PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungAggression im NetzDie Gefahr durch marodierende Internet-HordenVeröffentlicht am 27.06.2025Lesedauer: 6 MinutenMeinungsfreiheit in Gefahr? Ja, aber nicht nur durch den übereifrigen Staat, sondern auch durch digitale Pöbler und Bedroher, meint Till StoldtQuelle: Depositphotos/IMAGO; Catrin MoritzSittenverfall im Netz ist keine rot-grüne Fantasie, sondern folgenschwere Realität: Viele Politiker und Publizisten beugen sich bereits dem Druck des digitalen Drohens und Beschimpfens. Dieser zivilisatorische Absturz muss gestoppt werden – auch, weil er die Grenzen des Sagbaren einengt.Der Grüne Bundestagsabgeordnete Max Lucks skandierte einst den Slogan „Nie wieder Deutschland!“. Das ist seit Jahren bekannt. Nun aber jagten AfD-nahe Accounts ein Video seiner Nie-wieder-Rufe durch das Internet. Was einen Sturm an Beleidigungen und Bedrohungen gegen Lucks auslöste. Der Unmut war nicht ganz unverständlich.Wenn ein Bundestagsabgeordneter solche Parolen gerufen hat, darf man schon fragen, ob er sein Land noch immer hasst. Doch der Bochumer Lucks klopfte sein Sprüchlein nicht diese Woche, sondern vor elf Jahren. Bei einer Protest-Demo gegen Rechtsextremisten. Damals war er 17. Trotzdem: Sein Auftritt lädt zu kritischen Nachfragen ein. Die aber wurden dem Grünen gerade nicht gestellt. Die Beschimpfer und Bedroher erkundigten sich nicht sachlich in seinem Büro, ob er noch zu der Parole stehe. Stattdessen ergingen sie sich in Gewaltfantasien oder kramten ganz unten in ihrer Wortschatzkiste Verbalgeschosse hervor.Dadurch stellten sie alles auf den Kopf: aus berechtigter Missbilligung wurde ungerechtfertigte Aggression, aus einem kritikwürdigen Politiker ein schutzwürdiges Opfer. Kein halbwegs anständiger Mensch gönnt einem Politiker Gewaltandrohungen, nur weil der vor über einem Jahrzehn mal linksradikalen Unsinn skandierte.Ob von links oder rechts – das Gepöbel schadet dem LandZu solchen Aggressionsausbrüchen kommt es leider häufig. Das bestätigte zuletzt Ende Mai eine Umfrage des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) unter 1500 Politikern. Demnach erlitten bereits 60 Prozent von ihnen politisch motivierte Gewalt. Auffallend oft engagierten die Betroffenen sich für Flüchtlinge, Minderheiten, Klimaschutz. Die Täter dürften also häufig allzu impulsive Konservative oder zielgerichtet agierende Rechtsradikale sein. Lesen Sie auchDiese Attacken (wenn man so will: „von rechts“) schaden unserem Land. Sie schaden der Sache, in deren Dienst sie vermeintlich stehen. Und natürlich den Opfern. Mancher Digital-Mobber dürfte da knurren, die anderen (also: Linke und Islamisten) machten das doch auch so. Wie wahr. Der blinde Fleck im Auge der Konservativen und RechtenAuch im linken Lager sind Gewalt-Virtuosen beheimatet, die sich auf Gehässigkeit in allen Varianten verstehen – von der ganz plumpen mit Hammer auf den Kopf (sozusagen die Maja-Methode) über die leichtfertig geschwungene Faschismuskeule bis zur feinsinnigen Verunstaltung Andersdenkender, wenn diese in Medien verzerrt und ohne jeden Verstehensversuch vorgeführt werden. Erst recht abscheulich sind natürlich mordlüsterne Drohungen von Islamisten gegen Islamismuskritiker. Über all das muss man sich empören.Nur: Wie kann man dann gleichzeitig dieselben Methoden anwenden? Zu Selbstgerechtigkeit, zu Einäugigkeit neigen wir zwar alle. Dieser Defekt sitzt tief in uns. Er rechtfertigt aber nichts.Warum nicht mal sachlich anfragen?Von der im Netz grassierenden Hau-drauf-Mentalität müssen wir wegkommen. Nicht nur, weil Bedrohung und Beleidigung selbstredend Straftaten sind. Der Grüne Lucks zum Beispiel ist kein von Hass getriebener Verbalschläger. Er wird von Mitmenschlichkeit geleitet (gleichwohl soll man seine grüne Flüchtlingspolitik skeptisch beäugen). Lesen Sie auchAuch ist der Lucks des Jahres 2025 ein glühender Verfassungspatriot, der Deutschland als „Land des Friedens und des Respekts“ feiert. Das bekräftigte er nun in Reaktion auf den Shitstorm. Und schließlich ist er bekennender schwuler Katholik. Er schwärmt von der Schönheit des Glaubens und eckt damit in schwul-grün-linken Milieus an. Hätte man ihn da nicht sachlich befragen können, ob er noch zur Nie-wieder-Deutschland-Parole steht?Ein Alltag voll digitaler StraßenschlachtenWas das digitale Drohen und Pöbeln so gefährlich macht, ist zudem die ihm innewohnende Tendenz zur Übersetzung ins Körperliche. Auf permanente Beschimpfung folgt nicht selten irgendwann die Faust im Gesicht. Dafür gibt es viele Beispiele. Fürchten muss man die Netz-Aggressoren aber auch wegen ihrer Effektivität. Laut KFN-Studie gestanden 20 Prozent der Politiker, sie hätten sich an die Bedrohungen bereits angepasst und mieden bestimmte Themen. Dabei sind Politiker in der Regel ja noch abgehärtet. Wenn schon von ihnen jeder Fünfte sich duckt – was mag der Digital-Terror dann erst bei weniger hart gesottenen Personen auslösen? Weiß sich aber erst jeder Hinz und Kunz im Besitz einer so verführerisch wirksamen Waffe, droht uns ein (diesmal digitaler) Straßenschlachten-Alltag wie in der Endphase von Weimar. Und solch ein zivilisatorischer Absturz senkt die Lebensqualität aller.Gegenargumente ja, die Meute am Hals – neinNoch ein Grund spricht dagegen, der Netzverwahrlosung zuzuschauen: Wenn scharfe mediale Kritik fast automatisch einen Shitstorm gegen Betroffene auslöst, schränkt das die Freiheit zu pointierter Kritik ein. Mancher Medienschaffende möchte Andersdenkenden zwar seine Gegenargumente zurufen, nicht aber eine Meute auf den Hals hetzen. Ein Beispiel bietet die Migrationsexpertin Souad Lamroubal. Über einige Ansichten diese Publizistin schrieb ich 2024 einen missbilligenden Kommentar. Daraufhin erhielt sie, wie Lamroubal berichtete, zahlreiche beleidigende, teils bedrohliche Zuschriften. Außerdem fühlte sie sich durch den Text massiv missverstanden. Ja, der Text war zugespitzt und arg komprimiert. Aber welcher Kommentar ist so differenziert, wie sich das die kritisierte Person wünscht? Nicht jede Formulierung des Textes war gelungen, aber seinen Tenor halte ich nach wie vor für zutreffend. Mich treibt jedoch um, dass der Text Lamroubal eine derartige Schock-und-Schimpf-Attacke eintrug. Flüchtlingspolitisch setzt Lamroubal, wie ich meine, falsche (aber legitime) Akzente. Ihre Motive jedoch scheinen nobel zu sein. Und womöglich ist sie ein grundsympathischer, hilfsbereiter Mensch? Wie kann man so jemanden bedrohen?Auch das schränkt die Meinungsfreiheit einSachliche Widerworte, kritische Fragen muss sie als Publizistin ertragen. Aber eine verbale Steinigung? Nein. Dafür möchte ich keine Vorlage liefern. Dann verzichte ich fortan lieber auf zugespitzte, gar polemische Kritik an Einzelnen. Juristisch und presseethisch war der Artikel zwar o.k. Lamroubal forderte eine Unterlassungserklärung und beschwerte sich beim Presserat. Beides wurde abgelehnt. Und dennoch war er nicht ganz o.k. – sonst hätte er ja nicht zum Startsignal für einen Shitstorm getaugt. Solche Skrupel überkommen derzeit übrigens nicht wenige in den etablierten Medien. Bei Zuspitzungen Vorsicht walten zu lassen, ist immer gut. Aber wegen marodierender Internet-Horden auf zugespitzte Meinung verzichten zu müssen – das ist ein Verlust. Und de facto eine Einschränkung der Meinungsfreiheit.Beleidigen, Beschimpfen, Bedrohen: bürgerliche Tugenden?Bei manchen Skeptikern löst die Forderung nach Benimm im Netz sogleich Sorge aus: Wird damit legitimiert, dass SEKs wegen eines Schwachkopf-Likes an der Haustür klingeln? Läuft das auf eine Willkür-Herrschaft von Meldestellen hinaus? Auf faktische Kriminalisierung legaler Meinungsäußerung? All das kann geschehen, wenn man die gewaltschwangere Atmosphäre im Netz ignoriert und den Umgang damit den Falschen überlässt. Nein, ein Schwachkopf-Like darf niemals zur Hausdurchsuchung führen – Gewaltandrohung aber schon. Pöbler sollten in der Regel mit einem saftigen Bußgeld erzogen werden, nicht mit einschüchternden Ordnungshütern an der Haustür. Gleichgültigkeit gegenüber Straftaten aber ist gerade aus bürgerlicher Sicht keine Option. Denn Beleidigen, Beschimpfen und Bedrohen sind keine bürgerlichen Tugenden. Oder sehen Sie das anders?
Aggression im Netz: Die Gefahr durch marodierende Horden im Internet - WELT
Sittenverfall im Netz ist keine rot-grüne Fantasie, sondern folgenschwere Realität: Viele Politiker und Publizisten beugen sich bereits dem Druck des digitalen Drohens und Beschimpfens. Dieser zivilisatorische Absturz muss gestoppt werden – auch, weil er die Grenzen des Sagbaren einengt.







