PfadnavigationHomeICONISTFitness & WellnessSiegeszug des GravelbikesWarum selbst Radprofis auf einmal breite Reifen fahrenVon Uwe PützVeröffentlicht am 21.08.2025Lesedauer: 4 MinutenAuf breiten Reifen: Tour-Sieger Tadej Pogačar mit Teamkollegen von UAE Team Emirates XRG auf dem Weg ins Finale nach ParisQuelle: picture alliance/dpa/AP/Mosa'ab ElshamySuperschlanke Reifen galten lange als Synonym für Tempo im Radsport – doch plötzlich rollen selbst Tour-de-France-Profis auf „fetten Schlappen“. Sie folgen einem Trend aus der Freizeitwelt: dem Gravelbike. Aber was können die breiten Reifen wirklich?Es ist noch gar nicht so lange her, da musste man sich entscheiden: Fährt man schnell oder langsam, auf Asphalt oder Schotter, durch Wald und Wiesen oder nur mal zum nächsten Bäcker? Alles zusammen ging nicht – jedenfalls nicht richtig gut. Das hat sich geändert. Das „All-in-one“-Versprechen geht vom Trendrad der vergangenen Jahre aus: dem Gravelbike. Der breiter daherkommende Nachkömmling des Rennrads eignet sich zum Reisen ebenso wie zur schnellen Spritztour auf Asphalt – und hat nun auch im Profisport seine Spuren hinterlassen. Wer gerade die Tour de France verfolgt hat, konnte beobachten, wie sich das Volumen der Reifen selbst bei den Profis ausgedehnt hat. Waren sie vor einigen Jahren noch strichdünn – also um die 18 Millimeter –, gewann Tadej Pogačar die diesjährige Tour auf Pneus mit bis zu 3,22 Zentimetern Querschnitt. „Jetzt fahren wir 32er-Größen“, schwärmte der belgische Teilnehmer Jonas Rickaert. „Die sind geschmeidig – und wirklich schnell.“ Lesen Sie auchDie Profis loben die Fahreigenschaften der „fetten Schlappen“, die mit dem richtigen Luftdruck einen geringeren Rollwiderstand und höhere Geschwindigkeiten ermöglichen. „Wir sehen einen klaren Trend zur Breite“, sagt Oscar Fronhoff, Produktentwickler beim Hersteller Schwalbe, der vom Renn- und Gravelbike bis hin zu City- und E-Bikes alle Fahrradgattungen ausstattet. Dass Breitreifen die Straßen erobern, hat jedoch nicht nur sportliche Gründe. Sie entsprechen dem Bedürfnis nach Optionenvielfalt. So wie man mit dem Gravelbike auf nahezu jedem Terrain unterwegs sein kann, sind auch die neuen Reifen Allrounder für viele Zwecke – und passen damit genau in den Zeitgeist. Laut einer globalen Mobilitätsstudie der Beratungsgesellschaft Deloitte orientieren sich junge Konsumentinnen und Konsumenten zwischen 18 und 34 Jahren bei der Wahl eines Verkehrsmittels an Kriterien wie „Flexibilität, Bequemlichkeit und Alltagstauglichkeit“. Dazu passe der Wunsch, offen für verschiedene Wege und Lebenssituationen zu bleiben. Ein Rad für viele Lebenslagen, multioptional anwendbar – dafür stehen die breiten Reifen ebenso wie für mehr Sicherheit. Sie vermitteln ein SUV-Gefühl für jene Verkehrsteilnehmer, die sich – verglichen mit Autofahrern – eher schutzlos fühlen. Sie verkörpern die Gewissheit, für jedes Hindernis und jeden wechselnden Untergrund gewappnet zu sein. Und sie kommen einem allgemeinen Bedürfnis entgegen, das der Soziologe Heinz Bude als „Safety in Freedom“ beschrieben hat: „Ich will frei sein – aber auf einer sicheren Grundlage.“Doch wie kommt es, dass die Industrie den Charme der breiten Mäntel mit ihrem Mehrwert erst in den vergangenen Jahren entdeckt hat? Für Experten wie Fronhoff sind es technische Entwicklungen, die der Bereifung Schwung verliehen haben. „Mit neuen Materialien und Gummimischungen ist es heute möglich, Karkassen mit dichtem Gewebe herzustellen – und die erlauben andere Querschnitte. Lange Zeit galt die Annahme: ‚Schmale Reifen, prall gefüllt, rollen am besten.‘ Doch mit geschmeidigeren Karkassen hat sich dieses Bild grundlegend verändert.“ Lesen Sie auchDie neuen Gummis können mit geringerem Luftdruck gefahren werden. Durch ihre größere Aufstandsfläche nehmen sie Stöße und Unebenheiten besser auf – das sorgt für einen ruhigeren Lauf und weniger Energieverlust. Das Ergebnis: mehr Geschwindigkeit. Neben dem geringeren Rollwiderstand bieten breite Reifen auch mehr Komfort, bessere Traktion und eine höhere Pannensicherheit, erklärt Fronhoff. „Das größere Luftvolumen schont Fahrer und Material – gerade bei längeren Touren auf schlechten Straßenbelägen ist das ein großer Vorteil.“ Nur kein Druck – weniger prall ist besserDamit die neuen Reifen ihre Vorteile ausspielen können, sollten sie mit dem richtigen Luftdruck gefahren werden. Grundsätzlich gilt: Je breiter der Reifen, desto geringer darf der Luftdruck sein. So kann etwa eine Person mit einem Gewicht von 80 Kilogramm auf einem 32-Millimeter-Reifen mit nur 3,5 Bar fahren. Zum Vergleich: Schmale Rennradreifen erreichen oft einen Druck von über acht Bar. Wichtige Faktoren für den idealen Luftdruck sind neben dem Körpergewicht und dem Untergrund auch die Reifen- und Felgenbreite. Herstellerangaben dienen nur als grobe Orientierung, eine übersichtliche Tabelle bietet der ADAC.Lesen Sie auchWichtig ist auch das Profil des Reifens: Je glatter es ist, desto leichter rollt es. Deshalb verfügen sportliche Gravelbikes wie das Specialized Crux DSW über eine kaum profilierte Lauffläche. Für mehr Kurvensicherheit im Gelände setzen die Hersteller auf seitliche Gummiblöcke, wie etwa beim Modell „G-One RS Pro“. Je gröber und kantiger diese Blöcke sind, desto besser hält der Reifen in Kurven auf weichem Untergrund. Seitdem breite Reifen verstärkt im Profisport eingesetzt werden, liefern sich die Hersteller ein Wettrennen um die leichtesten Modelle. Ein herkömmlicher 37-Millimeter-Reifen wiegt rund 750 bis 800 Gramm – fast doppelt so viel wie Varianten für den sportlichen Einsatz. Verantwortlich dafür sind nicht nur neue Gummimischungen. Die Entwicklung spricht für schlauchlose Reifen, erklärt Fronhoff von Schwalbe: „Sie sind nicht nur leichter, sondern auch pannensicherer. Ohne Schlauch sinkt die Reibung im System, was sich positiv auf den Rollwiderstand auswirkt. Vieles spricht dafür, dass sich die ‚Tubeless‘-Reifen künftig auch im Alltag durchsetzen werden.“