Die saftigsten Herzkirschen hingen ausgerechnet im Bauerngarten des alten Anderl. Leider bewachte der gute Mann diesen Schatz so streng wie die Amis ihre Goldbarren in Fort Knox. Wir Buben waren also gezwungen, uns im Schutze der Nacht an den Baum heranzuschleichen, um uns heimlich an den herrlichen Früchten zu laben. Böses ahnend, lag der Anderl jedoch schon auf der Lauer und fuchtelte ganz aufgeregt mit seiner Schrotflinte herum, als wir oben in den Ästen nach den Kirschen griffen. In höchster Not galt es nun, geschwind vom Baum zu springen und die Flucht zu ergreifen, auch wenn wir uns dabei die Haxen verstauchten und die Knie blutig schlugen. Der Anderl schrie uns Verwünschungen hinterher, die keinen Zweifel aufkommen ließen, dass wir der ewigen Verdammnis anheimfallen würden.

Kirschbäume sind ein Quell der Freude und der Versuchung. Aber wer macht sich heute noch die Mühe, sich um einen solchen Baum zu kümmern. Jeder Supermarkt offeriert Kirschen, dort droht keine Gefahr, vom Ast zu stürzen oder in einen Wurm zu beißen. Und trotzdem hat sich in einem Lebensmittelladen im niederbayerischen Velden am Kirschenstand Unerhörtes zugetragen.

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