PfadnavigationHomePanoramaOberschwabenRegionalexpress entgleist – Bahnchef ringt am Unglücksort um FassungVeröffentlicht am 29.07.2025Lesedauer: 5 MinutenDrei Tote, Dutzende Verletzte – das Zugunglück in Riedlingen im Südosten Baden-Württembergs ist eines der schwersten seit Jahren. Die Polizei hat jetzt die Unfallursache bekannt gegeben. Reporter Daniel Koop berichtet.Nach einem verheerenden Erdrutsch ist ein Regionalzug bei Riedlingen entgleist – drei Menschen kamen ums Leben, 41 wurden verletzt. Bahnchef Richard Lutz sagt: „Solche Bilder gehen bei uns ins Mark.“Am Hang klafft ein großes braunes Loch im sonst üppigen Grün: Hier hat wohl starker Regen die Erdmassen in Bewegung gesetzt – bis sie auf die Gleise rutschten. Ein paar Meter weiter liegen die Waggons des Unglückszuges, ineinandergeschoben und kreuz und quer über den Gleisen. „Wie eine Ziehharmonika“, beschreibt eine Feuerwehrfrau den Anblick.Landwirt Johannes Figel ist als einer der Ersten vor Ort gewesen. „Den Knall habe ich jetzt noch in den Ohren“, sagt er am Morgen nach der Zugentgleisung in Riedlingen. Es habe wie im Krieg ausgesehen. Es sei zunächst totenstill gewesen. Ruckzuck seien sehr viele Rettungskräfte gekommen. Er habe dann geholfen, umgestürzte Bäume zu zersägen und wegzuschaffen. „Man kann die Kraft der Verheerung noch sehen, die hier gewütet hat“, kommentiert Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) den Anblick der Unfallstelle. Es sei erschütternd. Bahnchef Richard Lutz ringt um Fassung: „Solche Bilder gehen bei uns ins Mark“, sagt er in Riedlingen.Hier im Südosten Baden-Württembergs sind am Sonntagabend drei Menschen ums Leben gekommen: der 32 Jahre alte Lokführer, ein 36-jähriger Bahn-Auszubildender und eine 70 Jahre alte Reisende. 41 weitere Menschen wurden laut Polizei verletzt, einige schwer. Sie werden unter anderem in den Unikliniken in Ulm und Tübingen sowie im Bundeswehrkrankenhaus Ulm behandelt.Der Regionalexpress war von Sigmaringen nach Ulm unterwegs, als gegen 18.10 Uhr in der Nähe des Riedlinger Stadtteils Bechingen den Angaben zufolge mindestens zwei Waggons entgleisten. Der Unfallort liegt rund 45 Kilometer südöstlich von Ulm.Lesen Sie auchAuslöser des Unglücks war nach bisherigen Erkenntnissen der Erdrutsch an der Böschung. „Mutmaßlich lief durch den Starkregen, der sich im Bereich der Unfallörtlichkeit ereignete, ein Abwasserschacht über“, teilen Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Das Wasser habe den Hangrutsch ausgelöst, was wiederum wohl die Entgleisung verursachte.Fotos zeigten den Zug in einem schwer zugänglichen, bewaldeten Gebiet. Mehrere gelb-weiße Waggons waren aus den Schienen gesprungen und lagen auf der Seite. Auf Videoaufnahmen vom Unfallort war zu sehen, wie Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst auf den entgleisten Waggons arbeiteten, um sich Zugang zu den Fahrgästen zu verschaffen. Zudem waren laute Schreie zu hören. Zum Zeitpunkt des Unglücks prasselten laut Deutschem Wetterdienst (DWD) Unmengen an Regen nieder. In der Gegend habe „extrem heftiger Starkregen“ geherrscht. Bis zu 50 Liter pro Quadratmeter seien innerhalb einer Stunde gefallen, sagt DWD-Sprecher Marco Pukert. Am genauen Unglücksort habe der DWD keine Messstation. Die Auswertung erfolgte anhand von Radardaten.„Bilder lassen einen betroffen zurück“Am Vormittag kommen Bahnchef Lutz und mehrere Politiker zur Unglücksstelle. „Die Bilder und Berichte, die wir alle gestern gesehen haben und vor allem die Eindrücke, die wir alle zusammen heute Morgen hier gesammelt haben, gehen einem sehr nah und lassen einen betroffen und bestürzt zurück“, sagt der Konzern-Vorstandsvorsitzende und kämpft sichtlich mit den Tränen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) dankt auch den Rettungskräften, die sehr schnell am Einsatzort gewesen seien und unter schwierigen Bedingungen Verletzte aus dem Zug gerettet hätten. Seine Gedanken seien bei den Angehörigen der Opfer: „Wichtig ist, dass wir heute mit allen, die davon betroffen sind, mittrauern, mitfühlen und einfach mitgehen mit dem schweren Schicksal, das sie erlitten haben.“ Geologisches Gutachten und Fahrtenschreiber sollen helfenWie viele Menschen in dem Zug der Linie RE 55 gesessen hatten, war zunächst unklar. Am Sonntag hatte die Bundespolizei von rund 100 gesprochen. Die Zahl könnte aber niedriger sein. Die Waggons entgleisten. Der erste schob sich die Böschung hoch und prallte gegen einen Baum – die Front wurde abgerissen. Wrackteile etwa der Karosserie und Sitze lagen verteilt am Boden.Ein geologischer Gutachter habe Messungen am Hang durchgeführt, sagt Polizeipräsident Josef Veser. „Der Fahrtenschreiber wurde ausgebaut“, teilt Staatsanwalt Christian Weinbuch mit. Nun müsse man sehen, welche Informationen hieraus gewonnen werden können. Fahrdatenschreiber bei der Bahn zeichnen beispielsweise die Geschwindigkeit auf.Am Nachmittag teilt die Bahn mit, die Behörden hätten die Strecke für die Bergung freigegeben. „Aktuell beginnt die Bergung mit Hilfe eines Spezialkrans.“ Das solle voraussichtlich bis Dienstagvormittag dauern. „Anschließend begutachtet ein Expertenteam die Strecke nach genauen Schäden“, heißt es weiter. Erst danach könne man abschätzen, wie lange die Strecke gesperrt bleibt. Es gibt Ersatzverkehr mit Bussen. Es ist nicht das erste Ereignis dieser Art: Erst im Juni 2024 entgleisten bei Schwäbisch Gmünd zwei Waggons eines ICE mit 185 Passagieren an Bord nach einem Erdrutsch. Nach damaligen Angaben wurde jedoch niemand verletzt.Die DB hat für Betroffene und deren Angehörige eine kostenlose Sonder-Hotline unter 0800 3 111 111 eingerichtet. Außerdem stünden Notfallseelsorger und Krisenpsychologen für betroffene Reisende und Mitarbeitende bereit.Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schrieb auf dem Portal X: „Wir trauern um die Opfer. Ihren Angehörigen spreche ich mein Mitgefühl aus.“ Mit dem Innenminister und dem Verkehrsminister stehe er im engen Kontakt und habe sie gebeten, die Rettungskräfte mit allen Mitteln zu unterstützen.Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, drückte seine Trauer und sein Entsetzen aus. „Meine Gedanken sind bei den Verstorbenen, den Verletzten und den Angehörigen. Ihnen gilt mein Gebet“, schrieb der Limburger Bischof am späten Sonntagabend auf der Plattform X. Er dankte den Rettungskräften und Notfall-Seelsorgeteams: „Danke, dass Sie da sind.“dpa/kna/saha/coh