PfadnavigationHomeWissenschaftArchäologie-ExperimentIm wackeligen Einbaum übers Meer paddeln – wie vor 30.000 JahrenVeröffentlicht am 08.07.2025Lesedauer: 3 MinutenVier Männer und eine Frau: Das Team im selbst gebauten Einbaum unterwegsQuelle: 2025 Kaifu et al. CC-By-NDMenschen aus der Altsteinzeit waren zu großen Taten fähig. Forscher haben nun ein Experiment gewagt: Sie bauten ein Kanu aus einem Baum mit primitiven Mitteln. Dann paddelten sie von Taiwan aus los – in einer der gefährlichsten Strömungen der Welt.Aufbrechen ins Unbekannte, das Neue wagen, alle Ängste überwinden und dabei auf bequeme Hilfsmittel und Technik und Sicherheit zu verzichten – das bedeutet Abenteuer. Allzu große Unterschiede gibt es dabei zwischen heute und der Altsteinzeit vor 30.000 Jahren nicht; besonders, wenn man in einem wackeligen Einbaum 225 Kilometer weit über den westlichen Pazifik paddelt, inmitten der gefährlichen „Schwarzen Strömung“, dem Japanstrom Kuroshio.Forscher aus Taiwan und Japan haben getestet, ob und wie Menschen der Altsteinzeit in Ostasien migrierten und sich zwischen Inseln bewegten. Sie bauten ein Boot mit primitiven Werkzeugen, die dem damaligen Stand entsprachen. In zwei Arbeiten berichten sie nun im Fachjournal „Science Advances“ von der experimentellen Archäologie, die inspiriert ist von Thor Heyerdahl. Der Norweger hatte 1947 mit der berühmten Fahrt auf dem Floß Kon-Tiki bewiesen, dass Menschen früh von Südamerika nach Polynesien hätten segeln können.Auf den Ryukyu-Inseln im Südwesten Japans gibt es archäologische Stätten aus der Zeit vor 35.000 bis 30.000 Jahren. Wie sind die Menschen dorthin gekommen? Womöglich von Taiwan aus. Eine der Studien simuliert den Kuroshio, eine der stärksten Strömungen der Welt. Die schnell fließende Oberflächen-Meeresströmung verläuft im westlichen Pazifik von den Philippinen nordostwärts entlang der Ostküste Taiwans und Japans. Mit Ozeanmodellen wurden Hunderte virtueller Reisen erprobt, dabei unterschiedliche Startpunkte, Jahreszeiten und Paddelstrategien getestet. Lesen Sie auchErgebnis: Den Daten zufolge hätte ein Boot die Strecke befahren können. Ein Start von Nordtaiwan versprach mehr Erfolg als von weiter südlich, zudem war es unerlässlich, leicht südöstlich zu paddeln, anstatt direkt aufs Ziel zuzuhalten, um der starken Strömung entgegenzuwirken. Diese Ergebnisse deuten auch auf ein hohes Maß an strategischem Seefahrtswissen der ganz frühen Seefahrer hin. „Die alten Polynesier beispielsweise besaßen keine Karten, konnten aber fast den gesamten Pazifik bereisen“, sagte Yousuke Kaifu, Professor für Physische Anthropologie an der Universität Tokio.Die andere Arbeit beschreibt detailliert den Bau und die Erprobung eines realen Bootes. Zunächst dachten die Forscher, dass die Menschen damals Flöße benutzt hatten. „Aber nach einer Reihe von Experimenten stellten wir fest, dass diese Flöße zu langsam für die Überquerung des Kuroshio und nicht robust genug waren“, so Kaifu.Er und sein Team konstruierten deshalb schon 2019 einen 7,5 Meter langen und 241 Kilogramm schweren Einbaum aus einem japanischen Zedernstamm. Für die Arbeit nutzen sie Nachbildungen antiker Steinwerkzeuge; allein das Fällen des Baums dauerte sechs Tage. Das Boot bekam den Namen Sugime.Lesen Sie auchVier Männer und eine Frau paddelten damit 225 Kilometer von Taiwan zur Insel Yonaguni in der Ryūkyū-Inselgruppe, zu der auch Okinawa gehört. Sie ließen alle modernen Hilfen zurück, Karten, Kompass, GPS. Zur Orientierung vertrauten die Forscher lediglich auf Sonne, Sterne, Wellengang und ihren Instinkt. Die Fahrt mit Sugime auf hoher See dauerte mehr als 45 Stunden, die meiste Zeit gab es keine Sicht auf die Insel, die sie ansteuerten. In einer Art Tagebuch berichtet die Crew von erschöpfungsbedingten Navigationsfehlern, Wasser im Boot, Schmerzen und dem Kampf gegen Müdigkeit und Hitze. „Diese Pioniere müssen allesamt erfahrene Paddler mit effektiven Strategien und einem starken Willen gewesen sein, das Unbekannte zu erkunden“, sagte Kaifu. Dabei war die Fahrt übers Meer in der Altsteinzeit für die Menschen eine Reise ohne Rückkehr. Denn die Strömung ließ eine Reise in umgekehrter Richtung nicht zu. „Wenn man eine Karte hat und das Strömungsmuster des Kuroshio kennt, kann man eine Rückreise planen, aber solche Dinge fanden wahrscheinlich erst viel später in der Geschichte statt.“
Archäologie: Im wackeligen Einbaum übers Meer – wie vor 30.000 Jahren - WELT
Menschen aus der Altsteinzeit waren zu großen Taten fähig. Forscher haben nun ein Experiment gewagt: Sie bauten ein Kanu aus einem Baum mit primitiven Mitteln. Dann paddelten sie von Taiwan aus los – in einer der gefährlichsten Strömungen der Welt.






