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enn ich eine Dose auf dem Gehsteig liegen sehe, dann hebe ich sie nicht auf, ich kicke sie nicht mit dem Fuß weg. Ich gehe einen kleinen Bogen darum. Das hat mir mein Vater vor mehr als 30 Jahren geraten, das mache ich bis heute so. Das ist die eine kleine Angewohnheit, die mir von der Brief- und Rohrbombenserie des Attentäters Franz Fuchs geblieben ist, die Mitte der 90er-Jahre Österreich und Deutschland erschütterte.

Ein Dutzend Menschen wurden damals verletzt, vier junge Männer starben im Februar 1995 nahe der Roma-Siedlung im burgenländischen Oberwart. Sie hatten eine Tafel mit der Aufschrift „Roma zurück nach Indien“ entfernen wollen, dabei explodierte eine Rohrbombe.

Der Nachname meiner Familie, Resetarits, tauchte damals in einem Bekennerschreiben der „Bajuwarischen Befreiungsarmee“ auf, das wenige Tage nach dem Attentat von Oberwart an einer Bushaltestelle im burgenländischen Ollersdorf gefunden wurde: „Clans der Schifkowits, Grandits, Stoisits, Resetarits und Janisch zurück nach Dalmatien …“, stand da.

Im Nachhinein sollte sich herausstellen, was meine Eltern ohnehin vermutet hatten: dass die Drohung an die bekannte Stinatzer Familie mit dem gleichen Nachnamen gerichtet war, zu der auch der „Kottan ermittelt“-Darsteller Lukas, der bereits verstorbene Sänger Willi und der Moderator Peter Resetarits gehören. Ein an ihre Mutter adressierter Brief mit Sprengfalle ging 1995 frühzeitig in einem Postkasten in Graz hoch. Doch bis dahin, oder eigentlich bis zur Verhaftung des Täters Franz Fuchs im Oktober 1997, inspizierten meine Eltern jedes Paket sehr genau, überprüften den Unterboden des Autos nach Sprengfallen, bevor sie einstiegen, und rieten uns Kindern, bei Dosen auf dem Spielplatz vorsichtig zu sein.