PfadnavigationHomeGeschichteConcorde-Absturz 2000„Es sah aus wie eine Atombombe“Von Johann AlthausVeröffentlicht am 01.08.2025Lesedauer: 5 MinutenSchon beim Abheben brannte die Concorde lichterlohQuelle: picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Toshihiko SatoAm 25. Juli 2000 fing eine französische Concorde beim Start in Paris Feuer. An Bord waren unter anderem 97 Deutsche. Der Absturz mit insgesamt 113 Toten beendete faktisch den überschallschnellen Flugverkehr – auch wenn das formale Ende erst 2003 kam.Besonders auffällig war die plötzliche Stille. Wer unter der Hauptstartrichtung eines Großflughafens arbeitet oder lebt, ist Lärm gewohnt. Das gilt auch für die Einwohner von Gonesse – immerhin liegt der Ort nur fünf Kilometer westlich von Paris-Charles-de-Gaulle, dem größten Airport der französischen Hauptstadt. Turbinenlärm von frühmorgens bis spätabends war und ist hier normal. Doch am 25. Juli 2000 genau um 16.44 Uhr ändert sich das plötzlich. Antonio F. arbeitete an diesem warmen Dienstagnachmittag gerade in seinem Garten in Gonesse, als ihm schlagartig die irritierende Ruhe bewusst wurde: „Es war plötzlich ganz still. Ich schaute nach oben.“ Und erblickte Erschreckendes: „Es sah aus wie eine Atombombe, wie ein Wolkenpilz am Himmel“, berichtete der 43-Jährige noch am selben Nachmittag Reportern. Zwei Minuten zuvor, gegen 16.42.17 Uhr Ortszeit, hatte der Tower dem Air-France-Flug 4590 nach New York, an diesem Tag der Concorde mit dem Luftfahrtkennzeichen F-BTSC, Starterlaubnis auf der längeren der beiden südlichen Bahnen erteilt. 14 Sekunden später brachte Kapitän Christian Marty die vier Triebwerke auf vollen Startschub. Um 16.42.54 Uhr erreichte die Maschine die Geschwindigkeit von 100 Knoten, also 185 Kilometer pro Stunde. Drei Sekunden nach 16.43 Uhr lag das Tempo schon bei 150 Knoten – der letzte Moment, in dem der Start noch hätte abgebrochen werden können. Danach ging nur noch Abheben und – im Falle einer schweren Beschädigung – das Hoffen, irgendwo irgendwie notlanden zu können. Ausgerechnet in diesem kritischsten Augenblick traf das Schicksal Flug 4590: Ein Reifen des Hauptfahrwerkes rollte über ein kleines Metallteil, das eine kurz zuvor gestartete DC-10 verloren hatte. Der Reifen platzte und einige große Gummistücke schlugen mit großer Geschwindigkeit gegen die Unterseite der linken Tragfläche. Einer der hier untergebrachten Tanks platzte, das austretende Kerosin löste ein schweres Feuer aus. Zur gleichen Zeit erlitten die linken der insgesamt vier Hochleistungsturbinen einen Schubverlust, der bei Triebwerk Nr. 2 stark und bei Triebwerk Nr. 1 leichter war. Lesen Sie auchUm 14:43:13 Uhr informierte der Fluglotse die Besatzung im Cockpit über Flammen hinter dem Flugzeug. Copilot Jean Marcot bestätigte diese Meldung, Flugingenieur Gilles Jardinaud konstatierte den Ausfall von Triebwerk Nr. 2 und schaltete es ab. Die Concorde flog jetzt mit 200 Knoten.Lesen Sie auchEs blieben nur Sekundenbruchteile für eine Entscheidung. Der Kapitän entschloss sich, eine Notlandung auf Bahn 07/25 des nahe gelegenen Flughafens Paris-Le-Bourget zu versuchen. Denn eine komplette Wende zu fliegen und wieder in Charles-de-Gaulle zu landen, war aussichtslos. Er lenkte seine Maschine nach Backbord, Kurs Südsüdwest.Doch es war zu spät. Auch Triebwerk Nr. 1 fiel aus. Die Maschine geriet außer Kontrolle, stürzte in das Motel „Hotellisimo“ im spitzen Winkel der Straßen N17 und D902 und explodierte. Keiner der 109 Menschen an Bord, 100 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder, hatte die geringste Überlebenschance. Auch vier Personen am Boden starben. 97 der Toten waren Deutsche, darunter eine Flugbegleiterin, denn die Reederei Deilmann hatte den Concorde-Flug als Zubringer zu einer luxuriösen Kreuzfahrt gechartert: auf der MS „Deutschland“ von New York über die Bahamas nach Mexiko bis nach Ecuador. 15 Tage zum Preis von mindestens 5490 Mark. Der Aufpreis für den Flug mit der Concorde: 2950 Mark pro Person. Die übrige Besatzung an Bord bestand aus Franzosen, die anderen Toten in der Maschine waren ein Däne, ein Amerikaner und zwei Österreicher. Im „Hotellisimo“ starben zwei Praktikantinnen aus Polen, ein Zimmermädchen aus Mauritius und eine junge Algerierin.Die Maschine, die 1975 gebaute dritte Concorde der französischen Serienversion, hatte auf 4872 Flügen insgesamt 11.989 Stunden absolviert. Der 54-jährige Kapitän Marty war ein äußerst erfahrener Pilot, mit Verkehrslizenz seit 1967 und insgesamt 13.477 Flugstunden, allerdings nur 317 Stunden seit 1999 auf dem Muster. Deutlich erfahrener auf dem Überschallflugzeug war sein 50-jähriger Copilot Marcot: Er hatte seit 1989 immerhin 2698 seiner 10.035 Flugstunden auf der Concorde absolviert. Doch auch eine noch viel erfahrenere Besatzung hätte das Unglück nicht abwenden können: Ein in niedriger Höhe trudelndes Flugzeug kann niemand retten. Die Maschine zerschellte und verglühte in einem riesigen Feuerball. Ein Augenzeuge, Angestellter einer Flugfracht-Firma vermutete: „Der Pilot muss versucht haben noch über die Autobahn zu kommen. Sonst hätte es noch mehr Tote gegeben.“Der Voice-Recorder, eine der beiden Black Boxes der Concorde, konnte darüber keine Auskunft geben. Die letzten Sekunden von Flug 4590 wurden zwar aufgezeichnet, doch sie waren nicht verständlich. Laut Unfallbericht hatte die Maschine beim Abheben 93,8 Tonnen Kerosin an Bord – beim Aufschlag dürften davon noch etwa 90 Tonnen übrig gewesen sein. Die Folgen beschrieb einer herbei geeilten Retter, die nichts mehr retten konnten, erschüttert: „Unglaublich. Wir konnten nicht mehr erkennen, dass das jemals ein Flugzeug gewesen war.“Zur Katastrophe hatte eine unglückliche Verkettung außergewöhnlicher Umstände geführt: Schon die Tatsache, dass bei einem anderen Flugzeug ein scharfkantiges Metallstück abbrach, war unwahrscheinlich. Mehr noch, dass einer der Concorde-Reifen dann genau auf dieses Metallstück traf, auf einer 45 Meter breiten Startbahn. Wäre die Beschädigung mindestens sechs Sekunden früher erfolgt, hätten Marty und Marcor den Start noch abbrechen können. Doch so wie es geschah, hatten sie nur die Wahl abzuheben und eine Notlandung zu versuchen oder über das Ende Runway hinauszuschießen und dort zu explodieren. Und selbst wenn nicht zwei Triebwerke Probleme gehabt hätten, war der Schaden an der Flugzeugstruktur durch die eingeschlagenen Gummiteile so stark, dass der Absturz unvermeidlich gewesen war. Air France stellte die Concorde-Flüge umgehend nach dem Umfall ein; British Airways, die einzige andere Airline mit diesem Muster im Dienst, folgte wenig später. Es war der Anfang vom Ende des einzigen Überschall-Verkehrsflugzeugs. Zwar kehrten die neun noch einsatzfähigen Maschinen im Herbst 2001 modifiziert in den Linienbetrieb von Paris und London nach New York zurück. Doch die Kundschaft hatte das Vertrauen verloren: Aufgrund ausbleibender Passagiere erklärten beide Airlines am 10. April 2003, den Betrieb bald einzustellen. Der letzte Flug einer Air-France-Concorde fand am 27. Juni 2003 statt, British Airways folgte drei Monate später. Die Grundmauern des zerstörten Motels existieren heute noch direkt neben der Autobahn N17. Das Areal ist eingezäunt, an die 113 Toten erinnert ein Mahnmal auf dem direkt benachbarten Parkplatz eines weiteren Hotels.