie auchNach einer Schweigeminute trugen Gäste Texte aus Tagebüchern von Aufständischen vor, darunter auch der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Templin, ein Polen-Kenner und -Freund. Die Passagen sind erschütternd, einige Anwesende mussten sichtbar um Fassung ringen. Da berichtet eine Frau davon, dass aus den Fenstern in Warschau „Fetzen von Menschen“ hingen, unter den Füßen sei „Hirnmasse und Blut“ gewesen, überall das Stöhnen von „Menschenresten“, man dürfe nicht hören, es sei eine Hölle. Während diese Worte über die Straße hallten, wurden sie immer wieder von lauten Motorengeräuschen unterbrochen, von Rasern, die meist in Richtung Alexanderplatz dröhnten; im Restaurant gegenüber der Botschaft saßen auch zu jener Stunde noch Gäste weitgehend unbeeindruckt über ihren Tellern. An einige Passanten und Zufallsgäste wandte sich noch Geschäftsträger Tombinski: „Es ging damals um das Überleben der polnischen Nation“, sagte er. „Der Mensch ist zu Heroismus befähigt, er kann aber auch Henker sein“, so Tombinski weiter. Wenn diese Nachricht am Abend auch nur einige wenige gehört haben, hat das Gedenken in Berlin seine Spuren hinterlassen.