PfadnavigationHomePolitikDeutschlandSPD-Generalsekretär KlüssendorfStimmenverluste an AfD? „Haben bisschen verlernt, in Sprache der Menschen zu sprechen“Veröffentlicht am 24.07.2025Lesedauer: 7 MinutenIn dieser Folge des TV-Formats „Politikergrillen mit Jan Philipp Burgard“ stellt sich SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf den Fragen des WELT-Chefredakteurs. Sehen Sie hier den Polittalk auf der Terrasse unseres Senders in voller Länge.Beim WELT-„Politikergrillen“ gesteht SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf Fehler seiner Partei ein, von denen die AfD profitiere. Er widerspricht dem Eindruck, dass das Bürgergeld eine „soziale Hängematte“ sei – und erklärt die Position seiner Partei zu Israel.„Sie sind nach meinem Kenntnisstand der erste SPD-Generalsekretär, der großflächig tätowiert ist“, stellt WELT-Chefredakteur Jan Philipp Burgard seinen Gast beim „Politikergrillen“ am Mittwoch vor: Tim Klüssendorf, 33, neben seinem Parteiamt auch einer der wenigen direkt gewählten Bundestagsabgeordneten der SPD. „Großflächig“ will der nicht so stehen lassen, aber es seien zwei Tattoos: Das eine zeige das Symbol der „Eisernen Front“, „die damals gegen die Nazis gekämpft hat“, wie Klüssendorf erklärt – die allerdings auch gegen die Kommunisten kämpfte und von KPD-Chef Ernst Thälmann als „Terror-Organisation des Sozialfaschismus“ verunglimpft wurde, was Klüssendorf nicht erwähnt.Das zweite Tattoo beruhe auf einer Familiengeschichte. „Es ist so, dass mein Bruder ein Transmann ist“, sagt Klüssendorf. Für die zahlreichen Operationen sei Gewebe vom Unterarm entnommen worden. „Und Transmänner sind häufig dann dabei, das überzutätowieren.“ Dasselbe Tattoo habe er sich selbst dann aus Solidarität auch stechen lassen – die Umrisse der Stadt Lübeck, seiner Heimat. Aus der SPD sei der Bruder ausgetreten; er habe sich von ihr nicht vertreten gefühlt, was sich aber vielleicht mit dem Selbstbestimmungsgesetz aus der Ampel-Zeit für eine leichtere Änderung des Geschlechtseintrags noch ändere.„Wie links sind Sie?“, fragt Burgard – auf einer Skala von eins bis zehn? „Also ich betrachte mich schon als links“, antwortet Klüssendorf, aber ohne Einstufung auf der Skala. Worauf Burgard ihn mit zwei seiner jüngsten Forderungen konfrontiert: höhere Krankenkassenbeiträge für Gutverdiener und eine höhere Erbschaftsteuer für Millionenvermögen. „Sie haben ja BWL und VWL studiert. Fällt Ihnen nichts Besseres ein, als immer nur umzuverteilen?“Klüssendorf antwortet wie aus der Pistole geschossen, bevor die Frage verklungen ist: „Ja, gerade aus dem Studium heraus weiß ich, dass es kein Widerspruch ist, für Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen, einerseits. Und andererseits aber der sozialen Marktwirtschaft zugeneigt zu sein. Und auch Wettbewerbsprozesse durchaus als etwas sehr, sehr Hilfreiches anzuerkennen.“ Von der „sozialen Marktwirtschaft“ sei er überzeugt, aber die Resultate seien derzeit nicht gerecht.Burgard hakt nach: „Helmut Kohl hat ja gesagt, alles, was mehr als 50 Prozent Staatsquote ist, ist schon Sozialismus. Wir haben jetzt mehr als 50 Prozent Staatsquote. Läuft da nicht was schief?“ Die Staatsquote beschreibt den Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt.Lesen Sie auch„Nee, sehe ich überhaupt nicht so“, gibt Klüssendorf zurück. „Wir sehen ja auf der ganzen Welt, dass starke Staaten auch durchaus in der Lage sind, wirtschaftliches Wachstum zu beanreizen.“ Er nennt als Beispiel die USA und den Inflation Reduction Act: Auch dieses Gesetz „beanreize“ staatliche Investitionen, und die hätten „auch wirklich zu Wirtschaftswachstum geführt“.Was er trinken wolle? „Coke Zero.“ Das sei auch die Wahl von CSU-Chef Markus Söder gewesen, wirft Burgard ein. Während er die Getränke herausholt, hält der WELT-Chefredakteur dem SPD-Generalsekretär die Wählerabwanderungen vor: Bei der jüngsten Bundestagswahl seien nämlich nur 660.000 Stimmen von der SPD an linke Parteien, aber fast zweieinhalb Millionen von den Sozialdemokraten nach rechts zu Union oder AfD gegangen. „Müsste da nicht die Conclusio sein, dass man nicht noch weiter nach links rückt?“Klüssendorf spricht und denkt auch schnell, wenn er ausweicht. „Ich glaube, dass wir vor allen Dingen an die AfD auch Stimmen verloren haben, weil wir ein bisschen verlernt haben, eine einfache Sprache zu sprechen, auch einfache Positionen zu adressieren, auch wirklich in der Sprache der Menschen zu sprechen, sondern häufig den Eindruck erweckt haben, dass wir hier in Berlin unsere eigenen Sachen machen und dann nicht mehr die Menschen wirklich erreichen.“Lesen Sie auchBeispielsweise komme teils falsch an, wie die Forderung nach der höheren Erbschaftsteuer tatsächlich gemeint sei. „Also ich rede nicht über Omas Häuschen oder darüber, dass Leute sich eine Altersvorsorge ansparen und dann der Staat irgendwann über eine Vermögens- oder Erbschaftsbesteuerung denen das Geld wegnehmen will, sondern wirklich über die sehr, sehr großen Millionen-Vermögen.“Was er denn denen sage, die den Eindruck hätten, die SPD sei mehr die Partei der Empfänger von Sozialleistungen als die Arbeiterpartei, fragt Burgard. „Ja“, gesteht Klüssendorf ein, „ich kann das deswegen nachvollziehen, weil in der Öffentlichkeit tatsächlich dieser Eindruck entstanden ist“. Der habe aber nichts mit der realen Politik der SPD zu tun. Seiner Partei gehe es vielmehr darum, mehr Leute in Jobs zu bekommen. Dafür sei das Bürgergeld da. Wenn es funktioniere, koste es den Staat auch weniger Geld. Öffentlich werde es aber so dargestellt, „als wenn es die soziale Hängematte wäre. Und das, ehrlicherweise, ist es nicht.“Was Burgard hinterfragt: „Es gibt doch zahlreiche Fälle, dass Leute sagen, es lohnt sich überhaupt nicht mehr, arbeiten zu gehen.“ Klüssendorf widerspricht: „Das hat mir bis heute noch keiner wirklich plausibel erklären können.“ Burgard insistiert: „Es gibt Statistiken.“ Klüssendorf bleibt dabei: „Genau, und die Statistiken kenne ich auch.“ Burgard macht weiter: „Wenn die Leute dann noch schwarz arbeiten gehen …“. Da geht Klüssendorf mit: „Da sind wir uns einig, dass solche Missbrauchssituationen ja auch ausgeschlossen werden müssen.“Allerdings sei das nur „der kleinste Teil“ der Bürgergeld-Bezieher. Und auch die, die für große Wohnungen 2000 Euro Miete bezahlt bekommen, seien nur wenige. Leistungen zu kürzen, bringe nichts, meint Klüssendorf. Den Abstand zwischen Bürgergeld und Arbeitseinkommen will er anders halten: „Über bessere Löhne, über die Entlastung von kleinen und mittleren Einkommen.“ Die Würste kommen auf den Grill, rote Würste als Anspielung auf die SPD-Parteifarbe. Dazu Champignons und Spinat. Burgard sagt, nach einer Berechnung des Ifo-Instituts mache es für ein Ehepaar in München keinen Unterschied, ob es brutto 3500 Euro oder 5500 Euro verdient, weil in beiden Fällen netto dasselbe bleibe. „Was hat das denn noch mit Leistungsgerechtigkeit zu tun?“„Ich habe die Studie nicht gesehen“, antwortet Klüssendorf. Grundsätzlich müsse es einen Leistungsanreiz geben. Und die Sozialsysteme müssten je nach Lebenssituation dazu beitragen. „Gerade mit den Themen Kinderzuschlag und Kinder finde ich, tun wir eigentlich zu wenig.“Fall Brosius-Gersdorf? „Müssen jetzt miteinander reden“Themenwechsel: die geplatzte Wahl neuer Verfassungsrichter durch den Bundestag. Die SPD bleibe bei ihrer Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf, denn die sei genau genommen nicht nur der SPD-Vorschlag, sondern der Vorschlag der gesamten Koalition, stellt der Generalsekretär klar. Der Koalitionspartner Union hätte seine Einwände früher anbringen müssen, so früh wie die SPD ihre gegen den ursprünglich von der CDU vorgeschlagenen Robert Seegmüller. Aber dann, „nachdem man diesen ganzen gemeinsamen Weg schon gegangen ist“, und zwar auch im Richterwahlausschuss des Bundestags mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit für Brosius-Gersdorf, „da ist es für mich zu einfach, zu sagen, wir haben es uns anders überlegt“. Was also tun? „Na ja, wir müssen jetzt miteinander reden, das ist ja offensichtlich.“Zwist mit der Union offenbart auch das Thema Nahost. Die SPD sei wegen der Lage in Gaza für mehr Druck auf Israel. Dessen „Siedlungspolitik“ sei völkerrechtswidrig, und das seit Jahren. Klüssendorf nennt als eine Möglichkeit, Israels Assoziierung mit der EU auszusetzen. Waffenlieferungen an den jüdischen Staat will er zwar nicht stoppen, aber an Bedingungen knüpfen: „Das, was uns da bewegt, ist, ob unsere Waffen, die wir liefern, auch mit eingesetzt werden in diesem Konflikt. Und da ist für uns die ganz klare Haltung, dass sie das nicht dürfen.“Zugleich hält Klüssendorf es für geboten, dass Deutschland sich der von 28 Staaten unterschriebenen Forderung nach einem sofortigen Ende des Gaza-Kriegs und der Beschränkung von Hilfslieferungen anschließt. „Für uns ist einfach die Maxime, dass das Völkerrecht gewahrt wird, dass das internationale Recht gewahrt wird. Und aus unserer Sicht überschreitet das Kriegsgeschehen jetzt ebendieses Recht.“ Die SPD habe „über viele Monate das Handeln Israels im Gaza-Streifen kritisiert, weil wir einfach sehen, dass die Zivilbevölkerung so stark in Mitleidenschaft dieser Kriegshandlung gezogen wird, dass wir das nicht mehr vertreten können“. Doch das habe keine Wirkung gehabt. Klüssendorf betont aber auch: „Wir stehen zum israelischen Staat. Das ist unstrittig. Und wir wissen auch, dass die Hamas Ausgangspunkt dieser Eskalation ist. Das steht außer Frage.“ Wenn seine Partei „einer israelischen Regierung, die aus unserer Sicht gegen Völkerrecht verstößt, kritisieren, verabschieden wir uns ja nicht von der grundsätzlichen Zusammenarbeit mit Israel und mit dem Staat“. Den Hinweis, dass die Zuständigkeit für die Außenpolitik mit Kanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul bei CDU-Politikern liege, will der SPD-Generalsekretär nicht gelten lassen: „Wir geben ja nicht unsere Haltung an der Garderobe des Kabinettssaals ab. Wir haben eine Haltung dazu, und wir weisen darauf hin.“ Das sei „eine Auseinandersetzung, die wir führen müssen“.Christoph Lemmer berichtet für WELT als freier Mitarbeiter vor allem über die Politik in Bayern.