PfadnavigationHomePolitikDeutschlandRadfahrer unter AlkoholeinflussHärterer Kurs gegen Suff-Radler – „Promillegrenze sollte an Pkw-Grenze angepasst werden“Veröffentlicht am 31.07.2025Lesedauer: 5 MinutenAlkoholisiert am Lenker? In Deutschland ist das bis 1,6 Promille legalQuelle: picture alliance/dpa/Frank HammerschmidtErstmals stellen Fahrradfahrer die größte Gruppe unter alkoholisierten Unfall-Verursachern. Verkehrsverbände, Unfallforscher und Polizeigewerkschafter fordern eine niedrigere Promillegrenze. Der Linken geht das nicht weit genug – die AfD fordert einen genaueren Fokus auf eine Gruppe.Sternhagelvoll, aber trotzdem aufs Fahrrad – das ist in Deutschland bislang legal. Geht es nach Verkehrsverbänden, muss sich das dringend ändern. Sie fordern: Wer mit 1,1 Promille oder mehr auf zwei Rädern unterwegs ist, soll künftig mit einem Bußgeld rechnen müssen. Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2024 rund 34.700 Unfälle unter Alkoholeinfluss, mit mehr als 17.000 Verletzten. Erstmals stellten Fahrradfahrer mit 43 Prozent die größte Gruppe unter den alkoholisierten Unfallverursachern. Vor zwei Jahrzehnten lag ihr Anteil noch bei 22 Prozent. Für die Präsidentin der Deutschen Verkehrswacht, Kirsten Lühmann, ist das ein deutliches Signal: „Die steigenden Zahlen der Alkoholunfälle mit dem Fahrrad erhöhen den Handlungsdruck.“ Lesen Sie auch„Wer 1,1 Promille Alkohol im Blut hat, gilt als absolut fahruntüchtig – im Auto. Auf dem Fahrrad ist das erst ab 1,6 Promille so“, kritisiert Lühmann, die früher SPD-Bundestagsabgeordnete und Polizistin war, gegenüber WELT. Diese Regelung sende die völlig falsche Botschaft: „Bis zu dieser Grenze scheint Trinken und Radfahren in Ordnung.“ Während Autofahrer schon ab 0,5 Promille mit einem Bußgeld rechnen müssen, fehle bei Radfahrern bislang ein solcher „Warnschuss“. Die Verkehrswacht fordert daher eine neue Grenze für Radler bei 1,1 Promille. Verstöße sollen zudem als Ordnungswidrigkeit-Tatbestand verbucht werden. „Die Diskussion über einen solchen Tatbestand sollte schnell wieder aufgenommen werden.“, so Lühmann. Der „Rheinischen Post“ sagte sie: „Wenn ich beim Auto mehr als 500 Euro zahlen muss, ist die Hälfte, also 250 Euro, beim Fahrrad angemessen.“ Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) unterstützt den Vorschlag. Ein zusätzlicher Bußgeld-Tatbestand könne helfen, alkoholbedingte Unfälle zu verhindern, bevor es zu schweren Folgen komme. „Mehr als ein Promille gehen über einen leichten Rausch hinaus und werden bei geselligen Anlässen nur selten erreicht“, sagt eine Sprecherin WELT. Ab diesem Wert werde das Radfahren jedoch deutlich gefährlicher. Lesen Sie auchNach Ansicht des Verbands ist die aktuelle Rechtslage auch deshalb problematisch, weil er eine trügerische Sicherheit vermittele: Die bisherige Grenze bei 1,6 Promille signalisiere vielen, dass alles darunter erlaubt und ungefährlich sei. Der ADFC verweist auf medizinische Studien, die bereits ab diesem Bereich eine „deutlich gesteigerte Fahrunsicherheit“ belegten – und fordert deshalb eine gesetzliche Neuregelung. Ziel sei nicht die Kriminalisierung von Radfahrern, sondern ein klarer Orientierungswert. Lesen Sie auchDietmar Otte, Unfallforscher und Experte für Verkehrssicherheit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, teilt diese Perspektive: „Die Grenze von 1,6 Promille ist zu hoch und sollte an die Pkw-Grenze von 1,1 angepasst werden“, sagt Otte WELT. Es gebe keinen Grund, zwischen Auto- und Radfahrern unterschiedliche Grenzwerte anzusetzen, denn: „Fahren unter Alkohol führt grundsätzlich zu einem höheren Unfallrisiko und einer Verminderung der Reaktions- und Aufnahmefähigkeit.“Linke will „0,0“-Promillegrenze für AutofahrerAuch die Gewerkschaft der Polizei spricht sich für eine entsprechende Reform aus. Der stellvertretende Bundesvorsitzende Michael Mertens verweist zudem auf Aufklärungsbedarf: „Viele Radfahrende wissen gar nicht, dass sie ihren Führerschein verlieren können, wenn bei ihnen 1,6 Promille oder alkoholbedingte Ausfälle nachgewiesen werden.“ Besonders problematisch sei, dass es bislang kaum gezielte Kontrollen gebe – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Personalmangel bei der Polizei. „Betrunkene Radfahrer schlüpfen durch diese unnötige Lücke.“ Mertens erhebt zwei Forderungen: erstens mehr gezielte Alkoholkontrollen im Radverkehr – vor allem zu Zeiten, in denen viele betrunken unterwegs sind. Zweitens brauche es deutlich mehr Investitionen in Prävention, insbesondere in Kampagnen, die dort stattfinden, wo die Zielgruppen sich aufhalten – also in sozialen Netzwerken. Mit Blick auf E-Bikes warnt Mertens zudem vor einer unterschätzten Gefahr: „Alkoholisierte Fahrer unterschätzen deren höhere Geschwindigkeiten schneller. Die daraus resultierenden Unfälle sind dann meist schwerer.“ Lesen Sie auchWie reagiert die Politik auf die Forderung nach einer niedrigeren Promillegrenze für Radfahrer? Henning Rehbaum (CDU), Berichterstatter der Union für Radverkehrspolitik, verweist auf die Fachgremien: „Bei der Ermittlung der Promillegrenzen vertrauen wir auf die Expertise aus Medizin, Verkehrspsychologie und Unfallstatistik sowie der Bundesanstalt für Straßenwesen.“ Das von Patrick Schnieder (CDU) geführte Bundesverkehrsministerium sowie die Fraktionen von SPD und Grünen äußerten sich auf WELT-Anfrage nicht. Deutlich positioniert sich die Linke. Fraktionsvize Luigi Pantisano spricht sich für die 1,1-Promille-Grenze aus: „Sie dient dem Schutz vulnerabler Gruppen – etwa Kindern, älteren Menschen und Menschen mit Behinderung.“ Neben konsequenten Bußgeldern fordert er zusätzlich: „0,0 Promille für Autofahrer*innen und ein generelles Tempolimit von 30 km/h innerorts sowie 130 km/h auf Autobahnen.“ Pantisano: „Wer Menschen im Straßenverkehr schützen will, darf nicht nur beim Fahrrad ansetzen – die Gefahren im Autoverkehr sind deutlich größer.“ Lesen Sie auchDie AfD-Fraktion lehnt eine Absenkung der Promillegrenze für Radfahrer hingegen ab. Ihr verkehrspolitischer Sprecher Wolfgang Wiehle sagt WELT, er sehe „keinen Anlass für neue Regelungen“. Die aktuell diskutierten Forderungen überzeugten ihn nicht, weder juristisch noch verkehrspolitisch. „Die Unfallzahlen unter Alkoholeinfluss bleiben bei klassischen Fahrrädern seit 2015 konstant“, sagt er. Der allgemeine Anstieg der Fahrrad-Unfälle unter Alkoholeinfluss gehe vor allem auf das Konto von E-Bike-Fahrern. „Das neue Verkehrsmittel muss separat betrachtet werden.“Schon 2013 thematisierte die Innenministerkonferenz unter Leitung des damaligen niedersächsischen Ressortchefs Boris Pistorius (SPD) eine Absenkung der Promillegrenze für Radfahrer. Schon damals hieß es, der geltende Wert von 1,6 Promille sei „nicht mehr zeitgemäß“. Passiert ist seitdem nichts.Maximilian Heimerzheim ist Volontär im Innenpolitik-Ressort.