Zehn Wochen hat die Tafel in Regensburg geschlossen, erst am 15. September gibt es wieder Essen. Zehn Wochen, in denen die 5000 Bedürftigen, die von der Tafel nach eigenen Angaben wöchentlich versorgt werden, ihr Essen woanders holen müssen. Ein „Schock für Schwache“ nannte das die Mittelbayerische Zeitung, der Oberbürgermeister-Kandidat der SPD warnte vor einer „richtig dramatischen Situation“. Und ein anderer gemeinnütziger Verein, der in Regensburg Essensausgaben organisiert, wirft der Tafel vor, zu lange Schließungszeiten zu haben und nicht an ihre Kunden zu denken: „Die haben halt jetzt nichts mehr zu essen.“Georg Forster, Schriftführer der Tafel, nennt das alles dagegen einen „Sturm im Wasserglas“. Er ist offensichtlich genervt von der Aufregung: „Meine Tätigkeit im Ehrenamt habe ich mir anders vorgestellt.“ Wobei man bei den ganz großen Fragen ist: Wie viel Verantwortung kann eine Gesellschaft Ehrenamtlichen aufbürden?SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Aber von Anfang an: Dass die Tafel in Regensburg so lange schließt, kam für viele Betroffene überraschend. Normalerweise hat sie in den Sommerferien nur vier Wochen geschlossen. Bei der Tafel in Regensburg aber ist gerade nicht viel normal. Weil das Dach renoviert wird, könnten sie nur bedingt arbeiten, sagt Forster. Viele Mitarbeiter seien Rentner wie er und wollten nicht in den Schulferien Urlaub machen, sondern jetzt. Er selbst ist gerade in Schweden.Und dann sind da noch die Ermittlungen gegen die Vorstandsvorsitzende der Tafel. Wie die Staatsanwaltschaft der SZ bestätigt, wurde die Tafel im Juni durchsucht, weil es eine Anzeige gegen die Vorsitzende wegen Untreue gab. Als Verein sei es im Moment kaum möglich zu agieren, sagt Forster. Er selbst könne sich nicht vorstellen, dass an den Vorwürfen etwas dran sei, mehr möchte er nicht sagen. Wer sich in Regensburg umhört, erfährt von internen Streitigkeiten und ehemaligen Mitarbeitern, die etwas gegen die Vorsitzende hätten. Ob an den Vorwürfen etwas dran ist, kann nur die Staatsanwaltschaft klären.Reden wir über Geld:"In manche Tafeln kommen seit Beginn des Krieges doppelt so viele Menschen wie davor"Wegen des großen Andrangs müssen die Tafeln Lebensmittel rationieren. Tafel-Deutschland-Chefin Sirkka Jendis über das Stigma von Armut, das Menschen abhält, sich Hilfe zu suchen. Und über Geflüchtete, die in SUVs vorfahren.970 Tafeln gibt es in DeutschlandDoch auch in einem normalen Jahr hat die Tafel in Regensburg während der Schulferien geschlossen, nur im Sommer seien es statt sechs Wochen vier, dazu komme noch eine Woche Fortbildung. Für Arno Birkenfelder, Vorsitzender des Vereins „Rengschburger Herzen“, der seit Jahren im Clinch mit der Tafel liegt, ist das nicht nachvollziehbar. „Mit Freiwilligen muss ich das doch stemmen können“, sagt er. Die Tafel hat 185 Mitarbeiter, sein Verein nur 40 Helfer, sie könnten das in den Ferien nicht auffangen. Er denke an die Kranken und Alten, die Essen nach Hause geliefert bekämen. Was machten die in den nächsten zehn Wochen? Er kenne keine andere Tafel, die so viel Schließtage habe.In Deutschland gibt es mehr als 970 Tafeln, die alle eigenständige Vereine sind. Eine Übersicht ihrer Schließzeiten gibt es nicht. Wie sie sich organisieren, ist ihnen überlassen. Wer etwa bei der Tafel in Würzburg bei Susanne Burns-Hansen anruft, erfährt, dass sie nur zwei Wochen im Jahr geschlossen sind. Den Rest des Jahres geben ihre rund 250 Ehrenamtlichen fünf Tage die Woche Essen aus. Sie schafften das, aber bitte nicht falsch verstehen. Auf keinen Fall wolle sie die Kollegen aus Regensburg kritisieren.Georg Forster erklärt sich indes so: Die meisten Tafel-Kunden in Regensburg machten selbst Urlaub: „Es ist so unbefriedigend, wenn Sie in der Ausgabe stehen und es kommt keiner.“ Die Zahl der Menschen, die ihr Haus nicht verlassen können, belaufe sich auf etwa zehn. Die Tafel würde auch nur das Essen bereitstellen, die Verteilung übernehme ein anderer Verein – und der könne sich das Essen ja auch woanders besorgen. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass sie das alles ehrenamtlich machen. „Wogegen ich mich wehre, ist, dass ständig Leute mit dem Finger auf uns zeigen“, sagt Forster. In seiner Stimme schwillt der Ärger an. „Wir stürzen die Leute in Not? Sind wir verantwortlich für Mindestlohn und prekäre Renten? Wir sind ein Zusatzangebot, das den Leuten das Leben erleichtert. Dieses Zusatzangebot fällt jetzt für ein paar Wochen weg. Wo ist das Problem?“„Wenn man sich mit so einem Krampf beschäftigen muss, verliert man die Lust“Wobei man bei der Frage wäre, wer für die Armutsbekämpfung zuständig ist. Ganz klar der Staat, schreibt der Dachverband der Tafeln. Der könne sich nicht darauf verlassen, dass Versorgungslücken durch gemeinnützige Organisationen aufgefangen würden. Nur: Offenbar reicht vielen die staatliche Hilfe nicht, sonst gäbe es keine Tafeln. Dank Sozialleistungen müsse niemand frieren oder hungern, sagt Regensburgs Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Diese reichten aber nicht aus, um eine gesellschaftliche Teilhabe zu gewährleisten. Das machten oft Ehrenamtliche und dafür sei sie dankbar. „Man kann Ehrenamtlichen nicht auch noch einen Vorwurf machen.“ Die Schließung der Tafel sei diesmal aber „sehr lang und sehr plötzlich gekommen“. Sie ist deshalb im Gespräch mit der Tafel, wie diese wieder früher öffnen könne. Die Stadt könnte etwa Ausgleichsflächen zur Verfügung stellen oder einen Aufruf an Freiwillige starten. Auch ein Vernetzungstreffen zwischen Vereinen, die aushelfen könnten, sei geplant.Georg Forster von der Tafel würde daran teilnehmen, selbstverständlich auch im Urlaub. Er will ja helfen. Wobei seine Motivation, das gibt er zu, auch schon mal größer war: „Wenn man sich mit so einem Krampf beschäftigen muss, verliert man die Lust.“
Essensausgabe in Regensburg macht zehn Wochen zu: Wie lange darf eine Tafel schließen?
Die Tafel macht zehn Wochen zu – und in der Stadt werden Vorwürfe laut. Nur: Ist das wirklich die Verantwortung der Ehrenamtlichen?






