PfadnavigationHomeICONISTServiceSicherheit im AutoWarum auch Sie Ihr Kind wahrscheinlich falsch anschnallen – und worauf es wirklich ankommtVon Anja Francesca RichterVeröffentlicht am 15.08.2025Lesedauer: 6 MinutenSeit 1993 schreibt Paragraf 21 der Straßenverkehrs-Ordnung vor: Kinder unter zwölf Jahren und 150 Zentimeter Körpergröße dürfen im Auto nur im passenden Kindersitz mitfahrenQuelle: Getty Images/Svetlana RepnitskayaNur jedes vierte Kind sitzt im Auto richtig gesichert – und die meisten Eltern ahnen nicht einmal, dass sie den Sitz falsch einstellen. Mit ein paar Handgriffen lässt sich das Risiko deutlich senken.Die Rückbank ist ihr Königreich. Hier lachen Kinder, schmollen, trinken Kakao in auslaufsicheren Bechern, sie kritzeln mit Wachsmalern auf Papier, sie hören die Lieder von Simone Sommerland oder träumen mit Blick aus dem Fenster. Für Eltern ist der Griff zum Lieblingsstofftier, Nuckel oder dem Spielzeug-911er auf langen Autobahnfahrten ebenso selbstverständlich wie der prüfende Blick in den Rückspiegel: Sitzt der Gurt richtig? Reibt nichts? Ist noch genug Keks im Kind? Und doch zeigt die Realität zwischen Alltagshast und Urlaubsstart, wie schnell Mütter und Väter aus Bequemlichkeit oder Unachtsamkeit die Sicherheit vernachlässigen. So platzieren viele ihren Nachwuchs im Auto verkehrt und verschärfen insbesondere bei Frontalcrashs damit das Verletzungsrisiko etwa für Kopf, Hals oder Wirbelsäule. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage im Vorfeld des Tags der Verkehrssicherheit und der Sommerferien, in denen mehr als die Hälfte der Familien mit dem Auto verreist, drehen 73 Prozent der Eltern den Kindersitz nämlich schon vor dem zweiten Geburtstag in Fahrtrichtung. Experten raten eindeutig davon ab. Wird der Sitz zu früh gedreht, steigt das Verletzungsrisiko bei Unfällen um bis zu 50 Prozent – auch schon bei Tempo 30. Im Jahr 2023 verunglückten über 27.200 Kinder unter 15 Jahren im Straßenverkehr. 44 starben, 13 davon als Mitfahrer im Auto.Lesen Sie auchKonkrete Zahlen zu Unfallfolgen bei korrekter oder falscher Sicherung von Kindersitzen gibt es nicht. Das betont Heiner Sothmann von der Deutschen Verkehrswacht. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle – etwa der Fahrzeugtyp, der Einbauort des Sitzes, die korrekte Installation und die Art des Unfalls. All das macht Vergleiche nahezu unmöglich.Bereits 2018 zeigte eine Studie der Unfallforschung der Versicherer: Rund zwei Drittel aller Kindersitze werden fehlerhaft verwendet. Das schmälert die Schutzwirkung oder hebt sie ganz auf. Dieser Missstand betrifft alle Modelle und Altersgruppen. Häufige Fehler sind eine falsche Befestigung, eine falsche Gurtführung oder die Nutzung für Kinder, die nicht mehr zur Alters- oder Gewichtsklasse passen.Verkehrsexperten, wie die der Landesverkehrswacht Bayern, raten: Kleinkinder sollten möglichst bis zum vierten Geburtstag rückwärtsgerichtet im passenden Sitz, dem sogenannten Reboarder, angeschnallt werden. Bei einem Frontalaufprall wird der Kopf in die Sitzschale gedrückt. So sinkt die Belastung auf Nackenmuskulatur und Wirbelsäule deutlich.Entscheidend ist heute die Größe des Kindes, nicht mehr das Gewicht. Für Kinder auf dem Beifahrersitz gibt es Modelle mit Ganzkörper-Airbag. Neueste Technik wird oft als Verkaufsargument genutzt, ein Sitz ohne sie ist aber nicht zwangsläufig schlechter, betont Heiner Sothmann. Sichere Kindersitze dürfen kein unbezahlbarer Luxus sein. Jedes Kind soll bestmöglich geschützt im Auto mitfahren können.Besser auf dem Rücksitz aufgehobenWeniger bequem für Eltern, aber deutlich sicherer: Kinder sollten immer auf den Rücksitzen im Kindersitz angeschnallt werden. Das empfehlen die Deutsche Verkehrswacht, Unfallforscher und Mediziner. „Der sicherste Platz im Auto ist hinten in der Mitte. Gibt es dort einen Dreipunktgurt und einen vollwertigen Sitz, sollte der Kindersitz genau dort montiert werden. Wird die Fahrgastzelle bei einem Unfall eingedrückt, ist das Kind dort am besten geschützt“, sagt Luca Genovese, Leiter Forschung und Prävention bei AXA.Das Problem: Das Isofix-System, eine genormte feste Verbindung zwischen Kindersitz und Auto, ist auf dem mittleren Sitz meist nicht vorhanden, warnt Heiner Sothmann von der Deutschen Verkehrswacht. Seine Empfehlung: In diesem Fall den Kindersitz möglichst rechts platzieren. So gelingt ein sicherer und bequemer Ein- und Ausstieg am Gehweg.Hersteller verbauen Isofix seit 2014 in fast allen neuen Autos – ausgenommen Zweisitzer, Wohnmobile und Nutzfahrzeuge. „Der Kindersitz wird mit Isofix-Bügeln fest mit der Karosserie verbunden“, erklärt der ADAC das System. Isofix-Sitze sind zwar etwas teurer als Modelle mit Gurtbefestigung, lassen sich aber meist schneller einbauen. Das gilt besonders für Babyschalen und Sitze für Kleinkinder.Lesen Sie auchDoch warum drehen Eltern den Kindersitz überhaupt verfrüht in Fahrtrichtung? Laut der erwähnten Umfrage im Auftrag des deutschen Unternehmens Cybex, das unter anderem Kindersitze herstellt, gibt es dafür mehrere Gründe:58 Prozent der befragten Eltern wollen während der Fahrt Blickkontakt zum Kind halten. 43 Prozent nennen mehr Beinfreiheit. Auch das Vermeiden von Konflikten zwischen den Kindern (25 Prozent), Reisekrankheit (20 Prozent) und Platzmangel im Fahrzeug (13 Prozent) spielen eine Rolle.Die Preise für Kindersitze variieren laut Stiftung Warentest deutlich: Sichere Modelle gibt es ab etwa 100 Euro. Premium-Sitze mit Airbags, hochwertigen Materialien oder magnetischen Gurten kosten bis zu 700 Euro. „Die hohen Preise hängen auch damit zusammen, dass Kindersitze nach der älteren Prüfnorm UN ECE Reg. 44 – also zwischen 1995 und 2005 zugelassen – seit September 2023 nicht mehr verkauft werden dürfen“, erklärt der ADAC. Sie dürfen aber weiterhin genutzt werden. Vom aktuellen Verkaufsverbot im Fachhandel ist vor allem das untere Preissegment betroffen: „Denn seit Einführung der neueren Norm UN Reg. 129 bringen die meisten Hersteller nahezu ausschließlich teurere Modelle mit Isofix auf den Markt.“Lesen Sie auchDie meisten von Stiftung Warentest untersuchten Sitze schneiden mit „gut“ ab. Testsieger bei den Babyschalen ist der „Maple + Alfi Basis“ von Thule, der unter anderem mit einer Liegefunktion für schlafende Babys überzeugt. Bei den Kleinkindersitzen liegt der „Nuna Pruu“ vorn. Für Kinder bis sieben Jahre empfiehlt sich unter anderem der „BeSafe Beyond + Beyond Basis“.Wer einen Kindersitz aus Kostengründen gebraucht kaufen möchte, sollte laut ADAC unbedingt auf einen einwandfreien Zustand achten – also kein rissiges Material – und ein Prüfsiegel am Sitz (i-Size/UN Reg. 129, UN ECE Reg. 44/04 oder UN ECE Reg. 44/03) vorfinden. Bei Abo-Modellen mieten Eltern die Ausstattung für wenige Jahre. Der erwähnte „Nuna Pruu“ kostet beim Anbieter StrollMe ab 17,90 Euro im Monat, die Thule-Sitzschale verleiht Nomadi ab 18 Euro pro Monat.Tablet oder Smartphone als letzter AuswegNur was tun, wenn der Nachwuchs schon nach 50 von 500 Kilometern zum 17. Mal die berühmte Frage stellt: „Wann sind wir da?“ Neben Klassikern wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“, dem Hören von „Conni“– oder „Die Drei ???“–Geschichten oder solchen mit verheißungsvollen Titeln wie „Der Tag, an dem Max dreimal ins Auto gekotzt hat“, bieten sich Malen mit Stiften auf Wasserbasis an. Oder auch eine Runde Reise-Bingo – dabei suchen Kinder unterwegs nach verschiedenen Motiven entlang der Strecke.Tablets oder Smartphones mit Filmen oder Serien sollten nur die letzte Option sein – das empfiehlt, mit ironischem Unterton, sogar die Künstliche Intelligenz auf Nachfrage, was Kinder im Auto möglichst wenig beschäftigen sollte.
Babyschale bis Autositz: Warum auch Sie Ihr Kind wahrscheinlich falsch anschnallen – und worauf es wirklich ankommt - WELT
Nur jedes vierte Kind sitzt im Auto richtig gesichert – und die meisten Eltern ahnen nicht einmal, dass sie den Sitz falsch einstellen. Mit ein paar Handgriffen lässt sich das Risiko deutlich senken.








