PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungKritik als TrendDie Propaganda-FalleVon Celine BabachanVeröffentlicht am 19.06.2025Lesedauer: 2 Minuten„Propaganda“ nennen, posten, scrollen – Kritik im KomfortmodusQuelle: Screenshot WELT/TikTokLeben wir in einer Welt der Propaganda, die uns bis ins kleinste Detail vorgibt, wie wir zu leben haben? Das behauptet eine Parole, die gerade auf TikTok viral geht: „Propaganda I’m not falling for.“ Doch die Rebellion hat einen Haken.Rasierte Beine? Propaganda. Monogamie? Propaganda. Karriere? Propaganda. TikTok-User listen unter dem aktuell viralen Hashtag „Propaganda I’m not falling for it“ (zu Deutsch: „Propaganda, auf die ich nicht reinfalle“) mittlerweile alles auf, was ihnen zu normativ, zu trendy, zu anstrengend erscheint – und stempeln es kurzerhand als Manipulation ab. Der Begriff „Propaganda“ klingt rebellisch – und suggeriert: Wir lassen uns nicht mehr verführen. Nicht von Schönheitsidealen, nicht vom Leistungsdruck, nicht von gesellschaftlichen Erwartungen. Es ist, als würde eine ganze Generation durch ihr Smartphone seufzen: Lasst uns in Ruhe mit euren Forderungen! Der Trend ist kein Zufall. Er spitzt vielmehr die digitale Debattenmüdigkeit weiter zu. Natürlich steckt darin auch ein Versuch, sich der vermeintlichen Dauerbeeinflussung bestimmter Themen zu entziehen. Auch ich bin müde von all den Mikro-Entscheidungen, die heute politisiert werden: Was ich esse, wie ich rede, was ich benutze. Alles ist gleich ein Statement. Dabei drängt sich eine grundsätzliche Frage auf: Wissen die User überhaupt, welche politische Schwere der Begriff „Propaganda“ trägt? Ursprünglich stand er für gezielte staatliche Einflussnahme, für Kontrolle, Ideologie und Zensur. In diesem Trend jedoch wird er entkernt, ironisch aufgeladen und inflationär gebraucht. Was hier als Propaganda gebrandmarkt wird, bleibt oft vage. Die Clips sind minimalistisch inszeniert, unterlegt mit melancholischen Songs wie „I Think About It All the Time“ von Charli XCX und Bon Iver. Die Zeile „We had a conversation on the way home“ klingt nach Dialog. Nur: Der findet kaum statt. Denn der Trend verweigert sich der Auseinandersetzung. Und er verwechselt persönliche Ablehnung mit gesellschaftlicher Kritik. Echte Kritik ist unbequem. Sie braucht Mut, Widerspruch, Argumente. All das ist in der zu Schnipseln verknappten Welt von TikTok kaum noch vorgesehen. Dort möchte niemand falschliegen. Lieber schweigt man – oder verpackt seinen Standpunkt als ästhetischen Clip. Fertig ist der Widerstand. So leise, dass man sich fragen muss, ob er überhaupt stattfindet. Wer alles für Manipulation hält, glaubt irgendwann an nichts mehr. Und das, ironischerweise, könnte die wahre Propaganda sein, auf die viele gerade hereinfallen.
Soziale Medien: Die Propaganda-Falle - WELT
Leben wir in einer Welt der Propaganda, die uns bis ins kleinste Detail vorgibt, wie wir zu leben haben? Das behauptet eine Parole, die gerade auf TikTok viral geht: „Propaganda I’m not falling for.“ Doch die Rebellion hat einen Haken.






