PfadnavigationHomeGeschichteAufzeichnungen eines HenkersFür eine Standardfolter erhielt er einen Gulden und 15 Groschen – und fünf für die HeilungVeröffentlicht am 11.08.2025Lesedauer: 6 MinutenEin Scharfrichter exekutiert die verschiedenen Hinrichtungsarten im 18. Jahrhundert – von Daniel ChodowieckiQuelle: picture alliance/akg-imagesEin Zeugnis von außerordentlichem Rang: Der Scharfrichter von Meiningen hielt seine durchgeführten Torturen, Hinrichtungen und sonstigen Unternehmen akribisch fest. Als „Unreinem“ gelang ihm der Aufstieg zu einem wohlhabenden Geschäftsmann.Zu den wohlhabenden Untertanen des Herzogtums Sachsen-Meiningen gehörte Johann Jeremias Glaser (1653–1725). Als im Mai 1700 die Taufe seines siebten Kindes, genannt Johann Adam, gefeiert wurde, bog sich die Tafel für die 14 Gäste. Die ehrenhaften Zeitgenossen wie Superintendent und Kantor erhielten 30 Pfund Kalbs-, 22 Pfund Rind- und 27 Pfund Schweinefleisch aufgetischt, vier Hühner, 14 Pfund Schinken und acht Pfund Fisch. Dazu wurden sieben Kannen Schmalkalder Weißbier gereicht, die extra für das Fest gebraut worden waren, weitere 16 Kannen normales Bier sowie spanischer Wein und Branntwein. Das zeugte vom ordentlichen Wohlstand eines Mannes, den Herkunft und Beruf seit Alters her unter- und außerhalb der Gesellschaft ansiedelten. Denn Johann Jeremias Glaser war wie seine Vorfahren ein Henker.Der Mann hat akribisch Buch geführt, sowohl über die 22 Hinrichtungen, die er in 44 Jahren vollstreckt hat, sowie über rund hundert Folterverhöre ersten und zweiten (nicht dritten) Grades als auch über einträgliche Nebentätigkeiten, die von der Heilkunst bis zur Abdeckerei und Fäkalienentsorgung reichten. Für die letzte Lebendverbrennung einer Hexe auf deutschem Boden erhielt er 17 Gulden incl. Spesen, für eine übliche Standardfolter einen Gulden und 15 Groschen und weitere fünf Groschen für die Versorgung der Wunden, denn bei der späteren Exekution der Strafe sollte der Verurteilte so unversehrt wie möglich vor das Publikum treten.Auf 350 Seiten, die nach seinem Tod zu einem „Register- oder Aufzeichenbüchlein“ gebunden wurden, hat Glaser die Zahlen seines Lebens – Honorare, Außenstände, Steuern, Entlohnungen von Mitarbeitern – bis ins letzte Detail notiert und dabei nicht mit Beobachtungen und Meinungen hinter dem Berg gehalten. So findet sich das Pronomen „ich“ genau 392 Mal, deklinierte Formen wie „mir“, „mich“, „mein“ und „uns“ 258 Mal, was den Band zu einem Selbstzeugnis ersten Ranges macht, denn eine ähnliche Detailflut von einem Mitglied der niederen gesellschaftlichen Schichten ist selten. Im Landesarchiv Thüringen in Meiningen entdeckte es der Historiker Kai Lehmann: „‚Glasers schriftliche Hinterlassenschaften sind ein einmaliges Ego-Dokument, also eine Quelle, die eine historische Person in ihrem sozio-gesellschaftlichen oder sozio-ökonomischen Umfeld zeigt“, urteilt der Leiter des Museums Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden, der das „Register- oder Aufzeichenbüchlein ausgewertet hat („Der Henker des Herzogs. Ein ganz normales Leben um 1700“. wbg/Theiss, 394 S., 28 Euro). Es entsteht das Bild eines cleveren Geschäftsmanns, der pedantisch sein Leben in Zahlen festhielt – zur eigenen Erinnerung und Ermahnung seiner Kinder.So berichtete er nicht ohne Stolz, dass er sich zehn Jahre lang eifrig auf seine erste Hinrichtung vorbereitet hatte, indem er unter Anleitung seines Vaters das acht Pfund schwere und etwa 80 bis 90 Zentimeter lange Schwert beidhändig auf Kürbisse und starke Rhabarberstengel niederfahren ließ. Dennoch war er nervös, als er 27-jährig im Juli 1680 den Auftrag erhielt, das Urteil an einer verurteilten Hexe zu vollstrecken. Denn in der Familie erzählte man sich von einem Scharfrichter, der erst im dritten Anlauf den Kopf vom Rumpf getrennt habe und daraufhin von den Zuschauern fast gelyncht worden sei. Glaser hingegen hieb fehlerfrei. Das bescherte ihm das Amt des Henkers in dem knapp 20.000 Einwohner zählenden Duodezfürstentum.Lesen Sie auchDie Zeiten, in denen Glasers Urgroßvater seinen Lebensunterhalt mit mehreren hunderten Hinrichtungen (vor allem von Hexen) hatte verdienen können, die ihm pro Kopf vier Gulden eingebracht hatten, waren aber vorbei. Ganze 22 Delinquenten richtete Glaser bis 1725 überwiegend mit dem Schwert, wenige mit dem Strang und auf dem Scheiterhaufen, einen nur auf dem Rad. Die Zeiten und ihre Behörden waren, nun ja: weniger streng.Lesen Sie auchDaher musste sich Glaser weitere wirtschaftliche Standbeine suchen. Eines davon war das Säubern von Kloaken. Für die nächtliche Entleerung der Fäkaliengrube der Meininger Lateinschule stellte er der Stadt 24 Gulden Festpreis in Rechnung, was sich jedoch als schlechtes Geschäft erwies. Den vier „Kerls“, die er für den geruchsintensiven Job anheuerte, musste er einen Gulden pro Tag zahlen. Da für den Abtransport des „Secrets“ aber 25 Fuhren in sieben Nächten nötig waren, musste Glaser nicht nur vier Gulden draufzahlen, sondern wurde von den städtischen Behörden um weitere zwölf geprellt. Den anderen Teil sollte er sich beim Schulträger holen, der sich jedoch verweigerte.Ein anderes Geschäftsmodell von Glasers „Meisterei“ war die Abdeckerei, die mit dem Amt des Scharfrichters verbunden war. Damit fiel ihm die Aufgabe zu, Tierkadaver zu bergen und zu vergraben. Davor aber durfte er Felle, Fett, Knochen und Hufeisen verwerten. Allein aus den Häuten von Schweinen, Rindern oder Ziegen konnte er im Schnitt pro Jahr einen Umsatz von 200 Talern, später, nach Erwerb eines größeren Abdeckereibezirks, sogar 300 Talern generieren. Es spricht für das ökonomische Talent des Henkers, dass er für seine zweite „Meisterei“ 1200 Taler in bar auf den Tisch legen konnte. Weitere Einkünfte bescherte das Verpachten von Immobilien.Wie seine Vorfahren in der Henker-Dynastie gehörte Glaser zu den „Unehrlichen“ der Gesellschaft. Auch seine Frau Maria Catharina entstammte dieser Gruppe. Aber er wusste die juristischen Spielräume auszunutzen, die sich inzwischen im neuzeitlichen Beamtenstaat boten. Um nicht durch entsprechende Tätigkeiten in der Öffentlichkeit seinen Status augenfällig zu machen, nahm er Knechte und Mägde in Dienst, die die Drecksarbeiten erledigten, buchstäblich. Sie säuberten die Kloaken, entsorgten die toten Tiere oder übernahmen auch mal die eine oder andere Hinrichtung, während ihr Arbeitgeber den Unternehmer gab. Dafür erhielten die Knechte 18 bis 30 Taler Jahresgehalt, die Mägde drei bis sieben Gulden weniger, dafür aber neben freier Kost und Logis Stoffe und Kleidungsteile.Hand anlegte der Scharfrichter allerdings noch im Alter, wenn es „den Staupen Schlag“ zu geben galt. Darunter verstand man das Auspeitschen mit einer vom Gericht festgelegten Anzahl von Schlägen; ein Drittel der etwa 40 Verurteilten waren Frauen, denen Sexualdelikte vorgeworfen wurden. Mitleid oder andere Gefühlsregungen konnte Historiker Lehmann in den Aufzeichnungen des Henkers nur an wenigen Stellen ausmachen. Glaser empfand sich als Organ der Rechtspflege, das die göttlich gesetzte Ordnung exekutierte, auf Befehl, schrieb er wiederholt. Um zu demonstrieren, wie das am Tag einer Hinrichtung aussah, muss Lehmann auf einen amtlichen Bericht zurückgreifen, der die Exekution einer Kindsmörderin durch den Scharfrichter von Suhl beschreibt, dessen Tochter Glasers ältester Sohn geheiratet hatte. Zwei Priester, ein Landsknecht und ein Scharfrichterknecht, Bewaffnete und ein christliche Lieder singender Knabenchor eskortierten die Sünderin zum Richtplatz von Benshausen, wo das „hochpeinliche Halsgericht“ eröffnet wurde. Nach der Verlesung von Geständnis und Urteil vor großem Publikum wurde die Frau vor den Scharfrichter geführt, der ihr nach der Eingesegnung den Kopf abschlug. Henkersknechten legten den Leichnam in den Sarg und den Kopf zwischen ihre Beine. Für Glaser hatte es außer Frage gestanden, dass Johann Jeremias, der Älteste seiner neun Kinder, seine Nachfolge antreten und auch die übrigen sich seiner Profession widmen würden, schließlich stammte auch Glasers Frau aus einer Scharfrichter-Dynastie. Der jüngste Sohn Johann Friedrich besuchte jedoch das Lyzeum, schrieb sich an der Universität Erfurt ein und studierte Medizin. Er heiratete die Tochter eines Zollbeamten und wurde 1759 in die Akademie Leopoldina, später in die Bayerische Akademie der Wissenschaften aufgenommen.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Kulturgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet.